Tag Zwanzig
May 8–9 in Germany ⋅ ☁️ 12 °C
(English Version Below)
PILGERREISE INS LEBEN
Tag 3.601
08/05.2026
Calvörde
So ein gespaltetes Leben ist schwierig, aber nicht unmöglich. Es tut uns gut, im Haus zu schlafen, und von dort aus morgens mit der Familie spazieren zu gehen.
Obwohl ich ausgeruht bin, schafft mein Körper mit Mühe siebenhundert Meter. Auf der Hälfte beginnen die Schmerzen, und der Rückweg ist mühsam. Das Photo ist entstanden, kurz nachdem ich zurück gekommen bin.
Im Bus koche ich Wasser, dann ziehe ich mich wieder aus, wasche meinen Körper, zieh mich wieder an. Der Schwiegersohn bringt mir die frische Wäsche, ich muss mich um viel weniger kümmern. Das birgt Gefahren. Aber es ist natürlich auch ein angenehmes Entgegenkommen.
Heute ist die Sonne wieder da. Als ich nachts aus dem Fenster schaue, weht mir eine kalte Nachtluft entgegen, die Sterne leuchten am schwarzen Himmel. Das sieht sehr schön aus. Am Horizont ein roter Streifen, vielleicht ein Widerschein der Lichter von Wolfsburg und seiner Industrie.
Der volle Kühlschrank hat mich gestern verführt, heute kann ich ihm vielleicht besser widerstehen. Alleine mein dicker Bauch ist schon Schreckgespenst genug. Mässige dich, Peter. Die schlanken Bilder, die ich auf Facebook entdeckt habe, sind keine zehn Jahre her.
Disziplin bekommt gerade dort einen besonderen Stellenwert, wo man darum kämpfen muss. Wenn dir alles leicht zufällt, ist die Herausforderung viel geringer. Erst wenn die Umstände sich verschlechtern, dann musst du bereit sein, dich für dich selber einzusetzen.
Das fällt mir nicht leicht. Wenn du eine Sache vergisst, dann überholt es dich spätestens am übernächsten Tag. Deshalb muss ich konsequent bleiben, auch wenn es mir schwer fällt, und so einer Art von Freiheitsgedanken vollkommen widerspricht.
Um Freunde von Facebook zu entfernen, bedarf es einen Klick. Aber Follower kleben regelrecht an dir. Du musst sie blockieren, um sie loszuwerden. Nach einigen Stunden muss ich die Blockierung wieder aufheben, damit sie auch mit mir kommunizieren können, denn eigentlich möchte ich ja, dass sie unsere Reise auch weiterhin begleiten können.
Gerade kommt ein lieber Mensch vorbei. Sie hat gestern eine gut erhaltene Matratze geschenkt bekommen, die sie für uns zurecht geschnitten und mit einer Hülle umnäht hat. Die schenkt sie mir jetzt einfach so, ich bin sehr berührt. Ich liege wunderbar darauf und freue mich, endlich wieder im Bus gut schlafen zu können.
Seit Jahren führe ich eine kleine Kiste mit Erinnerungen mit mir. Hauptsächlich Bilder aus verschiedenen Epochen meines Lebens. Heute habe ich sie alle nochmals gesichtet, und all das rausgenommen, was diejenigen nicht mehr betrifft, die die Kiste eines Tages an sich nehmen.
Für all die schönen Frauen in meinem Leben, die es länger als einen Tag mit mir ausgehalten haben, braucht es keine Bilder, sie sind in meiner Erinnerung verankert.
Wir machen kleine Spaziergänge um den Hof herum, spielen mit ihrem Ball, und ich fotografiere sie. Cronos kommt vom Spaziergang zurück. Er macht extra einen großen Bogen um den blauen Bus herum, weil Hilde klare territoriale Ansprüche stellt, und entsprechend gespannt ist.
