Atmosphäre
April 2 in Vietnam ⋅ ⛅ 30 °C
Bei der Stimmung, die wir hier so auffangen, kommen wir nicht umhin uns darüber Gedanken zu machen.
Die Menschen wirken müde, ausgelaugt, resigniert, überdrüssig, betroffen, …. verbittert bis desillusioniert ist treffender.
Man könnte das Gefühl haben, dass den Menschen hier eigentlich alles egal ist, wenn sie wirtschaftlich irgendwie durchkommen und die Betonung liegt auf irgendwie.
Das klingt hart, oder? Aber dazu passt Gestik, Mimik und Habitus. (Das hat nichts mit der Alphabetisierung zu tun. Auch nix mit dem Potential, sondern mit den Möglichkeiten und der Prägung über die letzten Jahrzehnte haben wir uns gedacht).
Die Kommunikation ist schlicht. Ohne Weitsicht. Man erfährt nix und bekommt Brocken und Desinteresse vermittelt. Das haben wir im letzten Jahr nirgens erlebt.
Anbei das Foto aus der Zeit nach dem 2. WK. Solch’ Mimik scheint hier in Hanoi für uns undenkbar, weil nirgends sichtbar.
Was könnte die Ursache sein ?
Die Geschichte als kurzer Abriss:
- 19. Jahrhundert: die Nguyễn-Dynastie vereinigt Vietnam.
- Ab Mitte des 19. Jahrhunderts: Frankreich greift ein, erobert schrittweise das Land.
- 1880er Jahre: Vietnam wird Teil von Französisch-Indochina; koloniale Ausbeutung und Fremdherrschaft.
- 1940–1945: im Zweiten Weltkrieg faktisch unter japanischer Kontrolle, formal weiter mit französischen Strukturen.
- 1945: Hồ Chí Minh ruft nach Japans Niederlage die Unabhängigkeit aus.
- 1946–1954: Erster Indochinakrieg zwischen Viet Minh und Frankreich.
- 1954: französische Niederlage bei Điện Biên Phủ; Vietnam wird vorläufig in Nord und Süd geteilt.
- 1955–1975: Vietnamkrieg / Zweiter Indochinakrieg; Nordvietnam und Vietcong gegen Südvietnam und die USA.
- 1975: Fall von Saigon, Sieg des Nordens.
- 1976: Wiedervereinigung als Sozialistische Republik Vietnam.
- 1978/79: Einmarsch in Kambodscha, danach kurzer, harter Krieg mit China.
- Ab 1986: Reformpolitik Đổi Mới; schrittweise Öffnung der Wirtschaft.
Traditionen wurden wahrscheinlich im Laufe dieser Zeit weitgehend begraben, und damit auch der Respekt vor Gläubigen und Werten. Woran ich das festmache? Stil haben nur ein paar alte Gebäude. That’s all.
Nach den Auszehrungen durch die Kolonial- und Kriegszeit mit den Amerikanern (Zeitraum von 125 Jahren) waren die Leute mit Sicherheit schon verbittert und der Wunsch und die Hoffnung, dass es im Sozialismus besser ginge, war sicher groß.
Also 45 Jahre ist es erst her, dass man hier die Chance hat, auf ein freieres beziehungsweise unabhängigeres Leben. Ich würde mal behaupten, aus annähernd NICHTS musste etwas gemacht werden.
Die Staatsführung war clever genug seit 1990 der produktiv-wirtschaftliche Handlanger des Westkonsumes zu sein. Das ist wohl gelungen und ist das Rückgrat der hiesigen Wirtschaft. Was dabei abfällt, ist die Nutzung der Technologie und der Materialien, um ausreichend Kopie-Produkte für das Inland zu fertigen. Diese Konstellation ist bestimmt gut für Alle, die einen soliden Job in der Industrie haben oder in der Verwaltung arbeiten. Offensichtlich sind das nur 30% der arbeitenden Bevölkerung.
Für alle Anderen gilt (unsere Gefühl) soziale und wirtschaftliche Unsicherheit. (eher Kampf) - siehe Straßenbilder. Woher soll das Vertrauen in die Zukunft kommen?
Bei dieser Resignation stellt sich die Frage: wie will man den Zustand ändern. Und wie viel Zeit braucht es, dass eine Gesellschaft fröhlicher, freundlicher, offener wird?
Das Beispiel auf kleinster Ebene: Das Jahrzehnte alte Geschäftsmodell heißt: Mit Blumen oder Früchten die Strasse hoch und runter fahren, in der Hoffnung, dass jemand was kaufen mag. Für 2 oder 3 Essen am Tag aus der Straßenküche reichts nach meinen Recherchen, aber das war’s. Kurierdienste, Reparaturdienste, Bauleute… da wird es nicht anders sein, wenn wir die hiesigen Bedingungen sehen. -> Es war für die Generation der Erwachsenen wohl immer so. Woher kommt die Kraft für die Veränderung/Verbesserung?
Möge es der Nachwuchs besser treffen.
Bei allem Trubel und der ganzen Buntheit durch Tempelchen, Fähnchen und Wimpeln: ich frage mich, was den Touristenwiederholungstäter herzieht. Im Schmuckladen liegen die Ketten massenweise übereinander. Dekoratives, was ein wirklich anlacht, sieht man selten. Attraktive Läden sind auch selten (es geht nicht um teures Material, es geht nur um die Ordnung/Pflege in dem Falle).
Wirklich schöne Hotels sind mit europäischen Preisen versehen, liegen aber im Niveau wesentlich drunter.
Das Einkaufen macht keinen Spaß.(schon deswegen, weil du nicht weißt, ob das Produkt eine Kopie ist und weil die Verkäufer keine Motiv und Gefühl für mehr Kultur, anderen Umgang, oder ein attraktiveres Geschäftsmodell haben). Beide Sichten (Verkäufer/Käufer) bedingen einander, das ist wohl nicht abschätzbar.
Wer fühlt sich gut dabei?
Die Natur, das werden wir noch erleben, ist sicher beeindruckend. Ich finde es zwar turbulent und bunt. Doch ist Verfall, Armut und fehlende Pflege sehr nah beieinander. Zum Shoppen, Kultur erleben und kulinarisch wirklich Genießen (das Auge isst mit) erachte ich es als unattraktiv -> beachte: n Hanoi (von etwas anderem können wir nicht berichten bis jetzt). Es sei denn, man möchte günstigst Stoffe oder Kopien erwerben. Die Kulturplätze sind schlicht oder befassen sich mit der rauhen aufgearbeiteten Geschichte, Waffen, usw. Es ist weniger etwas Schöngeistiges dabei, kann man sagen. Haben nix gefunden in 3 Tagen.
Gut. Schauen wir, was es alles schönes in der Natur zu sehen gibt in den nächsten Tagen :)Read more


TravelerRalf - fliegt doch mal nach Japan - soll sehr schön und sauber und freundlich sein 😂😂😂
TravelerTaiwan ist in Aussicht! :)