• Geschichten

    November 7, 2025 in Algeria ⋅ ☀️ 16 °C

    Tagesplan - 6.Tag:
    Sie starten früh mit dem Rückweg und halten nach ca. 2,5 Stunden noch für eine kurze Mittagspause an, bevor es über den Eselspfad bergab bis zum unteren Bereich des Plateaus geht. Dort wird das Nachtlager aufgebaut.
    Abstieg: Vormittags ca. 2,5 - 3 h, Nachmittags ca. 2,5 - 3 h

    9. November. Nach dem Abstieg zum ersten Treffpunkt stehen schon die Autos bereit, die uns nach Djanet bringen sollen. Es ist um neun Uhr früh so heiß, dass wir die Schatten der Autos suchen. Sonst gibt es keinen. Wir bedanken uns mit einem Trinkgeld bei den Eselführern, Baba, dem Guide in blauem und schwarzen Kaftan, der sein Gesicht mit einem weißen Schesch bedeckt hält. Bei der Übergabe des Geldes sehe ich, dass er einen Schnurrbart hat. Ich würde ihn nie erkennen, wenn er mir ohne seine Verhüllung begegnete. Seine Nase ist wohlgeformt, Knochen, um seinen Augen liegen in braundunkler Lach- und Sonnenfalten, wie ich sie nenne.

    Zwei Tage später erfahre ich, dass er in einem unbeaufichtigten Moment nicht nur eine Frau belästigend attackiert hat. In der Gruppe wurde es nicht besprochen. Ich habe es erst auf der Heimfahrt erfahren.

    Duschen und neu einkleiden in der Garage, dem Treffpunkt von Tuaregreisen, ein Flachbau mit Dusche Küche, Versammlungsraum im Schatten, Mäuerchen, vor dem Rosen blühen. Wir hängen Kleidung darüber und stellen die Powerbanks davor auf. In einer Reihe liegen die Errungenschaften unserer Zivilisation in schwarz mit orangener Umrundung am Boden. Vor zehn Jahren gab es sie noch nicht und wer weiß, was in 10 Jahren sein wird.
    Fahrt aus Djanet heraus, an Militäranlagen in flachen Bauten, Zäunen und kleinen Wachtürmen vorbei in ein weites Land. Die Hügel braun und steinig, daran Sandflächen, manchmal ein Busch eine Schirmakazie, die Straße schwarz geleert, manchmal mit Sand überzogen, wie bei uns im Winter von Schnee. Keinerlei Verkehr.
    Kontrollzentrum in den Park. Quergestellter riesiger Lastwagen. Papiere werden überprüft. Dann Weiterfahrt, bis der Toyota in den Sand abbiegen. Die Wege werden nun so wie wir sie aus Kreta, Rhodos, Zypern oder ich dieses Jahr aus Kawaii kenne. Ungenießbare Bitterkürbisse liegen am Boden, eine Kamelstute mit ihrem Fohlen läuft hastig davon, als die Autos heranbrausen, sie überholen und schließlich in ein Tal abbiegen, wo der Nachtplatz ist. Etwas mehr Zeit vor dem Fünf-Uhr-Tee und später dem Abendessen. Da ist es dann pechschwarz oder sternenklarschwarz. Keine andere Lichtquelle gibt es als ab und zu eine Stirnlampe oder das Feuer, das sich die Fahrer gemacht haben.
    Geschichten werden erzählt. Manche wiederholen sich, bis man sie nicht mehr hören will, andere erzählen vom Leben der Gruppenmitglieder und noch andere formen sich, weil nichts weiter hier ablenkt, die Sterne in einer Vielfalt erscheinen, wie wir sie gar nicht sehen, aber sie sind da. Es geht um die Wendezeit 1989, die ich nachfrage bei den Sachsen, um Corona, das ich bei Rosi nachfragen, Franziskas schreckliches Erlebnis mit dem Krebstod ihres Sohnes, Deborahs Arbeit im Schweizer Amt, erst beim Zoll in Saarlouis, später wieder in Bern, Connys Lebensweg bis zur mit ihrem Mann aufgebauten Balllonflugfirma, Alpenüberquerung in bitterer Kälte oder ein paar Stunden im Oberland. Dazwischen immer Uwes Geschichten von seinen Reisen, sein wohlwollender Blick auf die Russen, seine Erzählungen von der Transsibirischen Eisenbahn dem Baikalsee, aber auch Brasilien und viele andere Länder. Über 70 Jahre alt, ehemaliger Kiefernchirurg mit bewegter Lebens- und auch Frauengeschichte, graue Dreadlocks, die gleich ein Gespräch leicht machen.
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