Das ist leider so ihr Wesen, dass ihr sofort alles an dem Ort gehört, wo wir stehen. Sofern sie die Gelegenheit dazu hat. Und hier ist das so. Ihr Geruchssinn hat nachgelassen, ebenso die Orientierung. Wenn der Ball an ihr vorbei springt, verliert sie ihn aus dem Blick, und es dauert, bis sie ihn mit meiner Unterstützung wiederfindet. Das kann allerdings auch an der nachlassenden Sehkraft liegen.
Es emotional schwer für mich, das auszuhalten, und gleichzeitig nicht wegfahren zu können. Sie wirkt den ganzen Tag müde, nimmt sich immer wieder Pausen, in denen sie sofort einschläft.
Und gleichzeitig ist sie sehr schmusig und anhänglich. Die Sonne ist ein paar Mal zu Besuch, ansonsten haben wir viele Wolken, die aber nicht nach Niederschlag aussehen. Vielleicht ein Stimmungsbild von uns.
---
PILGRIMAGE INTO LIFE
Day 3,601
May 8, 2026
Calvörde
Living such a divided life is difficult, but not impossible. It does us good to sleep in the house and to go for a walk with the family from there in the morning.
Although I am well-rested, my body struggles to manage seven hundred meters. The pain sets in halfway through, and the return journey is arduous. The photo was taken shortly after I got back.
Inside the bus, I boil some water; then I undress again, wash my body, and get dressed once more. My son-in-law brings me fresh laundry; I have far fewer things to worry about. This carries its own risks. But, of course, it is also a welcome kindness.
Today, the sun has returned. When I look out the window at night, a cold night breeze blows against me, and the stars shine in the black sky. It looks very beautiful. On the horizon, there is a red streak—perhaps a reflection of the lights from Wolfsburg and its industries.
The full fridge tempted me yesterday; perhaps today I will be better able to resist it. My bulging belly alone is a frightening enough specter. Exercise moderation, Peter. Those photos of my slimmer self that I came across on Facebook were taken less than ten years ago.
Discipline takes on a special significance precisely in those situations where one has to fight for it. When everything comes easily to you, the challenge is far less intense. It is only when circumstances take a turn for the worse that you must be ready to stand up for yourself.
This does not come easily to me. If you let one thing slide, it will inevitably catch up with you—usually by the very next day. That is why I must remain consistent, even when I find it difficult—and even when it completely contradicts a certain sense of freedom I hold dear.
Removing friends on Facebook takes just a single click. But followers practically cling to you. You have to block them to get rid of them. After a few hours, however, I have to unblock them so that they can communicate with me again—for, deep down, I actually want them to continue following along on our journey.
Just now, a dear friend stopped by. Yesterday, she was gifted a well-preserved mattress, which she then cut to size and fitted with a custom-sewn cover just for us. She is simply giving it to me now, just like that; I am deeply touched. It feels wonderful to lie on, and I am delighted to finally be able to get a good night's sleep in the bus again.
For years, I have carried a small box of memories with me—mostly photographs from various chapters of my life. Today, I went through them all once more, removing anything that no longer concerns the people who will one day inherit this box.
For all the beautiful women in my life who have put up with me for longer than a day—no pictures are needed; they are anchored in my memory.
We take short walks around the yard, play with her ball, and I take photos of her. Cronos returns from his walk. He makes a point of giving the blue bus a wide berth, as Hilde has staked clear territorial claims and is accordingly on high alert.
Unfortunately, that is simply her nature: she immediately claims ownership of everything in the spot where we happen to be standing—provided, of course, that she has the opportunity to do so. And here, that is exactly the case. Her sense of smell has faded, as has her sense of orientation. If the ball bounces past her, she loses sight of it, and it takes some time—with my assistance—for her to find it again. Though, that could also be due to her failing eyesight.
It is emotionally difficult for me to bear witness to this, while simultaneously being unable to simply drive away. She seems tired all day long, taking frequent breaks during which she falls asleep instantly.
And yet, at the same time, she is incredibly cuddly and affectionate. The sun makes a brief appearance a few times; otherwise, we have plenty of clouds—though they don't look like they're going to bring any rain. Perhaps this captures the mood of the moment for us.Read more

























