Mentawai Islands
November 7, 2023 in Indonesia
🌧 29 °C
Für die nächsten fünf Tage hatten wir das Glück uns auf etwas ganz besonderes freuen zu dürfen. Als Sarah mir davon erzählte, dass man fünf Tage mit dem Mentawai Tribe tief im Dschungel verbringen kann, wusste ich erst nicht so ganz was ich davon halten soll. Eins war auf jeden Fall klar, um ein Massentourismus-Erlebnis handelte es sich hierbei nicht. Mit vielen Erwartungen, Befürchtungen und voller Aufregung ging es dann um 6 Uhr morgens von unserer Unterkunft in Padang zusammen mit Marie, Antoine und unserem Guide los. Um dorthin zu gelangen mussten wir einen ziemlich aufwendigen Weg auf uns nehmen. Zunächst ging es mit einem Auto an den Hafen, von wo aus wir eine fünfstündige Fähre auf die Siberut Insel nahmen. Während der Fährenfahrt konnte ich tatsächlich vom Deck aus, während die anderen schliefen, einige Delfine beobachten. Leider kamen die Momente immer so schnell und unerwartet, dass ich es nie schaffte eine Aufnahme zu machen. Als wir dann endlich auf der Insel ankamen hatten wir schon ein gutes Stück geschafft, waren jedoch noch lange nicht da. Am Hafen erwartete uns unser zweiter Guide Ricky, in einem Truck. Wir schwingten uns alle auf den Truck und kauerten für ungefähr 1,5 Stunden in einer eher ungemütlichen Position bis wir an einem Fluss ankamen. Am Fluss warteten zwei Kanus mit Motor und Fahrer auf uns. Auch wenn die ungefähr 2 Stündige Kanufahrt durch eine wunderschöne teils unberührte Dschungel-Landschaft führte, war sie echt krass anstrengend. Einerseits aufgrund der unbequemen Sitzhaltung und andererseits, weil wir ständig aussteigen mussten, da das Kanu aufgrund des niedrigen Flusspegels auf den Steinen lag. Als wir am geplanten Aussetzungspunkt ankamen, ging es noch für weitere 1-2 Stunden zu Fuß weiter. Der Weg war wirklich nicht ohne, teilweise mussten wir durch Flüsse durch, die bis zu den Oberschenkeln gingen und durch matschiges Dschungelgebiet. Dementsprechend war die Erleichterung erstmal groß, als wir im Haus der Mentawai Familie ankamen, bei der wir die nächsten 4 Nächte schlafen würden. Die Häuser des Mentawai Tribes werden „Uma“ genannt und damit ist ein länglich gebautes Haus aus Holz gemeint, was an den Seiten offen ist. Unterm Haus leben Hühner und auf der Etage dadrüber leben die Menschen. Der erste der uns begrüßte und sich vorstellte war Aman Sasali. Er ist das Familienoberhaupt und Schamane. Während wir mit ihm saßen und Tee tranken kamen auch immer wieder weitere Mitglieder der Familie und hießen uns willkommen. Am ersten Abend aßen wir nur noch etwas, ließen alles auf uns wirken und lernte alle Mitglieder der Familie etwas kennen. Insgesamt leben in dem Uma 13 Familienmitglieder. Dementsprechend ist es relativ voll und permanent laut. Sarah schloss direkt eine Verbindung mit der ältesten der Familie, die die Mutter von Aman Sasali ist. Wie alt sie ist, konnte uns leider nicht gesagt werden, da die Mentawais keinen Kalender haben und somit keine Jahre zählen. Die erste Nacht verlief im allgemeinen besser als erwartet. Man schläft zwar auf einer dünnen Matte auf dem Boden, allerdings ist man in einem geschützten Bereich, da ein Bettlaken um die Matte gespannt wird. Das kann man sich wie eine Art Höhle, wie man sie als Kind gebaut hat, vorstellen. Am Morgen wurden wir ziemlich früh wach aufgrund des Lautstärkepegels, was aber nicht sonderlich schlimm war, da wir hier ja nicht zum schlafen waren. Am Morgen lief es eigentlich immer so ab, dass wir uns zu aller erst am Fluss fertig gemacht und gewaschen haben. Danach gab es für uns etwas zum Frühstück und wir saßen