8 millions and 800 thousand
April 22, 2025 in the United States ⋅ ☀️ 14 °C
Ganz langsam senkt sich die Nacht über die Chestnut Street, den Palace of fine arts und die Golden Gate Bridge in der Ferne. Der Himmel wird dunkler und dunkler, die Lichter treten mehr und mehr vor dem sich dunkel färbenden blauem Himmel heraus. LET IT BE erklingt aus dem Spotify-Kanal, den ich eingeschaltet habe. Ich sitze am Fenster meines Motelzimmers. Wenn ich die Beatles jetzt höre, werde ich eine Weile an die Fotoausstellung im DeYoung-Museum denken. Der letzte Abend in San Francisco ist angebrochen. Meine Füße tun weh. Mehr als 20 km jeden Tag gegangen. Knieschmerzen, die nicht vergehen und die mich ärgern. Voller Wehmut schaute ich den jungen SportlerInnen auf dem Sportplatz zu. Baseball, Rugby, Tennis, Laufen. Überall Jogger, immer und überall. Die Welt der Vororte ist hier anders aus als bei uns, wirkt lebendiger, jünger, weniger ernst, ehrlich gesagt.
Zum Sportthema passt der Film, den ich als letztes im San Francisco Filmfestival soeben gesehen habe. JULIETTE KEEPS SILENT, zweifellos wieder ein guter Film, diesesmal aus Belgien. Juliette spielt Tennis. Im erden Bild, die alle aus starren Kameraeinstellungen bestehen, rennt sie immer wieder hinaus. Bekommen wir sie zu fassen. Ja. Immer mehr wird sie sichtbar, Mittelpunkt der Bilder. Ihr Trainer ist Übergriffe geworden. Sie war von ihm abhängig. Eine Mitspielerin mit dem gleichen Trainer hat sich das Leben genommen. Doch Juliette redet nicht. Zu sehr ist sie abhängig. Nur langsam langsam löst sie sich. In Andeutungen, sowohl bildlich wie textlich. Einmal meint man, dass der Film.zu Ende ist und alles offen lässt, doch dann holt er noch einmal aus, bringt den Übergriffe des Trainers zum Ausdruck. Juliette wird reden.
Spotify schlägt Sounds of Silence vor. Ich denke an Berkeley, bleibe dabei, als auch noch Mrs. Robinson ertönt. Die Geschichten sind bald 60 Jahre her, ich bin mit ihnen aufgewachsen, inzwischen gehören sie zum Repertoire der alten Leute. Da ist nichts zu ändern. Ich denke an den inzwischen betonierten Brunnen im Universitätsgelände.
Heute wollte ich einen ereignislosen Tag haben, vor allem nach den morgendlichen Schwierigkeiten daheim, nachdem mich der Wecker um 4.30 Uhr Ortszeit aus Versehen weckte. Mein Gehirn sprang an, ich richtete die Dispo, schaffte es danach noch einmal einzuschlafen, suchte eine Bäckerei, beschloss dann einen Bus zu nehmen und lernte im Laufe des Tages endlich die Geheimnisse der Clipper-App, die mich durch den Nahverkehr der Stadt die ganze Zeit mit vielen Tücken brachte. Überquerte Die Golden Gate Bridge, stieg am oberen Ende von Sausalito und ging wir immer mit schmerzenden Knie die Serpentinen herunter vorbei an Häusern, die architektonisch immer wieder interessant an den steilen Hang mit prachtvollen Aussicht gebaut waren. Unter den davor stehenden Wagen war auch ein Mercedes 500. Die Anwesen mussten Millionen kosten - und wirklich, in einem Schaufenster an der Promenade von Sausalito, wurden die Anwesen von Engel&Völkers, auch hier also, angeboten. 8,895.000 Dollars. Ist das noch verhältnismäßig? Gerecht? Sinnvoll?
Viele solcher Gedanken an diesem Tag, aber auch über meine Unfähigkeit, bei der es fast erstaunlich ist, dass ich irgendwie weitergekommen bin. Ich wartete an einer Bushaltestelle, mit klarem Plan, zum Muir Woods Monument zu fahren, samt genauer Taktung, da mit öffentlichen Verkehrsmitteln die Rückkehr schwierig werden könnte. Ich wartete also. Der Wind blies stark, dehnte mich, um die Knie zu entlasten, eine schwarz gekleidete Frau mit Rucksack ging vorbei, bemerkenswert, weil sonst niemand hier spazierenging oder zu Fuß sein Ziel suchte wartete 13.05 Uhr sollte der Bus kommen, was war 13.03 Uhr, ich schaute, kein Bus, nur der übliche Strom der Fahrzeuge in Richtung Freeway, ich schaute wieder, endlich kam der Bus, ich stieg ein, nein Clipper funktionierte mal wieder nicht, aber ich sollte mich einfach setzen, tat dies, schaute in mein Handy, suchte nach der Route, schaute auf, runzelte die Stirn, schaute ins Handy, fand die Route nicht mehr und - wusste, dass ich im falschen Bus war. Die Busfahrerin bestätigte es, lud mich am Freeway ab. Ich war frustriert, überquerte Die Autobahn, um an der Busstation zurück zu warten. Autos, LKW s und Busse donnerten vorbei wie damals, als ich wirklich gedacht hatte, per Anhalter aus Flagstaff wegzukommen. 44 Jahre später hatte sich an der Absurdität der Situation nichts verändert.
Dann kam ein Bus, Eintritt an diesem Tag war frei, warum, wusste der Busfahrer auch nicht, und ich gelangte nach Marin City kurz vor Sausalito. Ich hatte einen anderen Plan. Hausboote anschauen, sehr liebevoll dem Ort vorgelagert, einen Kaffee trinken, ebenfalls liebevoll von einem Portugiesen zubereitet, dabei die Kontaktlinse zu reinigen, die durch den Wind und die somit hineingetragenen Staubkörner Schmerzen verursachten, und die Fähre nach San Francisco zurückzunehmen, vorbei an Alcatraz, wieder mit Blick auf Golden Gate Bridge, aber auch der langen Oakland Bridge. Das Leben ist, wie es ist, auch wenn man Pläne über den Haufen schmeißen muss.
Auf der Fähre posierten drei spanisch sprechende Mädchen, aber auch zwei dunkelhäutige Mädchen, vor den Piers boten Mexikaner und ihre Familien Essen an, spielten eine Musik ab und bewegten sich dazu, ein UPS Fahrer hielt neben mir und fragte, ob ich Bob wäre. Er lachte dabei. Ich verneinte. Haben wir schon mal einen lachenden UPS Fahrer bei uns gesehen? Sie dachten oder verglichen sich auf alle Fälle nicht mit dem 8,895.000 Dollar-Angebot für ein Haus in Sausalito.Read more












