• Marrakesch I - Die Medina

    May 3, 2024 in Morocco ⋅ ☀️ 31 °C

    „Nein, der Djamâa el-Fna ist kein Jahrmarkt. Der Platz ist gleichermaßen Spiel und Ernst, Tanz- und Lehrort, Zuschauertribüne und Bühnenraum, Touristenattraktion und heimische Agora, ein Ort, an dem Arm und Reich, Kleinod und Nepp ineinander übergehen, Darbietende und Zuschauer mitunter die Rollen tauschen, und zwar in einem Maße, dass das vermeintlich Gegensätzliche und Getrennte kaum mehr von einander zu unterscheiden ist, sondern fortwährend ineinander fließt: ein Meer der Sinnlichkeit.
    Vermutlich gibt es kaum einen Ort weltweit, an dem die extrem unterschiedlichen Lebensformen und -entwürfe einer globalisierten Welt schon im Erscheinungsbild der dort versammelten Menschen, mehr noch aber in dem, was geschieht, so sehr ineinander verwoben sind wie auf dem Djamâa el-Fna in Marrakesch.
    Dieser Platz ist ein Bild des Menschlichen - in all seinen Facetten.“

    Dieser Absatz in unserem Reiseführer war die Einstimmung auf Marrakesch. Diesen Ort - so sagt man - muss jeder gesehen haben, der nach Marokko kommt. Uns hat Marrakesch im Vorfeld unter Druck gesetzt. Egal in welche Stadt man kommt, alles wird mit Marrakesch verglichen und in Relation gesetzt. Wir trafen auf der Reise Viele, die schon dort waren und das löste bei uns ein eher unentspanntes Gefühl aus. Es sei laut, eng und aufgrund der vielen Mopeds in den schmalen Souk-Gassen richtig gefährlich. Die Händler seien aufdringlich, man entkäme ihnen kaum, wenn man einmal im Laden sei. Am besten nur am Vormittag in die Souks - in der Nacht sei es viel zu voll. Aber es sei eben auch wie 1001 Nacht, der Platz Djamâa el-Fna (der Platz der Geköpften, siehe 👆 oben) unbeschreiblich.

    Wir hatten schon lange vorher beschlossen, die Stadt nicht mit dem Camper zu bereisen, sondern Gonzo auf einem Campingplatz außerhalb der Stadt zu parken und in Marrakesch in einem der vielen Riads (typisches Hotel mit Innenhof) zu übernachten. Von dort aus machten wir uns am späten Nachmittag auf den Weg durch die Souks Richtung Djamâl el-Fna. Tatsächlich waren die Gassen anders als in Rabat und Essaouira voller, enger und vor allem einheimischer belebt. Trotz der Masse an Touristen in der Stadt und dem entsprechenden Angebot an Souvenirs herrschte in den Gassen ein eigenes Flair, dass in erster Linie nicht für die Gäste künstlich geschaffen wurde, sondern authentischer war. In der Medina mit den unzähligen Mopeds ist es ein bisschen ähnlich wie im Camper. Es ist einfacher und nervenschonender, wenn es einem gelingt, sich dem Fluss und dem Pulsschlag der Souks anzugleichen und mitzuschwimmen. Uns spülte dieser Rhythmus direkt zum Djamâa el-Fna und wir wollten dieses Flair, dieses Meer an Menschen, an Emotionen und Vielfalt nun selbst erleben.
    Es war voll, es war laut und trubelig. Männer tanzten zu wilden Trommelrythmen, überall gab es die sogenannten Henna-Frauen, die Greta schneller ein Tattoo auf die Hand gezaubert hatten, als wir uns umschauen konnten und dann gab es noch die unzähligen „Fressbuden“, die jeden Abend ab 17 Uhr auf dem Platz aufgebaut und nachts wieder abgebaut werden. Jeder erklärte uns, das beste Essen der Stadt zu haben und weil Greta von dem dauernden Ansprechen genervt war, hat sie jedem mit einem Grinsen im Gesicht die Worte „La la shokran“ entgegengerufen. Tatsächlich haben die Händler eher von uns abgelassen, wenn Greta verneinte anstatt wir. Greta war auf einer Mission und hatte es daher eilig. Sie wollte unbedingt die Schlangenbeschwörer sehen. Und dann, zack, hatte sie eine Schlange um den Hals. Kaum hatte der Händler die Schlange von ihr abgenommen, setzte er mir seinen Hut auf und zack, hatte ich die Schlange um den Hals. Zugegeben, ich war nicht ganz so tiefenentspannt wie Greta. Beate musste schnell Fotos machen und dann ging auch schon das verhandeln los. Wenn man bedenkt, dass ein Kilo Gemüse 4 Dirham kostet, also nicht mal 50 Cent, waren die anfänglich geforderten 400 DH Wucher! Aber wir waren darauf eingestellt und konnten gut verhandeln.
    In den unzähligen Souks, die die ganze Medina letztendlich ausmachen, gab es eigentlich alles, was wir bisher in den unterschiedlichen Städten und Souks gesehen hatten. Bis auf die Gewürz- und Kräuterhändler. Davon gab es hier viele und auch mit einem größeren Sortiment. Dazu zählen neben den üblichen Kräutern auch Schildkröten, Chamäleons und Rocheneier. Die Tiere und Eier werden in der traditionellen Medizin eingesetzt, sind Zierobjekte oder Glücksbringer.
    Bei unserem Kräuterhändler des Vertrauens haben wir frisches Garam Masala und Sheba gekauft.
    An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass Sheba in den Wintermonaten in den marokkanischen Minztee kommt. Und da wir eine gebrauchte, original marokkanische Teekanne als Neuzugang in unserem Hausstand begrüßen dürfen, muss außer grünen Tee, frischer Minze, wahlweise Zucker eben auch Sheba mit an Bord sein. Greta durfte sogar „Pascal“, das Chamäleon, auf die Hand nehmen.
    Immer wieder waren wir beeindruckt, wie schnell man von einer Welt in die nächste inmitten der Medina eintaucht. Man geht durch ein großes Tor und dahinter verbirgt sich der „Secret Garden“, man biegt von einer Verkaufsstraße einmal ab und ist in der Schuhmacher- oder Lederproduktionsstraße. Das Handwerk ist offensichtlich wichtiger Bestandteil des Lebens und Lebensgrundlage für viele. Nach so vielen Eindrücken, waren wir jeden Tag froh am Abend in unser Riad zu kommen und die Ruhe und die Kühle hinter den Mauern zu genießen.
    Read more