Wir stehen auf einem wunderschönen Stellplatz bei Frascineto, einem kleinen Bergdorf am Rand des Pollino-Nationalparks in Kalabrien. Schon beim Aufwachen spüre ich, dass das hier ein besonderer Ort ist. Über den Bergen liegt noch ein zarter Nebel, die Luft riecht nach Kräutern und Stein, und irgendwo bellt ein Hund. Ich starte am Vormittag zu einer langen Wanderung hinauf auf ein Hochplateau, das über dem Tal liegt. Fünf Stunden dauert die Tour, und ich bin froh, dass ich meine Wanderstöcke dabeihabe, denn der Kies ist rutschig und der Weg steil.
Frascineto liegt in einer Landschaft, die wild und friedlich zugleich ist. Das Dorf selbst ist bekannt für seine albanisch-italienische Kultur, die sich in Sprache, Küche und Traditionen widerspiegelt. Hier sprechen viele Menschen noch Arberisch, eine alte albanische Mundart, und in den kleinen Kirchen sind byzantinische Ikonen zu sehen. Es fühlt sich an, als hätte die Zeit hier ihren eigenen Rhythmus.
Oben auf dem Plateau öffnet sich der Blick weit über den Nationalpark. Die Berge wirken unendlich, und das Licht wechselt mit jeder Wolke. Ich halte ständig an, kann mich nicht sattsehen. Statt zu fotografieren, packe ich das Handy in den Rucksack. Ich will diesen Moment nicht festhalten, sondern fühlen. Das hier gehört mitten ins Herz – der Wind, die Weite, das Gefühl, klein zu sein und gleichzeitig ganz lebendig.
Als ich am Nachmittag zurückkomme, bin ich müde, glücklich und still. Es war eine dieser Wanderungen, die mehr als nur Bewegung sind. Sie verändert etwas in einem, leise, aber tief.Read more