"Preis für 2 Augenblicke Unachtsamkeit
14. november 2024, Indien ⋅ ⛅ 9 °C
Nimm dir ein bisschen Zeit für diesen Text heute und lasse dich von mir nach Shimla, an den Morgen meines Ausbruchs nach Dharamsala entführen:
Als ich heute morgen mein kleines Zimmer, wo ich genächtigt hatte verließ,war ich bestens organisiert. Zeitgerecht erwacht, mit dem am Vorabend gepackten Rucksäcke, lief ich den vorab erkundeten Weg zur alten Busstation hinunter. Die Sonne schien, die Luft war frisch,ich hatte ein Lächeln im Gesicht. Dort angekommen lehnte ich freundlich die Taxi Angebote ab und fragte mich zum Bus zum ISBT terminal durch. Gefunden, eingestiegen, berieten mich die jungendlichen in Schuluniform, dass die Fahrt nur 10 Rp kostete. Während ich ihre Fragen beantwortete, dass ich mit dem 09.40 Bus nach Dharamsala fahren würde, legte ich mein Gepäck ab, um mein Geld aus der Bauchtasche zu holen, als mir plötzlich heiß und kalt zugleich wurde und die Zeit für einen Augenblick still zu stehen schien. Die Bauchtasche lag noch unter dem Kopf Polster im Quartier. Ich hatte sie nicht umgelegt. Schock. Scheiße. Ich legte meinen Packrucksack um und stürzte aus dem Bus. Den Schülern erklärend: "I left my passport at the room!"
Ich laufe aus der Busstation. Doch nach den ersten Schritten fühlt sich etwas ganz komisch an. Ich laufe zu leicht und unbeschwert, etwas stimmt nicht. Mir fehlt mein kleiner Tagesrucksack, den ich vorne dran haben sollte!!! In meinem überhasteten Aufbruch habe ich ihn im Shuttlebus zurückgelassen. Was ist nur los mit mir!?! Ich laufe zurück durch den Morgentrubel der Busstation, Leute sprechen mich an, doch ich suche nur voller Panik den mittelgroßen grün-weißen Bus mit dem ISBT-Schild im Fenster. Vergeblich. Ich drehe mich im Kreis, frage nach dem ISBT-Bus, ein junger Mann deutet nach vorne und ich sehe ihn gerade noch aus der Station fahren. Panik steigt in mir auf. Was mache ich nun? Hier stehe ich also mit nichts als meiner Kleidung, Toiletartikeln und Wasseraufbereitung, alles Geld, Reiseunterlagen und Pass befunden sich - sagen wir einmal "räumlich getrennt von mir", hoffentlich noch greifbar. Aber wie stelle ich es am besten an, beides zurück zu bekommen? Kann ich den Shuttlebus mit einem Taxi einholen? Ich laufe zu den wartenden Taxis zurück und versuche völlig außer Atem und mit Angst in den Augen, den Fahrern dort mein Problem zu erklären. Sie verstehen nur Bruchstücke und sagen mir, um 350 Rp bringt man mich ganz schnell zur Busstation. Ob wir den Bus dann überholen und abfangen können und ich so wieder an meinen Rucksack komme? Dann wieder zurück ins Quartier, um den Pass zu holen und wieder zur Busstation mit dem Risiko, dass die Zeit zu knapp wird, um den 9:40 gebuchten Bus zu erwischen. Oder doch lieber zuerst den Pass und die Bankkarte aus dem Nachtquartier holen, dann zur Busstation fahren und hoffen, dass die Studenten es bemerkt haben und meinen kleinen Rucksack dort vielleicht am Busschalter abgegeben hätten?
Ich entscheide mich für Pass & Geld, weil es einfach höhere Priorität hat und schicke ein Gebet ans Universum, mir meinen Rucksack aufzubewahren.
