• Tag 2: Porto - Labruge (18 + 4,6km Bahn)

    3 maggio 2024, Portogallo ⋅ 🌬 16 °C

    Heute ist der erste Lauftag und ich freue mich drauf! Ich werde dank lärmender Zimmergenossen schon deutlich vor dem Wecker wach und nutze die Zeit zum Rucksack packen. Kurz nach 8 Uhr bin ich beim Frühstück und lasse mir nicht allzu viel Zeit, sodass ich 20 vor 9 aus dem Hostel auschecken kann. Ich möchte um 9 Uhr die historische Straßenbahn Eléctrico nehmen, um die ersten KM abzukürzen. Ich habe es gestern nicht geschafft, die Bahn anzuschauen und man muss es ja die ersten Tage auch nicht übertreiben.
    Den Abstecher zur Kathedrale spare ich mir auch, mein Camino beginnt an der Unterkunft oder der Haltestelle oder so.

    Die Bahn ist lustig zu fahren und um die Uhrzeit auch noch nicht so voll. Aus dem Fenster beobachte ich die ersten Pilger, die in ihren sehr bunten Regenklamotten gut zu sehen sind. Es nieselt die ganze Zeit vor sich hin und an der Endhaltestelle packe ich den Rucksack auch lieber in den Regenschutz ein. Das Cape erspare ich mir aber, ein paar Tropfen schafft auch die Jacke.
    Mit mir laufen noch mehrere Frauen unterschiedlichen Alters los, die ich jedoch im Laufe des Tages nicht mehr sehe.

    Die Strecke am Meer entlang ist traumhaft und die Temperatur super zum Laufen. Es regnet immer nur kurz, dank des Winds sind die Sachen immer nach wenigen Minuten trocken und der Wind kommt auch nur von hinten. Ich brauche eine Weile um mich an den Rucksack zu gewöhnen, aber dann laufen sich die ersten KM fast von selbst. Ich freue mich über die neidischen Nachrichten von Freunden aus Deutschland und genieße das Geräusch von Meer und Wind.

    An einer Touristinfo hole ich mir einen Stempel und ärgere mich ein wenig, dass sie zusätzlich einen QR-Code mit angeblich spannenden Informationen zur Region aufkleben. Wenn ich was wissen wollte, würde ich googlen oder eines der vielen Info-Schilder lesen.
    Gegen 11 Uhr hole ich Heike und Anna ein, die wohl beschlossen haben, gemeinsam zu gehen. Ich hab noch keine Lust auf Pause, aber die beiden sind im Gegensatz zu mir nicht Bahn gefahren und schon seit 7 Uhr unterwegs.
    Zwischendurch sehe ich streckenweise überhaupt keine anderen Pilger, aber insgesamt sind sehr viele unterwegs und die Herberge wird trotz über 60 Betten abends voll.

    Gegen Nachmittag lässt meine gute Laune nach. Die Strecke zieht sich, es regnet öfter, der Wind kommt seitlich und ist kalt, das Meer rauscht immer gleich und die Füße und Beine schmerzen auch langsam. Für längere Pausen ist mir aber zu kalt, also beiße ich die Zähne zusammen und laufe stur weiter. Ich entschiede mich gegen den Campingplatz mit Bungalows und folge den Schildern zur offiziellen Herberge, die aber fast 1km vom Strand und damit dem Camino entfernt ist. Und dem Restaurant, das dort liegt, was mir noch fast zum Verhängnis wird, den zwei KM extra laufe ich nach dem Duschen sicher nicht mehr.

    In der Unterkunft checkt gerade eine Gruppe von fünf Italienern ein, was anscheinend kompliziert ist und die Hospitaliera mehrfach zum Augenrollen bringt. Die Frau vor mir amüsiert sich ebenso wie ich und nach einem Blick auf ihren Ausweis stellen wir fest, dass wir beide aus Deutschland sind. Später erfahre ich, dass wir sogar fast Nachbarn sind, denn Daniela kommt aus einem Ort bei Düren.
    Anscheinend beurteilt die Hospitaliera uns beide als jung und wir landen in oberen Betten. Wir sind uns einig, dass wir da heute wohl nicht wieder runter kommen und gehen erstmal duschen, bevor wir uns eine Weile aufs Bett setzen.

    Auf der Arbeit findet heute das monatliche Update des Vorstands statt und mein Lieblingskollege hält uns in unserer Lästergruppe, die wir zu dritt schon länger auch ins Private verlegt haben, auf dem Laufenden. Es wird nun tatsächlich Kurzarbeit angekündigt und alle geplanten Veranstaltungen abgesagt. Da fährt man einmal in Urlaub… ich lasse mich durch die (erwarteten) Neuigkeiten aber nicht runterziehen, noch ist eh unklar, wie genau sich das auswirkt, vor Juni beginnt es nicht und ich hab jetzt eh Urlaub und mache mir keine Gedanken um die Arbeit!!

    Ich raffe mich dazu auf, das Bett nochmal zu verlassen und meine Wäsche zu waschen. Ich befürchte zwar, dass die Sachen bis morgen nicht trocknen, aber will den Rhythmus der verfügbaren sauberen Klamotten nicht von Anfang an zum scheitern verurteilen, wenn nicht binde ich es morgen halt am Rucksack fest. Außerdem muss ich mir noch etwas fürs Abendessen organisieren, zum Restaurant komme ich nicht mehr.
    Im eh sehr kleinen Supermarkt ist die Auswahl sehr eingeschränkt, aber die alte Dame an der Kasse zaubert noch zwei Brötchen hervor und mit Wurst, einer Limo, Bananen und Keksen kann sich mein Abendessen sehen lassen.

    Anna ist inzwischen auch angekommen und hat das Bett neben Daniela und mir bekommen. Sie musste von ihrer Herberge zur Kathedrale schon ein ganzes Stück laufen, ist nicht Bahn gefahren und nach über 25km extrem fertig. Nachdem sie es doch noch zum Duschen geschafft hat, leistet sie mir aber beim Abendessen Gesellschaft. Anna ist erst 19 und damit jünger als Danielas Sohn. Wir drei haben einigen Spaß zusammen und amüsieren uns auch später auf den Betten noch eine Weile über die anderen im Zimmer, die Klimaanlage und alles mögliche.

    Keine ist schon so ganz entschieden, wie weit sie morgen gehen wird, obwohl man morgen entscheiden muss, ob man zum zentralen Weg wechselt oder dem Küstenweg folgt, der aber nicht mehr direkt am Meer entlangführen soll. Außerdem ist morgen mehr Regen gemeldet. Ich lasse es einfach auf mich zukommen und entscheide nach Bauchgefühl.
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