• Tagesbericht No. 6 (Regenwald 1)

    June 7, 2024 in Ecuador ⋅ ☁️ 26 °C

    Etwas antizyklisch beginnt der neue Reiseabschnitt nachts um 11, als wir vom Bus am Hostel abgeholt werden, der uns bis zum Cuyabeno-Nationalpark bringen wird. Die Nacht war für die eine sehr kurz (Madeleine), wohingegen Sophie ihre Sitzplätze zu einem für einen Bus angemessenen Schlafplatz gemacht hat.
    Die 373 km-lange Fahrt fühlt sich nachts schon abenteuerlich an und auf den letzten Kilometern fehlt immer wieder befestigte Strasse.
    Um 10:00 gibt es einen Frühstückssnack und Rom, der Ranger und Reiseführer für unsere 12-köpfige Gruppe bereitet uns auf die ca. 3-stündige Fahrt mit dem Motorkanu den Cuyabeno-River hinunter vor.

    Regenzeit? Ja das merken wir. Ab in die Schlappen, Plastiktüte um die Tasche gewickelt und dann düsen wir auch schon los. Bereits nach wenigen Minuten haben wir in den Baumkronen 2 der hier 10 heimischen Affenarten entdeckt (Kapuziner-Äffchen und Totenkopfäffchen). Es ist dann kurz richtig Aufruhr im Boot, bis alle ganz entzückt dem wilden Getreibe in den Pflanzenriesen zusehen.
    Apropos. Hier im Regenwaldgebiet stehen auch einige der über 400-Jahre alten, als heilig gesehenen Bäume („Kapok“). Die sind riesen groß und Bromelien, Lianen und andere Kletterpflanzen nutzen sie als Fundament.
    Auch sehr interessant ist, wie sich das Wasser verhält. Das White Water ist von hellem braun und geht nach und nach ins Black Water über. Die Nährstoffzusammensetzung ist hier eine andere und man sieht richtig klare Grenzen zwischen den Wassergebieten.

    Auf der Tour halten wir immer wieder an, wenn interessante Vogelarten sich präsentieren oder ein Faultier gut getarnt zwischen den Blättern ruht.
    Bis wir bei der kleinen Lodge ankommen, sehen wir noch südamerikanische Gorillas, rote Brüllaffen, Tukane und sogenannte „stinky Turkeys“ (Vögel, deren Verdauung so langsam ist, dass die Lebensmittel sich in ihnen fermentieren).

    Die Lodge: es gibt hier vielleicht 20 Gäste, es ist super familiär und unsere „Zimmerwände“ bestehen aus Fliegengittern. Es gibt 2 Mal am Tag Strom dank eines großen Generators. Internet und Empfang? Fehlanzeige!

    Zwischen dem Mittagessen und dem Abendessen um 19:30 geht es für uns mit Taschenlampen im Gepäck erneut aufs Motorkanu in Richtung der „Laguna Grande“.
    Wir finden Zwei- und Dreifingerfaultiere, etliche Vogelarten und eine Horde kleiner Totenkopfäffchen, die sich über mehrere Bäume hinweg zu jagen scheinen.
    Ein paar ganz besonders magische Momente haben wir, als aus den winzigen, aufsteigenden Bläschen im Fluss plötzlich Finnen werden und wir immer wieder zwei Flussdelfine auftauchen und um uns herum schwimmen sehen. Vermutlich eine Mutter und ihr Kalb, die in den Seitenarmen des Cuyabeno River auf Essensjagd sind.

    Die große Lagune ist ein in der Regenzeit entstehender See auf einer Lichtung, die gesäumt ist von aufsitzerpflanzenbewachsenen Akazien. Nur, dass wir jetzt halt nur die Spitzen der baumkronen sehen können. Der Rest ist unter der Wasseroberfläche und vollständig vom Regenwasser der letzten Wochen bedeckt.
    Rom wirft ein Stand-Up-Paddelboard auf die Wasseroberfläche und ich ärgere mich etwas, meinen Badeanzug nicht doch angezogen zu haben.
    Was wir aber auch ohne Badekleidung tun können, ist den Blick auf den surreal wirkenden Sonnenuntergang zu genießen, während kleine Fledermäuse anfangen, dicht über der Wasseroberfläche ihr Frühstück zu jagen.

    Wir sollen auf dem Rückweg durch den finsteren Regenwald gemeinsam im flink hin- und her huschenden Lichtkegel der Taschenlampe nach Reflexionen von Augen suchen.
    Rot/ orange sind Schlangen und Kaimane;
    Gelb eher kleinere Säugetiere und Vögel und grünlich wären die der Raubkatzen. Die finden‘s aber gerade in der Ecke des Waldes eher ungemütlich.
    Am Eingang einer anderen Lodge, deren Wege aktuell geflutet sind und die daher keine Gäste hat, ruft Rom plötzlich „Kaiman!!“
    Also fahren wir an den Steg, klettern mit unseren Lampen aus dem Kanu und dürfen aus der offenen Küche einen Blick auf das 1,5m lange Reptil werfen. Als er genug von uns hat, macht es „Platsch“ und er ist weg. Den Gedanken, dass dieser Kumpel ein ziemlich flinker Jäger ist, legen wir besser Mal auf Seite.
    Alle wieder ins Kanu und weiter geht die Suche. Eine Schlange, so klein wie ein Zweig, lauert neben einem Spinnennetz auf größere Insekten und vermutlich kleinere Vögel.
    Und dann, kurz bevor wir unser Base Camp wieder erreichen, erwischt der Lichtkegel eine Zweifinger-Faultiermama, mit ihrem Baby auf der Brust, beim abendlichen Snack in einer Baumkrone.

    Beim gemeinsamen Dinner gibts einen Shot ecuadorianischen Schnapses, da einer der Gäste Geburtstag hat. Ziemlich starkes Zeug. Sophie, die Vernünftige hier, verzichtet.
    Um ca 10 Uhr, mit dem Ende der Elektrizität, fallen wir beide völlig platt aber selig in unsere Betten.

    In der kleinen Kapsel aus Fliegengitter sind das Zirpen der Insekten, die Rufe der Vögel und das Quaken der Frösche genau die richtige Kulisse, um in einen wohligen Schlaf zu fallen.
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