• Tagesbericht No. 7 (Regenwald 2)

    8 giugno 2024, Ecuador ⋅ ☁️ 24 °C

    Konstantes Rauschen vom fallenden Regen, Grashüpfer und Grillen zirpen um die Wette, Nachttiere gehen langsam schlafen und der Tukan begrüßt schon Mal den Tag. 5:30 ist auch ne angemessene Zeit dafür.

    Wir schälen uns aus unserem Fliegengitter-umsäumten Betten und werfen uns in Schale. In diesem Fall: Lange Kleidung, Gummistiefel und Anti-Mückenspray. Unser bester Freund hier.
    Der Regen hört auf und so sammelt Rom noch vor dem ersten Kaffee die Gruppe ein, um einen Spaziergang durch den Regenwald zu machen.
    Wir stoppen hier und da neben Pflanzen und Pilzen, derer Nutzung im Bereich der Naturheilkunde und Medizin wir erläutert bekommen. Einer der Heilpilze setzt in einem wie gelber Rauch aussehendem Dunst gerade seine Poren frei.
    Außerdem bewundern wir das goldene und super robuste Netz der Golden Silk Spider, beobachten eine Bullenameise auf ihrem Weg in die Baumspitze und halten Ausschau nach Affen oder anderen aufwachenden Wirbeltieren.
    Der Boden, der in der Regenzeit auch Mal überschwämmt sein kann, ist der Inbegriff von rutschigem Matsch. Glücklicherweise kommen aber alle wieder ohne Sturz am Camp an, wo bereits frisch gebackenes Brot und Ei auf uns wartet.
    Nach unseren Frühstück, findet auch eine kleine Gruppe schwarzer Turmalin-Äffchen, dass es Zeit für einen Snack ist und schnabuliert lautstark am Rande des Camps eine Banane. Fairerweise muss man sagen, dass Rom sie ihnen gebracht hat, als er die großväterlich aussehenden Äffchen entdeckt hatte.

    „Guys, um 10 brechen wir auf!“. Alles klar. Wir packen die Ponchos ein und sind skeptisch aber gespannt. Denn wir sollen nun den Siona einen Besuch abstatten und mit einer Frau dort Maniok („Yuca“) auf traditionelle Art zubereiten.
    Den Weg zu der Siedlung? Im Kanu. Aber dieses Mal ohne Motor. Jeder der 9 Reisenden bekommt ein Paddel und dann gehts los.
    Auf dem Hinweg können wir uns ganz entspannt von Strom mitnehmen lassen. Wachsam suchen unsere Augen das wilde Grün von der Uferlinie bis zum Himmel ab und plötzlich: eine Harpiye!
    Der Gefürchtetste und Größte unter den heimischen Raubvögeln. Er hat Beute dabei und das ist unser Glück, denn so muss das Männchen eine Weile auf einem Baum rasten und wir können mit weit in den Nacken gelegten Köpfen staunen.
    Wie bei so vielen anderen Tieren auch, erklärt uns Rom, dass die Population immer weiter zurückgeht und diese Art mittlerweile auf der Roten Liste steht.
    Harpyien, Anacondas und Jaguare sind die von Indigenen als heilig ausgesprochenen Tiere.

    Noch ein Stück weiter den Fluss abwärts, tauchen Wellblechhäuser auf Stelzen auf und man hört Menschen reden. Wir haben die Siona-Siedlung erreicht. Wir werden im Kochhaus mit Nathalie, der Vertreterin einer der Familien dort, kochen und ein paar Dinge lernen. Welche Familie das machen darf, wechselt sich immer ab. So gibt es eine faire Chance der Entlohnung für alle.
    Ausserdem erzählt Rom uns, dass es an einigen Stellen Satelliten-Internet gibt und eben Motorkanus. Dass sie halt so heutzutage leben und uns niemand einen traditionellen Tanz in Lendenschurz aufführen wird. Richtig gut, denn so fühlt es sich direkt mehr nach einem realistischen Einblick an.
    Wir queren einen großen Bolzplatz, auf dem Hühner nach Samen picken und erreichen die Gemeinschaftshütte, in der schon ein Feuer brennt und die aus Lehm der großen Lagune selbst hergestellte Pfanne vorheizt.
    Währenddessen begibt sich ein Teil des Dorfes in die Kirche, die heute wegen einiger Taufen ca. 4 Stunden dauern wird. Wir werden immer wieder Gejubel und Gospel-artige Gesänge im Hintergrund hören.
    Das Capybara, das sonst gern zwischen den Menschen dort abhängt, zieht heute scheinbar leider die Abgeschiedenheit vor. Traurig aber wahr.

