• Day 2, Snowline to Indrahar Pass

    17. november 2024, Indien ⋅ ☀️ 1 °C

    Die beinahe noch kugelrunde Mondin leuchtet so hell, dass wir gar keine Stirnlampen brauchen, als wir in die Nacht hinein mit unserem Anstieg auf den Pass beginnen. Bis auf das leise Knirschen von Reif oder Sand unter unseren Schritten ist es mucksmäuschen still. Als wir das Laka Camp passieren, das hier auf der Sandpiste steht, wo bis zum letzten Jahr noch Gletscher war (auch hier gibt es Zeichen des Klimawandels), gehen in den Zelten dort einzelne Lichter an und gedämpft Stimmen dringen an unsere Ohren, doch außer uns ist noch niemand unterwegs. Nun wird es ein wenig steiler. Ich ziehe meine Jacke aus, um nicht zu stark zu schwitzen, doch meine Finger sind noch klamm.

    Akshit schreitet ähnlich flott dahin wie gestern. Doch es ist 5:30 in der Früh, wir sind mittlerweile bei ca. 3.500 Hm und ich habe gefühlt kaum geschlafen - ich schalte einen Gang zurück, sonst zieh ich das nicht durch bis zu unserem Gipfel. Hinter uns schließt ein einzelner Mann zu uns auf. Ich will mir natürlich keine Blöße geben, finde einen Atemrhythmus, der mir hilft unser Tempo zu halten und meinen Puls ein wenig zu beruhigen- auf 1 & 2 ein, dann forciertes Ausatmen auf 1 und gleich wieder ein auf 2. So habe ich das Gefühl genug Sauerstoff in meine Lungen zu bekommen, welches mein fleißiges Herzerl, das heute ganz schön ordentlich pumpen darf, mit Priorität wohl in meine Beine sendet. Ich hätte jetzt gerne ein Pulsoximeter, um meine Sättigung zu messen! Irgendwann frage ich Akshit, wie viel Prozent des Anstiegs wir bereits bewältigt haben, die Antwort "35-40%" ist ernüchternd. Wir machen eine kurze Trinkpause und er fragt mich, ob ich den Trek genieße. Ich bin ehrlich: "I'm a bit cold and it's hard work, but yes, I am indeed enjoying it."

    Beständig klettern wir höher. Ich stelle fest, dass ich dickere Handschuhe mitnehmen hätte sollen. Abwechselnd stecke ich eine Hand in die Tasche meiner Weste, um meine Finger wieder beweglicher zu bekommen, während die andere den Stecken hält, mit dem ich mein Emporklettern und das Gleichgewicht unterstütze. Fullbodyworkout sozusagen.
    Jeder Schritt bringt uns dem Pass näher und ich entdecke einen zarten orangeroten Streifen am östlichen Horizont und erste Vögel erheben ihre Stimme, um den nahenden Morgen zu begrüßen - welch Freude!!
    Diese Motivation ist sehr willkommen, um die raumfordernden Gefühle von kalt, müde und hungrig (in dieser Reihenfolge) abzufangen. Nie im Leben möchte ich mich auf einen 8000er quälen müssen, denke ich mir so im Dahinsteigen, wobei mein Körper routiniert und scheinbar automatisch die notwendigen Bewegungen vollführt. Die Konzentration darf trotz allem nicht nachlassen, denn jeder Schritt muss hier achtsam gesetzt sein. Es wird nochmal richtig steil, sodass ich immer wieder einmal auch eine Hand zum Abstützen dazu nehmen muss. Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Dann die erfreuliche Ankündigung: "30, maximal 40 min and we'll be at the top!" Jupiduhh!

    Wenig später erreichen auch die ersten Sonnenstrahlen die Spitze des Grats und als wir höher steigen, kann ich erkennen, wie die Sonne den Shiva Schrein erleuchtet und sich als glühende Scheibe links davon über den Mun Peak erhebt. Während ihre ersten Strahlen mein Gesicht erhellen, sind meine Finger beinahe zu stark gefroren, um den Augenblick fotografisch festzuhalten. Nach einigen Versuchen gelingt es mir dann doch, mein Handy für ein erstes Bild zu entsperren, bevor ich mich dann voller Freude und Demut einfach still hinsetze und den Augenblick auf mich wirken lasse.

    Danke, dass meine Beine, meine Lungen, mein Herz, meine Willenskraft so tüchtig sind, mir diesen Augenblick zu ermöglichen. ❤️🙏

    In nicht ganz 3,5h sind wir also die ca.1260 Hm auf 4.340 m hinaufgesteigen. " You have a good pace. Very strong", sagt Akshit noch und ich denke mir, wie gut, dass ich so brav für den Halbmarathon trainiert habe! 😅

    Eine gute Stunde genießen wir zu dritt den Gipfel und den Ausblick über die ersten schneebedeckten Gipfel des Himalayas ganz für uns alleine. Ich lutsche einen beinahe tiefgefrorenen Riegel, versuche alles, um meine steifen Finger aufzutauen und bedauere sehr, keinen Tee mit zu haben. Wo ist er, der Chai, wenn man mal wirklich einen braucht?
    Dann fällt mir der Handwärmer ein, den mir Annemarie noch mitgegeben hat und endlich beginnt es in den Fingern zu kribbeln.
    So wunderschön es hier oben auch ist, vom Stillsitzen wird es hier auch in der Sonne nicht wärmer, meine Beine versuchen mich schon warm zu zittern und als Akshit zum Aufbruch bläst, bin ich bereit für den Abstieg.

    Hinunter im Sonnenschein geht es leichtfüßig und nach kurzer Zeit können die Jacken bereits wieder in den Rucksack wandern. Im letzten Viertel meldet sich mein linkes Knie, doch mit ein bisschen mehr Achtsamkeit und Stockeinsatz beim Steigen komme ich gegen 12 wieder gut im Base Camp an der Snowline an.

    Ich bin total froh, meine naßgeschwitzte Kleidung gegen trockene (nicht frische! 😉) tauschen zu können und auf einer Isomatte in der Sonne zu warten, bis mir mein Mittagessen serviert wird. Das nenne ich Service!

    Ein kleines Nickerchen nach dem Essen tut auch extrem gut, bevor wir uns von Dharma verabschieden und weiter nach Triund zu unserem Quartier für heute Nacht absteigen.

    Im Teeshop dort gönne ich mir ein Gatorade und von Akshit bekomme ich frisch frittierte Potatoe Sticks mit Tomatensuppe als Snack. Das tut gut!

    Da es bereits beginnt abzukühlen, richte ich es mir vor dem Abendessen in meinem Zelt für heute Nacht gemütlich ein. Obwohl Sonntag ist, ist noch einiges los hier im Camp. Wir sind zu 10. beim Abendessen, plaudern nett und danach gibt es sogar noch ein Lagerfeuer. Ich wärme mir noch ein bisschen Finger und Zehen für die Nacht, gehe Pipi ins Klozelt (4 Wände um ein Loch in der Erde, das regelmäßig weiter wandert) und verkrieche mich in meinem Matratzen-, Schlafsack-, Decken-Bau für die Nacht. Müde, warm, satt und voll mit unvergesslichen Eindrücken.
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