• Tagesbericht No. 4

    5. Juni 2024 in Ecuador ⋅ ☁️ 16 °C

    Es wird scheinbar zur Gewohnheit in der Casa Sophie y Madeleine, dass morgens um 6 Uhr die Lichter angehen und das Leben beginnt.
    Gute zwei Stunden später gibt es das mittlerweile wohlbekannte Frühstück mit Ei, frischem Obst und Saft, sowie Weckchen.
    Die Hostelbesitzerin Paulina und ihre Familie haben dies für uns zubereitet. Währenddessen begrüßen uns immer wieder Familienmitglieder und wir realisieren, dass wir die einzigen Gäste sind und das Frühstück im privaten Wohn- und Esszimmer des Mehrgenerationenhauses zu uns nehmen dürfen.
    Das ehrt uns, aber fühlt sich schon auch ein bisschen verrückt an.

    Gestärkt machen wir uns auf, mit dem Bus nach Otavalo zu fahren. Wir sind sehr zuversichtlich, da beim ersten Anlauf ja auch alles wunderbar geklappt hat. Der Bus, den wir an der Strassenecke nehmen, bringt uns zumindest für zirka 10 der 12 Kilometer bis zum überregionalen Bahnhof in die richtige Richtung. Das letzte Stück müssen wir dann jedoch zu Fuß zurücklegen, da wir in der falschen Linie saßen. Wir nehmen‘s mit Humor.
    Das Gute daran, dass wir so offensichtlich Touristinnen sind, ist, dass uns sofort, als wir den Busbahnhof betreten, motivierte Herren „OTAVALO?!“ entgegen brüllen. Innerhalb von 3 Minuten sitzen wir also in dem Bus, der uns in den so hoch angepriesenen Ort bringen wird.
    Damit für unser leibliches Wohl gesorgt ist, steigen immer Mal wieder fliegende HändlerInnen zu, die mehr oder weniger interessant Lebensmittel und Kleinkram unter die Leute bringen wollen.

    Otavalo ist ein (heute nicht mehr ganz so kleiner) Ort im nördlichen Andenhochland. Für die knapp 100km werden wir gut 2 Stunden brauchen.
    Die Landschaft lässt es sich nicht nehmen, sich von ihrer beeindruckendsten Seite zu zeigen.
    Zunächst windet die Strasse sich geschickt durch klassisches südamerikanisches Wüstenland. Sandfarbene Felswände erheben sich und sind gesäumt von wachsblättrigen Aloes, flachwurzelnden Sträuchern und verschiedenen Kakteen gigantisches Ausmaßes. Fast erwartet man, Aasgeier kreisen und eine Wüstenrose über die Strasse wehen zu sehen. Stattdessen finden sich am Strassenrand erstaunlich viele Gedenkkreuze für Verunglückte. Aber hey - die Statistik der Busunglücke ist in den letzten Jahren drastisch zurück gegangen. „Für Ihre Sicherheit: …km/h“, lautet die Anzeige mit der aktuellen Geschwindigkeit in den Gastraum. Soso.
    Die Schnellstraße führt immer weiter die Berge hinauf und als wir in die Gebiete kommen, in denen sich Wolken fangen, verwandelt sich die karge Landschaft in ein fruchtbares, von grünen Wiesen, wilden Blumen und großen Bäumen gewachsenes Land. Hier grasen auf ein Mal auch die ersten Alpakas am Straßenrand.

    Hier, fernab der großen Stadt, zeigt sich Ecuador noch ein Mal von einer ganz anderen Seite.
    Die sich eng aneinanderreihenden Häuserschluchten und das geschäftige Gewusel weichen kleineren Dörfern. Viele der Häuser befinden sich in ganz unterschiedlichen Baustadien. Zwischen Schutt und privaten Maisfeldern hängen Menschen ihre Wäsche auf, spielen Kinder und faulenzen Straßenhunde. Alle paar Meter sitzen Leute aller Altersklassen unter Wellblechständen und preisen eigens hergestellte Waren und Lebensmittel an. Und irgendwie ist alles unaufgeregt und Normalität. Eindrücke, die uns nochmals zeigen, dass wir ein ziemlich privilegiertes Leben führen können.

    Warum wir nach Otavalo wollten? Ein Großteil der Menschen, die hier leben, gehören der indigenen Bevölkerung Ecuadors an und es gibt einen großen Handwerksmarkt, der sehr eindrucksvoll sein soll.
    Nun ja. Rund um den Busbahnhof finden wir in einer Strasse viele Läden mit frischen Lebensmitteln aller Art. Aber, sobald wir uns in Richtung Stadtkern bewegen, wird deutlich, dass dieser Ort vor Allem Touristenattraktion ist. Der Markt ist ganz nett. Wir scheinen quasi die einzigen Kundinnen dort zu sein (es ist aktuell Nebensaison). Es gibt in der Tag einige interessante Stände mit traditionellen spirituellen Holzmasken und Textilien. Diese sind jedoch die Ausnahme. Nach wenigen Minuten haben wir aber genügend „traditionelle“ Ponchos mit Disneymotiven und Kuscheltiermeerschweinchen gesehen.
    Wir schlendern noch eine Runde zu einer Plaza, um dort unsere belegten Brote zu essen und beschließen dann bei einsetzendem Nieselregen, dass dies die möglichen Optionen (Vogel-Auffangstation oder eine weitere Wasserfallwanderung) ausschließt.
    Also ab in den Bus und wieder einer ganze Weile der Natur beim Dasein zusehen, während wir nach Quito zurückkehren.

    Wir sind wieder am Rand von Quito und an dem Busterminal, den wir morgens zu Fuß erreichen mussten. Dann sollte das ja jetzt kein Problem sein, denken wir. Denn in die Innenstadt fährt bestimmt alles. Nunja… Als wir einem der dort Arbeitenden unseren Google Maps-Routenvorschlag zeigen, sieht er sehr verwirrt aus und schickt uns erst ein Mal zu einem Bus, der uns zumindest in die richtige Richtung fährt. Bis nach „El Labrador“. Und ja, diese Bushaltestelle hat definitiv einen Preis für den besten Namen verdient!
    Von hier aus ist alles ganz easy und als wir an unserer Haltestelle ankommen, geraten wir in eine große Straßenparade, bei der Trommelgruppen und Folklore-TänzerInnen ihr Können zum Besten geben. Das war richtig nice!

    Wir haben schon lange nichts mehr über Essen erzählt. Das muss geändert werden also gibts zum Abschluss des Tages Pizza und Gnocci. Sehr typisch, wie sich versteht.
    Weiterlesen