Hiroshima: Überleben und Hoffnung
May 9 in Japan ⋅ ☀️ 21 °C
6. August 1945: Die USA werfen die erste Atombombe der Geschichte auf eine Stadt ab. Es trifft Hiroshima. Rund 80'000 Menschen sterben sofort oder innerhalb weniger Tage. Ende 1945 sind 140'000 tot. Bis heute sind mehrere zehntausend zusätzliche Opfer den langfristigen Folgen der Verstrahlung erlegen. Und doch geht es in Hiroshima darum, dem Frieden zu gedenken und den Wunsch auf eine Welt ohne Atombomben in die Herzen der Menschen zu pflanzen.
Ich verzichte bewusst auf den geschichtlichen Kontext. Wer sich dafür interessiert, soll googeln. Fest steht, dass die Amerikaner mit der Atombombe die Kapitulation der Japaner im zweiten Weltkrieg und damit das Kriegsende einleiteten. Den Preis, den die Menschen von Hiroshima dafür zahlen mussten, war schrecklich.
An diesem 6. August 1945 waren etwa 350'000 Menschen in Hiroshima. Die Atombombe explodierte 600 Meter über dem Boden und tötete in drei Wellen: Hitzestrahlung, Druckwelle, radioaktive Strahlung mit nachfolgendem «schwarzen Regen». Die Details erspare ich Euch. Stellt Euch das Schlimmste vor und Ihr seid mit Sicherheit noch weit entfernt von dem, was tatsächlich passiert ist.
Das sind die brutalen Fakten. Dank meines Tour-Guides Thomas und meines Besuchs im Friedensmuseum erhielten diese Fakten Gesichter. Ihre Geschichten und Schicksale wurden zum Leben erweckt. Das war für mich als Mensch, Frau und Mutter erschütternd, teilweise kaum erträglich. Doch dank diesen Gesichtern und Geschichten habe ich auch verstanden, worum es heute in Hiroshima geht und weshalb es den Überlebenden so wichtig ist, ihre Botschaft in die Welt zu tragen: Wir müssen Frieden und Einigkeit suchen, nicht Rache und Vergeltung. Aus Hass im Herzen kann kein Frieden entstehen. Diese Botschaft kommt an. Rund 1,5 Millionen Gäste besuchen das Museum pro Jahr. Ich glaube nicht, dass jemand gleich herauskommt, wie sie oder er hineingegangen ist.
Im Friedenspark brennt ein ewiges Feuer. Bis zu dem Tag, an dem es auf der Welt keine Atombomben mehr geben wird. Ich befürchte, das Feuer wird noch lange brennen. Und doch nehme ich Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft von hier mit. Dank der Überlebenden der Atombombe, die sich nichts als Frieden wünschen. Weil ich hier erlebt habe, wie aus Trümmern etwas Wunderbares aufgebaut werden kann. Und auch wegen der starken Symbole, denen ich in Hiroshima an vielen Orten begegnet bin. Symbole, die einem trotz allen Übels auf dieser Welt an Wunder und an die Menschen glauben lassen.
Wieso können die Menschen in Hiroshima heute bedenkenlos leben, in Tschernobyl aber nicht? Die Atombombe von Hiroshima detonierte in der Luft, wodurch sich die Strahlung in der Atmosphäre verteilte. In Tschernobyl hingegen wurde sie am Boden freigesetzt und kontaminierte diesen für Tausende von Jahren. Dazu kam göttliche Hilfe – daran glauben die Japaner fest. Einen Monat nach der Detonation der Atombombe, fegte ein verheerender Wirbelsturm über die Stadt und es starben wieder viele Menschen. Dennoch glaubt man in Hiroshima, dass der Sturm das Weiterleben ermöglichte. Der Sturm soll die Stadt von radioaktiven verseuchten Ablagerungen befreit haben. Kurz darauf erwachte die Natur wieder zum Leben.