ein bisschen zusammen, führten Konversationen, tranken Tee oder Kaffee und besprachen den Plan des jeweiligen Tages. Plan des ersten richtigen Tages war es in den Dschungel zu gehen und Larven zu finden, da sie eine wichtige Nahrungsquelle für die Mentawais sind. Interessanterweise dürfen jedoch die Schamane keine Larven essen. Nach einem kurzen Gang durch den Dschungel von gerade mal 20 Minuten stoppten wir an einer Stelle, wo ein paar morsche Baumstämme lagen. Aman Sasali und ein anderer Schamane der uns begleitete, fingen direkt an mit ihren Macheten die Baumstämme zu zerhacken und friemelten so eine Larve nach der anderen aus dem Holz. Sarah und ich sind eigentlich sehr aufgeschlossene Menschen, wenn es jedoch darum geht lebende Insekten zu probieren, wird man uns bei dieser Thematik nicht als die probierfreudigsten Menschen erleben. Zum Glück waren wir zu viert und die Schamane schafften es Antoine als Probieropfer zu überreden. Es sah schon relativ unangenehm aus als er die Larve gegessen hat, da es wohl relativ schwer war den Körper vom Kopf abzubeißen. Insgesamt dauerte es schätzungsweise 30 Sekunden bis er den Kopf im Mund abgetrennt hatte und den essbaren Körper runterschlucken konnte. Als ich den Struggle von Antoine sah war ich froh das Probieren abgelehnt zu haben, da ich bei sowas sehr schnell einen Kotzreiz entwickle. Wir mussten Aman Sasali allerdings versprechen welche zu probieren, wenn sie gekocht sind. Darauf konnten wir uns einlassen. Die Larven wurden in einem Bambusrohr zum Transport gepackt und (un)glücklicherweise vergaß Adrian das Bambusrohr irgendwo im Dschungel. Anschließend ging es zu einer Palme. Der andere Schamane kletterte innerhalb von 10 Sekunden mit seiner Machete die ca. 10 Meter hohe Palme hinauf und holte uns jedem eine frische Kokosnuss runter. Das war echt lecker. Danach ging es dann erstmal zurück ins Uma um Mittag zu essen. Nach dem Mittagessen spielten wir mit den Guides und den Kindern Uno. Die Verlierer bekamen von dem Gewinner Kaffeesatz ins Gesicht geschmiert. Natürlich war ich einer der Verlierer. Nachmittags zeigte uns die Frau von Aman Sasali wie man Sagu herstellt. Sagu ist eine der wichtigsten Nahrungsmittel für die Mentawai. Es wird aus einer Pflanze gewonnen, zu einer Mehlartigen Masse mit den Füßen zertrampelt und in der Pulverform in ein Blatt eingewickelt. Für den Verzehr wird es dann über dem Feuer geröstet, sodass eine Art fester Stick rauskommt. Die Mentawai essen es dann wie Brot in dem sie es beispielsweise in Suppen usw. dippen. Für mich und Sarah war es ein sehr eigenartiger Geschmack. Man kann es definitiv essen ohne kotzen zu müssen, aber es wäre gelogen wenn ich sagen würde, dass ich es genossen habe. Abends saßen wir dann wieder alle zusammen und aßen etwas. Anschließend wurde sich unterhalten, gespielt und Tee getrunken. Marie stellte sich als ziemlicher Schach Profi heraus, was ziemlich cool war, weil ich schon seit längerem daran interessiert war ein paar Schachstrategien zu lernen. Schlafen ging es für uns meistens immer so gegen 23 Uhr und meist waren wir dann auch immer ziemlich fix und fertig. Das lange trekken im Dschungel, die feuchte Hitze und die permanente Exposition sozialer Situationen können wirklich ziemlich anstrengend sein. In den nächsten Tagen lernten wir diverse weitere Skills die man als Mentawai zum überleben im Dschungel benötigt, wie unter anderem das Aufstellen von Fallen für Wildschweine, das Fangen von Fischen, was interessanterweise eine Aufgabe der Frauen ist sowie die Herstellung von Gift für die Pfeile um Wildtiere wie Affen, Wildschweine, Rehe, Fledermäuse, Eichhörnchen