Tag 11: Amazonas Tag 2
May 6 in Peru
☁️ 23 °C
Die Chroniken von Tambopata begannen in jener grauen Stunde zwischen Nacht und Licht, als der Nebel noch wie ein schweres Leichentuch über den Dschungelpfaden hing. Um fünf Uhr morgens, während die ersten fremdartigen Vögel die Stille zerrissen, versammelten sich die Gefährten zum Mahle. Doch die Nacht war für einige nicht ohne Schrecken geblieben.
Der Aufbruch aus dem Haus der Schatten
Im Schutze der Finsternis war das Refugium der Maiden – Klara und Isa – von den „Heerscharen der Tiefe“ heimgesucht worden. Die Mauern, so schien es, waren nur ein schwacher Schutz gegen die vielbeinigen Bewohner des Waldes. Kakerlaken und Tausendfüßler waren als ungebetene Gäste in ihre Kammern geschlüpft, ein Zeugnis dafür, dass im Tambopata-Reservat die Natur keine Grenzen akzeptiert.
Wusstest du schon? Tausendfüßler im Amazonas können bei Gefahr ein Blausäure-Gas abgeben oder ätzende Sekrete versprühen. Ein kleiner, chemischer Schutzwall gegen neugierige Abenteurer!
Als das erste fahle Licht den Himmel berührte, bestieg die Gruppe das Boot, um den Fluss zu überqueren und die heiligen Grenzen des Nationalreservats Tambopata zu beschreiten. Über hölzerne Pfade, die wie Skelette uralter Drachen im feuchten Boden lagen, drangen sie tiefer in das Herz des Reservats vor.
Die Fahrt über das stille Wasser
Nach einem beschwerlichen Marsch, unterbrochen von den flüsternden Bewegungen wilder Bestien im Dickicht, erreichten sie die Anlegestelle der Kanus. Die Fahrt begann im dichten Unterholz, wo die Schatten der Bäume nach dem Wasser griffen.
Die Wächter des Ufers: Gelbe Augen starrten aus dem schlammigen Wasser – Kaimane, die gepanzerten Ritter des Flusses, beobachteten die Vorbeifahrt der Reisenden.
Der Ruf der Könige: Kaum auf dem offenen See angekommen, erklangen die Brüllaffen in den Baumwipfeln. Ihr Schrei – ein tiefes, grollendes Donnern, das an das ferne Pfeifen eines geisterhaften Zuges erinnerte – erschütterte die Luft.
Die Belagerung: Ein rachsüchtiges Insekt schien es auf Patrick abgesehen zu haben, der sich in den Tiefen des Bootes zu verkriechen suchte.
Der Schmetterlings-Scheich: Carl hingegen, in seine Gewänder gehüllt, um der brennenden Sonne zu trotzen, wirkte wie ein Abgesandter aus dem fernen Orient. Die Schmetterlinge hielten ihn für eine seltene Blume – oder eine Disney-Prinzessin – und ließen sich auf ihm nieder.
In schwindelerregender Höhe
Nach einer wohlverdienten Mittagsruhe rief die Pflicht erneut. Der Weg führte sie vorbei an den besagten Gemächern der Maiden hin zu einem Turm, der 40 Meter hoch in den Himmel ragte, gestützt von einem gewaltigen Urwaldriesen.
Die deutschen Gefährten, gewohnt an die strengen Siegel des TÜV, suchten vergebens nach Zertifikaten, während sie die hölzernen Stufen erklommen. In der Krone angekommen, begann die Prüfung:
Die Vorhut: Zwei mutige Italiener stürmten voran, gefolgt von Isa, Klara und Patrick.
Die Nachhut: Weit zurück blieben Alex und Carl. Alex, geplagt von der Furcht, das morsche Holz unter seinen Füßen könnte nachgeben, bewegte sich mit der Vorsicht eines Diebes, während Carl hinter ihm die Geduld eines Heiligen aufbringen musste.
Der Flug: Während Alex den Weg über die Ziplines verweigerte, schoss Carl wie ein Pfeil durch die Baumkronen. Sein Antlitz sprach Bände von der Lust an der Geschwindigkeit, während die anderen auf den schwankenden Brücken um ihr Gleichgewicht kämpften.
Fakt am Rande: Ein solcher "Canopy Walk" ermöglicht es, Schichten des Waldes zu sehen, die 90% aller Lebewesen des Dschungels beherbergen, aber vom Boden aus unsichtbar bleiben.
Die Stunde der achtbeinigen Jäger
Als die Sonne hinter dem Horizont versank und die Schatten am längsten wurden (genau um 18:15 Uhr), führte der Pfadfinder Jesus die Gruppe erneut hinaus. Nur mit Kopflampen bewaffnet, offenbarte er ihnen das Grauen: Überall im Boden verborgen lagen die Nester der Taranteln.
Im Schein der Lampen huschten Frösche über den feuchten Boden und Spinnen lauerten auf Beute. In einem Moment der absoluten Stille wurden alle Lichter gelöscht. Die Dunkelheit war so vollkommen, dass man das Pochen des eigenen Herzens hören konnte – ein wahrer Test für die Nerven der Gefährten.
Ein Abend der Verheißung
Erschöpft und vom Schweiß des Tages gezeichnet, kehrten sie zum Abendmahl zurück. Die Nachricht für den kommenden Morgen war ein Segen für ihre müden Glieder: Die Jagd beginnt später. Der Schlaf wird diesmal nicht vorzeitig durch den Ruf des Dschungels geraubt.
Die Chronik endet hier – für heute.Read more




