So lasse ich mich von Taxi so nahe als möglich zu meinen Guesthouse bringen, denn die Wohngegend im Zentrum Shimlas ist nicht mit dem Auto zugänglich und ein Labyrinth aus kleinen, gewundenen Gassen und Stiegenauf- &abgängen. Ich schnappe mir meinen großen Rucksack, weil ich es psychisch nicht schaffe, ihn im Taxi zu lassen mit der Ungewissheit, in er auch wirklich auf mich warten würde, und laufe bergauf, wo ich mein Quartier vermute. Doch es sieht anders aus, als in meiner Erinnerung. Mist. Ich frage zwei junge Männer, dich sie schütteln freundlich lächelnd den Kopf, weil sie mich nicht verstehen. Der nächste kennt das Guesthouse nicht. Ich spüre einen Anflug von Verzweiflung aufsteigen, die Zeit scheint mir davon zu laufen. Mittlerweile scheint die Sonne warm auf uns herunter und Schweiß rinnt in kleinen Bächen an meinem Brustkorb und Schläfen hinab. Ich drehe wieder um Richtung Taxi, um mich neu zu orientieren. Raffe mich nocheinmal auf, einen business-style gekleideten Mann anzusprechen, ja, er kennt die Unterkunft, sein Hotel ist gleich daneben. Halleluja! Ich folge ihm ein paar 100m und siehe da, ich kenn mich wieder aus. Bedanke mich herzlich und laufe wieder los, so schnell es mir bergauf mit Packrucksack auf 2.100m Seehöhe möglich ist.
Ich erreiche sie Unterkunft, mein Zimmer ist offen. Das Bett ist frisch gemacht, die Bauchtasche nicht mehr unter dem Polster.
Ich klopfe an die Privattüre der Vermieter. Nichts. Ich läute an der froßen Kupferglocke neben der Türe. Jetzt höre ich Schritte und als die Junge Frau ganz in schwarz mir die Türe öffnet, sagt sie noch bevor ich sprechen kann: "Ma'm, you forgot your documents. Sorry, we had no phone number to contact you." Ich bedanke mich herzlich viele Male und laufe -diesmal zum Glück bergab und ohne Verirrungen- zurück zum Taxi. Der Fahrer begrüßt mich schon von weitem mit Lichthupe und kommt mit entgegen. 1. Schritt geschafft!!
Flotten Tempos und laut hupend reiht er sich in den fließenden Verkehr aus dem Zentrum hinaus ein. Dann biegt er in einen kleinen Weg ab, der steiler aussieht, als alles, wo ich bisher mit einem Auto hinunter gefahren bin und GSD haben wir nur Mopeds als Gegenverkehr! 🙏
Zur Busstation hin wird es wieder lauter und der Verkehr dichter. Er weist mir den Weg zu meinem Terminal und wünscht mir alles Gute für die Reise. Ich lege 50 Rps auf die vereinbarten 350 drauf und bedanke mich herzlich bei ihm für seine Hilfe!
Wie könnte ich nun hier meinen kleinen Rucksack finden??? Ich marschiere zu den wartenden Kleinbussen, doch erkenne keinen wieder. Es gibt auch kein Office irgendwo, also gehe ich zum Langstreckenterminal und erzähle am Ticketschalter meine Geschichte. Nein, hier sei kein Rucksack abgegeben worden. Ich solle es bei dem "Jockey" dort drüben versuchen. Nach zwei weiteren Runden über den Busbahnhof ist es kurz vor 9:00 und ich gehe im Geiste die Dinge aus meinem Rucksack durch, von denen ich mich nun verabschieden darf:
* Wasserflasche & Thermoskanne - schade, aber ersetzbar
• Ausdrucke von Visum, Pass und Tickets - nervig, aber über einen printshop wieder zu bekommen
• Geldbörse mit restlichen Euros und Kreditkarte - autsch, das tut weh und ist mühsam
• Technik-Tascherl mit Stecker, Ladekabel und Powerbank - auch lästig, aber zu ersetzen
• mein Nordindienreiseführer, wo das Busticket drinnen steckt - Mist, hoffentlich bekomme ich noch einen Sitz in diesem Bus um 9:40!
Ich lasse nun zwar geistig von alldem los, habe aber dennoch das absurde Gefühl, dass ich ihn irgendwie zurück bekommen könnte.