und viele weitere Tiere effektiv zu jagen. Die Mentawai töten allerdings nur, wenn sie es müssen. Um die Seele des Tieres zu ehren hängen sie die Schädel sozusagen als Dekoration im Uma auf. Was auch sehr interessant und suspekt ist, ist dass die Mentawai offiziell seit einigen Jahren Moslems sind. Suspekt daran ist, dass sie sich aufgrund ihrer Traditionen nicht an vieles halten, was der Koran vorgibt, wie beispielsweise den Verzicht auf Schweinefleisch oder das fünfmalige Beten pro Tag. Ich hatte etwas den Eindruck, dass es in Indonesien so ist, dass es von der Gesellschaft als sehr gut angesehen wird wenn man Moslem ist. Dies würde auch erklären, weshalb ca. 92% der Bevölkerung muslimisch ist. Ich denke zum Teil wird das auch das Motiv hinter der muslimischen Zugehörigkeit der Mentawai sein, da sie in der heutigen Zeit trotz ihrer traditionellen indigenen Lebensweise Pässe und bis zu einem gewissen Grad eine Integration in die Gesellschaft benötigen. Allerdings erzählte uns Aman Sasali, dass sie beispielsweise zum Ramadan auch fasten, was dafür spricht, dass wahrscheinlich noch etwas mehr dahinter steckt als nur der gesellschaftliche Zwang. Zum Abschluss unseres Aufenthalts haben Sarah und ich uns dazu entschieden ein wortwörtlich unvergessliches Andenken mit nach Hause zu nehmen. Nämlich ein Tattoo. Ich liebe Tattoos und die Mentawai sind laut mehreren Quellen dafür bekannt, die älteste Tattoo-Tradition der Welt zu haben. Dementsprechend war es für mich fast schon ein muss ein solches Tattoo von einem Schaman zu erhalten, auch wenn ich selbstverständlich ziemlichen Respekt aufgrund der mangelnden Hygiene hatte. Mit einer Infektion oder anderen durch Blut übertragbaren Krankheiten ist ja bekanntlich wirklich nicht zu spaßen. Für Sarah war es tatsächlich das erste Tattoo, weshalb sie lustigerweise eher Sorgen um die Schmerzen des Tätowierungsprozesses machte. Obwohl ich zuerst dran war und zu meiner Überraschung feststellte, dass es 100 mal weniger schmerzhaft ist, als ein Tattoo, was mit der Maschine gemacht wird, stieg ihre Aufregung dennoch stark an bis zu dem Zeitpunkt an dem sie dran war. Sie hat es dann aber auch gut überstanden und war sehr stolz auf sich, dass sie es ausgehalten hat und es weniger schlimm als gedacht war. Am nächsten Tag mussten wir dann mit gemischten Gefühlen die Rückreise zum Festland antreten. Einerseits freuten wir uns natürlich auf gewisse luxuriöse Gegebenheiten, die die Zivilisation zu bieten hat, wie ein weiches Bett oder eine richtige Dusche. Allerdings waren mir diese Menschen und diese Lebensweise wesentlich mehr ans Herz gewachsen, als ich zuvor gedacht hätte. Dementsprechend war der Abschied gar nicht so leicht. Zum Glück können wir aber natürlich die Erinnerungen und das Gelernte mit nach Hause nehmen und für immer in Ehren halten. Als unser Guide Adrian uns fragte, wie es uns gefallen hat, sagte Marie etwas, was mir sehr stark in Erinnerung geblieben ist und was ich aus persönlicher und psychologischer Perspektive nur absolut unterstützen kann. Sie meinte, dass es ihr besonders positiv aufgefallen war, wie die Erwachsenen mit den Kindern umgehen. Kurz zusammengefasst werden die Kinder nie groß angeschrien oder für irgendein Verhalten bestraft. Sie dürfen einfach Kind sein und die Welt mit sehr viel Freiraum explorieren. Der Rückweg war abgesehen davon, dass wir wieder Delfine von der Fähre sehen konnten nicht besonders spektakulär. Alles in allem war es eine wirklich unglaubliche Erfahrung die mit Worten niemals ausreichend beschrieben werden kann. Man muss es einfach selbst erleben.Read more