    Nathalies Familie hat uns ein paar Snacks vorbereitet:
    -Plantain-Chips (Banane)
    -Maniok-Chips
    -Chilli-Salsa
    -Ananas und Orangen
    -Kakao-Frucht
    -Eine lange Frucht, derer fruchtfleisch-umsäumten Kerne an Litschis erinnern
    -Und daumengroße Maden von Skarabäus-Käfern, die gleich aufgespießt und gegrillt werden.
    Letztere rufen eine Bandbreite an Emotionen zwischen Faszination und Ekel hervor.

    Wir sind ja aber gekommen, um zuzusehen, wie die so wichtige Yuca-Wurzel verarbeitet wird.
    Also folgen wir der mit einer Machete bewaffneten Nathalie (sie ist 23) und sehen ihr zu, wie sie lässig den Yuca-Baum kurz und klein haut und nur ein Stückchen Stamm übrig lässt.
    Das dürfen Sophie und eine Frau aus Pennsylvania aus der Erde ziehen. Sieht recht easy aus. Und dann liegt das ca. 5 kg schwere Wurzelwerk vor uns.

    Nach dem Schälen und Waschen versammeln wir uns mit den Wurzelstücken um eine Holzwanne herum und beginnen, diese auf selbstgebauten Reiben zu verarbeiten.
    20 lahme Arme später, ist die Wanne gefüllt mit weißem, triefenden Brei. Die Stärke soll nun herausgepresst werden. Mittels „Anaconda-Technik“. Ein aus einer robusten Baumwurzel gewobenes Band wird mit Yuca-Brei befüllt und dann in sich verdreht.
    Die dabei aufgefangene Stärke dient als Basis für Salsas oder andere breiige Lebensmittel.
    Die gepresste Yuca, die wie Kokosflockenbrocken aussieht, wird nun noch gesiebt und dann in die Pfanne gegeben, wo wir Tortillas aus ihr backen.
    Diese sind bis zu 2 Monate haltbar und sehr nahrhaft. Mit Salat und Linsen sogar auch sehr lecker!

    Als wir uns am frühen Nachmittag wieder auf den Heimweg machen, wissen wir auch, wofür wir die Stärkung brauchten. Eine Stunde flussaufwärts paddeln. Die Stimmung im Boot ist… naja, zeitweise angespannt. Die Sichtung von Delfinen hilft. Und als der Steg der Lodge in Sicht kommt, sind wir alle wieder happy. Die Blasen an den Fingern haben sich gelohnt.
    Wir haben übrigens prallen Sonnenschein und können nun noch etwas entspannen, bevor wir uns um 5 wieder mit Gummistiefeln und Mückenschutz ausstatten und es in den Djungle geht.

    Mosquitos sind Arschlöcher. Trotz Schutz und mehrerer Lagen, wedeln wir alle ununterbrochen mit den Händen und man hört ein wiederkehrendes Klatschen von Händen auf Körperteilen.
    Zum Teil wadentief im Matsch versinkend stapfen wir entlang des Pfades und verharren immer wieder um über Flora und Fauna zu lernen, als Rom auf ein Mal eine Horde Wildschweine hört.
    Bestimmt eine halbe Stunde lang hören wir näher kommendes Getrampel und Unruhe. Verlassen den Pfad und folgen der Spur durchs Gestrüpp. Währenddessen geht die Sonne unter. Schichtwechsel im Regenzeit und damit die lauteste Phase des Tages.
    Voller Spannung sitzen 10 Menschen in der Hocke und sagen kein Wort. Neben mir auf einem Blatt eine kleide Eidechse, die sich sicherlich fragt, was wie für merkwürdige Wesen sind.
    Und dann: wechselt die Horde die Richtung und entfernt sich weiter. Irgendwie sind wir auch froh, nicht auf ihrer geplanten Route gelegen zu haben.

    Wenn es Nacht wird in Regenwald, beginnt eine andere Welt. Große Insekten und Spinnen kommen aus ihren Verstecken. Frösche und Echsen lieben dieses Buffet. Und wir schauen dabei zu.
    Ausserdem im Gepäck: eine UV-Lampe, unter der Pflanzen und einige der Insekten neon leuchten.
    Wir entdecken außerdem eine Tarantel und eine andere Jagdspinne, einen klitzekleinen Baumfrosch und einen babykopfgroßen anderen Frosch. Eine Gottesanbeterin, die gerade einen Partner verspeist und einige Grashüpfer.

    Es fühlt sich an, wie tiefste Nacht. Aber um 19:30 sitzen wir alle am Dinner-Tisch. Davor war sogar Zeit, die Mosquito-Stich-Situation zu sichten. Ernüchternd, denn Sophie war besonders beliebt und hat Stiche im hohen zweistelligen Bereich abbekommen. Ich hatte deutlich mehr Glück. Es sind vielleicht 10.
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