• Der 20-Dollar-Schein

    27 agosto 2025, Italia ⋅ ☁️ 25 °C

    Am Ende sagt Julia Roberts alias Alma Imhoff 'Check please', bekommt die Rechnung, legt einen 20 Dollar Schein auf den Tisch und geht. Sie hat sich mit der jungen dunkelhäutigen Studentin getroffen, die letztendlich ihre Entlassung aus dem Universitätsbereich gepaart mit ihren eigenen strukturellen Defiziten bewirkt hat. Auf dem Geldschein ist der siebte Präsident der USA, Andrew Jackson, abgebildet. Seit bald zehn Jahren debattiert man aber darüber, ob man die AktivistIn gegen die Sklaverei Hariett Tubman in Zukunft darauf abdrucken sollte. Im Prinzip geht der ganze Film über diese Diskussion. Oder anders gesagt über den Abgesang einer Zeit, die versucht ihre Privilegien und Machtstrukturen noch ein wenig zu erhalten. Allein für diese Szene und die Darstellung der Julia Roberts ist dieser manchmal zu überklug daherkommende Film, wobei es bewusst eingesetzt ist, sehenswert.
    Man merkt, ich bin in Venedig und pendle in meinem Kopf zwischen Zeit- und Raumebenen einher. Die eigenen Gedanken und Erinnerungen, die Welt meines Geschäfts, die Besucherzahlen, die Menschen dahinter, die sich die von mir ausgewählten Filme anschauen, die Organisation und Buchhaltung, die dahinter immer noch bei mir liegt, die Anfragen von Veronika über das Festival, das in zehn Tagen beginnt und geplant werden muss, die Zeit danach, das Kino, die Planungen, die Ideen, die Familie. Heute hat Katharina Geburtstag, Kinderlieder aus der Schweiz, die Sonne scheint durch das Fenster, Tiu wächst, Oki ist wild, ich kenne all diese Momente, sie liegen weit zurück, aus einer Welt, die vergeht, wie der Präsident auf dem 20-Dollar-Schein. Noch wird er aber abgebildet, herumgereicht, auf den Tisch als Zahlungsmittel, Wertobjekt angenommen.
    Ich freue mich an den Bildern der Enkel denke auch darüber nach, wie meine Kinder ihr Leben meistern, im Vergleich zu meinem, in der Rückschau. Ich habe es so gut gemacht, wie es mir damals möglich schien. Erst im Alter sieht man mehr den wirklichen Anteil seiner Eigenheiten, der anderen Möglichkeiten, die man nicht genommen hat. Schade, dass ich es nicht mehr mit einer Partnerin, Ex-Partnerin teilen kann. Vielleicht habe ich dieser Möglichkeit zu wenig Raum gegeben, ohne mit bewusst zu sein. Da scheinen mir die Kinder zum Glück nachhaltiger an die Gestaltung des gemeinsamen Lebens heranzuziehen, vielleicht als Reaktion.
    Draußen Sonne über der Via Garibaldi. Buongiorno, due cafe, un brioche, als Kind schon kam ich nach Venedig, damals von Bibione aus, seit bald 40 Jahren als Filmfestival- und Biennalebesucher. Faszinierend ist die Kreativität, die so viel frei gibt, Luft zum Schweben, Luft zur Beobachtung, Lust zur Wiedergabe.
    Vom ersten Abend:
    Da ist dieses Strahlen, Leuchten in den Augen, Lächeln um die Mundwinkel der jungen Frau. In den blauen Augen spiegelt sich einen Moment lang Freundlichkeit, Empathie und Lachen. Dabei ist es nur eine Bestellung, einem Kellner gegenüber geäußert. Ihr gegenüber sitzt ihr Partner. Er schaut in das Handy. Von hinten wirkt er wie Ben Affleck. Ich schaue auf seine Füße, hätte gedacht, dass sie dauernd auf und abschwingen, aber er bewegt sie nur leicht an den Fersen gegeneinander. Kurz zeigt er ihr ein Bild auf dem Handy. Sie nimmt es ohne Regung wahr. Ihr Gesicht hat jeden Ausdruck im Miteinander verloren, jede Farbe, jede Authentizität, jedes Lächeln. Es wirkt fahl, gewöhnlich, gelangweilt, fast leer. Irgendwann kommt die Rechnung. Die beiden stehen auf und gehen. Sie haben nichts mehr miteinander geredet.
    Eine beiläufige Szene. Nichts Besonderes. Drei Tage später legt Julia Roberts zum Abschluss des Films einen 20-Dollar-Schein auf den Tisch. Viele werden ihn nicht beachten, andere ihn nur als Metapher für den Kapitalismus oder die Machtstrukturen sehen, wenige als noch mehr, als Geschichte, vor allem als passende Geschichte.
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