Das Kinderfriedensdenkmal ist auch so ein Symbol. Es ist Sadako Sasaki gewidmet. Sie starb im Alter von 12 Jahren 1955 an Krebs. Weil ihr im Spital so langweilig gewesen war, faltete sie 1000 Papierkraniche, um einen Wunsch frei zu haben. Ihre Geschichte ging um die Welt. Auch heute noch falten die Besucher ihr zu Ehren Tausende von Origami-Vögeln und bringen Sie zum Kinderfriedensdenkmal. Was tun mit den Vögeln? Die Japaner wollten nicht einfach die Wünsche der Menschen entsorgen und haben sich entschieden, das Papier zu recyclen und Buchzeichen daraus herzustellen, welche die Gäste aus aller Welt nach Hause nehmen sollen, um die Friedenbotschaft zu verschenken.
Oder das Tram in Hiroshima. Während die Atombombe fast die gesamte Infrastruktur auslöschte, wurde das Tram zum Zeichen, dass das Leben weitergeht. Nur drei Tage nach der Katastrophe fuhr der erste Wagen wieder einen kurzen Abschnitt. In einer Stadt, die in Trümmern lag und in der viele glaubten, dass für Jahrzehnte nichts mehr wachsen oder funktionieren würde, war das rollende Fahrzeug ein psychologisch enorm wichtiger Beweis für die Widerstandskraft. Heute sind immer noch drei der damaligen Trams in Betrieb.
Oder dann gibt es in der Nähe der alten Burg einen bemerkenswerten Eukalyptus-Baum. Obwohl die Burg komplett zerstört wurde, überstand der Eukalyptus den direkten Einfluss der Bombe. Die Seite des Baums, die der Hitze- und Druckwelle ausgesetzt war, ging kaputt, die andere Seite des Baums überlebte. Trotz eines hohlen Stamms hat sich der Baum dank pflegerischer Massnahmen wieder erholt und ist ein Symbol für die Heilung der Stadt. Etwa 120 Bäume haben so überlebt.
Nach der Atom-Katastrophe schickten Städte aus ganz Japan Bäume, damit Hiroshima wieder grün werden kann. Heute ist Hiroshima eine der grünsten Städte Japans. Nach der Atom-Katastrophe wurde die Stadt am Reissbrett neu geplant, mit einem einfachen und klaren Rastersystem für die Strassen. Heute ist Hiroshima eine der Städten Japans mit dem am besten fliessenden Verkehr. Nach der Atom-Katastrophe gab es bis auf wenige Ruinen nichts mehr im Zentrum. Heute pulsiert das Leben mit Restaurants, Bars und Einkaufszonen. Die Einwohnenden sind bekannt für ihre Offenheit und ihre Herzlichkeit. Das kann ich nur bestätigen.
Es gibt sicher noch viele Beispiele. Und ich könnte auch noch unzählige Zeilen schreiben. Doch ich denke, das Gefühl von Hiroshima ist spürbar. Deshalb ende ich hier mit dem Herzstück des Friedenparks, dem leeren Ehrengrabmal für die Opfer der Atombombe. Hier ruhen Bücher mit den Namen aller Opfer. Jährlich kommen neue dazu. Nicht nur von Japanerinnen und Japanern, sondern von allen, die Opfer der Atombombe wurden. Dazu gehören auch 12 amerikanische Kriegsgefangene, die in der Zone waren. Die Inschrift auf dem Kenotaph lautet: «Lasst alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden das Böse nicht wiederholen.»Read more























TravelerSuch a hard thing to learn about. I hope you are ok.
TravelerLiebe Tsarina. Vielen Dank für Deine Sorge um mich. Natürlich beschäftigt mich das Erlebte. Doch ich kann es auch gut einordnen. Mich hat dieses Schicksal nicht getroffen. Ich beobachte nur, fühle mit und lerne. Ich kann bloss versuchen, meine eigene kleine Welt zu beschützen. Und das tue ich mit aller Kraft und aus ganzem Herzen.
Traveler
Es ist entsetzlich und schockierend, diese Bilder wieder zu sehen. Und es braucht viel Überwindung, sich den Szenarien zu stellen. Ich verstehe Dich gut.
TravelerLiebe Corinne. Es wäre gut, wenn jeder Mensch auf der Welt das sehen würde. Dann würde sich vielleicht mal etwas ändern.