In einem letzten Versuch schreibe ich noch Siddharta, meine neue Bekanntschaft von gestern an, ob ihm etwas einfällt. Er ist prompt mit guten Ratschlägen online und meint, ich müsse zumindest das Ticket wiederbekommen, da es im System vermerkt sein müsste, solange ich meine sitznummer wüsste. OMG, war es 6? Oder 15? Ein Fenstersitz links, das weiß ich noch... Also zurück zum ticketschalter, der Mann kennt mich ja schon. Wir diskutieren hin und her, wenn es nicht online sein, ginge es nicht, meint er. Aber ob er nicht beim Schalter in Shimla anrufen können, die wüssten doch, dass ich gestern dort war. Er ist nett und will mir helfen, ich merke es. Aber der andere Mann blickt streng und schüttelt immerzu den Kopf. Ich drücke noch eins drauf und meine, dass der Verlust meines Rucksacks schon so traurig sei, in sie mir nicht bitte diesen Gefallen tun könnten. Da fragt der nette Mann, ob ich ihn nicht zurück bekommen hätte? Ich verneine traurig. Nun kommt er aus seinem Büro hervor und deutet mir mitzukommen. Eiligen Schrittes läuft er voraus, ich schurle hinterher in die Richtung, in die er mich vorab geschickt hatte. Plötzlich stehen wir vor einem Police Irgendwas und ich denke, na bravo, wenn wir jetzt noch eine Anzeige aufgeben müssen, dass ich ein neues Ticket bekomme, geht sich das alles nie im Leben mehr aus. Da meint er zu mir: "Is this your bag?" Ich sehe eine schwarze Aktentasche am Tisch und schüttle meine Kopf. Da deutet er in die Ecke auf eines Stuhl gleich neben der Türe. 🤩🤩 Da liegt mein vermisster kleiner schwarz grüner Edelrid Rucksack, als würde er lächelnd nur auf mich gewartet haben die ganze Zeit!!
Ich bin ungläubig überglücklich und strahle in aus vollem Herzen an. Dass das Policehäuschen unbesetzt ist, macht nichts. Nach einem kurzen Telefonat öffnet er die mit einen einfachen Schieberiegel verschlossene Türe und überreicht mir lächelnd meinen Rucksack.
Als ich ihm 200 Rp zum Dank geben will, weicht er die Hände zum Namaste gefaltet zurück und lehnt vehement ab. Am Weg zurück zum Schalter krame ich eine Mannerschnitte, für bettelnde Kinder griffbereit, aus dem wieder gewonnenen Rucksack und überreiche sie ihm. Dies kann er dankend annehmen.
Ich gehe überglücklich zu meiner Abfahrtsbucht und habe sogar noch Zeit auf dem Weg meine Thermoskanne mit Chai zu befüllen und 2 Aloo Paratha, mit Kartoffeln gefüllte Fladenbrote, zum Frühstück zu besorgen. Die Welt ist gut.
Wieder ein Beweis, dass es die einzelnen Menschen sind, die zählen. Mögen es mein gutes Karma, mein Optimus oder einfach die freundlichen Inder per se sein, die dazu beigetragen haben, dass mein Augenblick der Unachtsamkeit heute Morgen, gefolgt von einem überstürzten Aufbruch mit einer zweiten Unachtsamkeit, letztendlich gut ausgegangen sind. Eine weitere deutliche Lektion in Achtsamkeit und gegenseitiger Verbundenheit, über deren guten Ausgang ich sehr, sehr dankbar bin.
Danke an die Jugendlichen im Bus, den Taxifahrer, den Mann auf der Straße, der mir den Weg gewiesen hat, die junge Frau, die meine Tasche bewahrt hat, ohne etwas zu entnehmen, Siddhartha, der mich nochmal zum Schalter geschickt hat, den Mann am Busschalter, der mit mir zum Polizeihäuschen rüber gegangen ist.
Und an den Busfahrer, der mich und die andren Passagiere in guten 10h von Shimla nach Dharamsala gebracht hat, die 2 jungen Leute, mit denen ich das Taxi nach McLeod Ganj teilte und die hilfsbereite Frau, die mich das letzte Stück des Weges zum Ram Yogahaus begleitete 🙏🙏
Als ich dort ankam, wurde ich bereits mit einem ausgezeichnet duftenden Abendessen erwartet 🍀🌸
Was für ein Tag!Læs mere






















RejsendeMeine Güte, was für eine Geschichte 🙏🏻 mit vielen Botschaften für unseren Alltag ☺️ Danke 🙏🏻 Namaste 🙏🏻💗
RejsendeSchön, dass du sie zu Ende gelesen hast und es auch so siehst, wie ich: mit Erkenntnissen für unseren Weg. Drück dich!
Da erinnere ich mich doch gleich an Avalon und deine vergessene Geldtasche und Führerschein. Irgendwie irgendwo ... bin ich froh, dass nicht nur mir solche Dinge passieren ;-) [Sonia Emilia]
RejsendeHahaha, ja, es gibt bestimmt Menschen, denen würde so etwas nie passieren, doch die haben dann andere Herausforderungen 😉