• Colorado - Teil 1

    3.–14. jul. 2024, Forenede Stater ⋅ ☁️ 30 °C

    Nach einer Nacht in Lima am Flughafen und einem langen Flug holt Albert mich abends in Denver am Flughafen ab. Die ersten Tage sind schon ein bisschen schockierend für mich: Hier herrscht wieder der Individualismus, wer irgendwo hinmöchte fährt mit dem eigenen Auto. Dabei sind die Straßen so groß, so leer... Ich hätte es nie gedacht, aber ich vermisse den Trubel auf den Straßen, Straßenverkauf, Leute, die einfach auf dem Gehweg sitzen und sich unterhalten, die Straßenhunde die zwischen den Ständen rumstrolchen und auf ein wenig Essen hoffen. Die Tage bei Albert sind allerdings richtig schön, wir gehen Mountainbike fahren, essen viel und gut und ich spiele sehr viel auf seiner Gitarre. Ganz vielen Dank für deine herzliche Gastfreundschaft, Albert!

    Am Wochenende besuche ich meinen besten Freund aus meiner USA-Schulzeit, Brandon, der inzwischen in Lafayette, nordwestlich von Denver wohnt. Wir reden viel, fahren mit seinem übergroßen SUV in den Rocky Mountain Nationalpark und wandern dort ein bisschen. Es ist schon ein bisschen verrückt, ihn wiederzusehen. Er arbeitet seit sieben Jahren, während er so davon erzählt, denke ich mir: Was habe ich eigentlich die ganze Zeit gemacht? Am Ende des Wochenendes gibt er mir sein altes Auto (er hat natürlich zwei) und stattet mich mit Campingkocher, Matratze, Schlafsack, Campingtisch und -stuhl und zwei Kühlboxen aus. Ich stehe ein wenig verblüfft da und denke mir: Jetzt kann ich auch in die Berge fahren!

    Erstmal fahre ich allerdings für eine Nacht zurück zu Albert. Am nächsten Tag (Dienstag) geht es dann los: Zum Red Rocks Amphitheater, dann auf der Interstate 70 hoch in die Rocky Mountains. Ich fahre ohne Navi und gucke nur ab und zu auf die Karte, viele der Straßen kenne ich noch. Außerdem ist die Beschilderung sehr gut. Ich fahre durch Leadville zu den Twin Lakes, dort übernachte ich eine Nacht auf einem Campingplatz. Eigentlich will ich mich irgendwo an einer Passstraße schlafen legen, entscheide mich aus Angst vor den Bären aber doch für den Campingplatz. Später höre ich, dass die Wahrscheinlichkeit, einem Bären zu begegnen auf dem Campingplatz eigentlich größer ist... Am nächsten Tag fahre ich nach Buena Vista und auf die US-285, eine Straße, auf der wir früher sehr oft unterwegs waren. Sie führt über weite Strecken schnurgerade über eine Hochebene, bis sie in einer langen Kurve wieder in den Bergen verschwindet. An diese Kurve kann ich mich noch sehr gut erinnern: Als wir das erste Mal, aus der anderen Richtung, um diese Kurve gefahren sind, sind uns fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Diese unglaubliche Weite, eingerahmt von hohen Bergen, mittendrin eine schnurgerade Straße, die ohne Kurve am Horizont verschwindet... Wahnsinn. Diesmal komme ich aus der anderen Richtung. In der Kurve ist ein Parkplatz, dort halte ich an, mache ein paar Bilder und werde von einem alten Amerikaner angesprochen. "Do you like to listen to music?", fragt er mich. "I make music and I would like to give you a CD! It's Colorado music!". Ich nehme die CD dankend an und mache noch ein Bild mit ihm. Er heißt Dan Morrissey, kommt ursprünglich von irgendwo weiter östlich in den USA und lebt seit einiger Zeit in Colorado. An diesem Nachmittag fahre ich noch bis zu einer sogenannten "Designated Campsite" an der Guanella Pass Road, die die US-285 etwa auf dem Längengrad von Georgetown mit der I-70 verbindet. Hier stehen explizit Warnschilder, die auf die Bären hinweisen, aber nach meiner ersten Nacht in den Bergen fühle ich mich etwas sicherer. Ich mache noch ein kleines Lagerfeuer, esse Tortillawraps mit refried beans und gehe schlafen.

    Die nächste Nacht (Donnerstag auf Freitag) verbringe ich mal wieder bei Albert. Diesmal ist seine Frau Gerlinde auch zu Hause, die war gerade in Österreich. Freitagnachmittag packe ich all meine Sachen ins Auto, verabschiede ich mich von den Beiden und treffe mich mit David im Mathews / Winters Park zu einer kleinen Wanderung. Es ist richtig schön, ihn wiederzusehen, wir unterhalten uns viel darüber, was wir jeweils die letzten 11 Jahre gemacht haben. Er hat sein Studium längst abgeschlossen, arbeitet seit fünf Jahren in der Autoindustrie und hat drei Autos zu Hause stehen. "Are you a car guy?" fragt er mich noch. Nein, zum Glück bin ich das nicht.
    Aufgrund eines kleinen Missverständnisses mache ich mich nach dem Treffen wieder auf den Weg ins Ungewisse: Ich dachte, ich kann das Wochenende bei ihm übernachten, das hat er anscheinend anders verstanden. Also: Einkaufen, tanken, was essen und auf in die Berge. Als ich zum zweiten Mal diese Woche auf die I-70 auffahre verschwindet die Sonne gerade hinter den Bergen. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, an der Jones Pass Road zu campen, überlege aber während es dunkler wird, ob ich mich wirklich traue bis dorthin zu fahren. Irgendwann spät an dem Abend parke ich im stockdunklen alleine in der Nähe einer Mine auf der Jones Pass Road und lege mich schlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwache bin ich umgeben von Autos und Menschen: Anscheinend stehe ich direkt an einem beliebten Wanderweg. Ich beobachte das Treiben eine Weile, mache mich dann aber wieder auf den Weg. Ich treffe mich mit David ganz in der Nähe auf dem Berthoud Pass, dort gehen wir eine weitere Runde wandern. Danach lädt er mich in Empire bei Dairy King auf einen Burger ein. Abends fahre ich über Georgetown auf die Guanella Pass Road, an der ich vor ein paar Tagen schon übernachtet habe. Diesmal ist mein Ziel allerdings der Mount Bierstadt Trailhead. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, mindestens auf einen 14er (so heißen hier die Berge, die über 14.000 Fuß hoch sind) zu wandern, Mount Bierstadt ist einer der Einfacheren.
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