Pamir
August 22, 2009 in Tajikistan
Der Fluss schaeumt und rauscht. Zu viel Wasser fuer diese Jahreszeit. Der Winter war hart. Schneereste kleben noch unter den Gipfeln, flecken die kargen Abhaenge wie das Fell eines Schneeleoparden. Ein paar braune Spritzer klatschen vom Panj River hoch, lechzen nach dem schmalen Saumpfad, der sich auf der gegenueberliegenden Seite an die Boeschung krallt. Ein bepackter Esel wird von einem Mann vorangetrieben, dessen Gesichtszuege unter seinem Turban verschwimmen.
Wir radeln weiter, konzentrieren uns auf die Schlagloecher. Warum gibt es auf der anderen Flussseite diesen Weg? Reicht eine Strasse in diesem Flusstal nicht? Ein Blick auf die Karte. Dort wo eigentlich die blaue Linie des Flusses sein sollte, schlaengelt sich ein violettes Band durchs Tal. Die Grenze - Afghanistan. Irgendwie haben wir es verdraengt, ist die Fahrt mit dem Taxi von der heissen tajikischen Hauptstadt Dushanbe nach Kalaikum zu schnell gegangen. Die Eindruecke waren zu stark. Bewaffnete Aufstaende und Polizeisaeuberungen vor wenigen Tagen haben uns auf dieser Strecke vom Fahrrad in den Jeep gezwungen. 300 Kilometer sind hinter der Winschutzscheibe an uns vorbeigezogen. Die Gedanken sind bei den sprudelnden Springbrunnen und breiten Alleen in Dushanbe haengengeblieben. Jetzt haben sie uns eingeholt. Wir vergleichen das Kartenbild mit den Windungen des Flusses, dem Weg, der Strasse – Afghanistan.
Wenige Meter trennen uns von einem anderen Land. Ein Fluss, weiter nichts. Und doch scheint die Welt hier auseinanderzuruecken. Wir rollen auf Asphalt, auf der anderen Seite klebt der Eselpfad. Der Fluss schneidet eine Kluft zwischen dem hier und dort. Links und rechts erheben sich Fuenf- und Sechstausender. Eine perfekte Grenze. Unueberwindbar, moechte man meinen, und doch hat Tajikistan in der Kriegszeit hier noch Landminen gesetzt. Unueberwindbar, und doch fliegen unsere Gedanken zu diesem Mann mit dem Esel, der nun in unserem Ruecken weiterzieht. Wie lebt er? Was denkt er ueber die Touristen, welche auf der Teerstrasse vorbeiradeln? Bestimmt hat er uns bemerkt, bestimmt schweifen auch seine Gedanken ueber die Grenze. Scheinbar unueberwindbar. Das Tal weitet sich, kleine Lehmhuetten kleben an den Haengen. Eine Frau huscht von einer Tuer zur anderen, ein roter Tupfer nur. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, Schatten fingern die Haenge hoch. Hier und dort. Eine Schattenwelt, egal auf welcher Seite man steht.
Von Zeit zu Zeit oeffnet sich am anderen Flussufer ein Riss in den schroffen Talflanken. Ein Gletscherbach bahnt sich seinen Weg von den gleissenden Gipfeln hinunter zum Panj, der hier im oberen Teil des Wakhan Tals maeandert. Solche Einschnitte geben die Sicht frei, hinein in den Hindukusch. Gehoert dieser Abhang nun noch zu Tajikistan? Liegen diese Steine auf afghanischem Boden? Reicht das blaeulich schimmernden Schneefeld wohl bis Pakistan? Neugierig spaehen wir in die Seitentaeler jenseits der Grenze, wie ein vorwitziges Kind durch ein Schluesselloch.
In Langar macht der Panj einen Knick. Die Tajikische Grenze folgt weiter dem Pamir Fluss. Heute Abend uebernachten wir in einem traditionellen Pamir Haus. Die Familie nimmt uns herzlich auf, wir essen warmes Fladenbrot, trinken heissen Chai. Die juengste Tochter der Familie spricht etwas Englisch. Sonst bleibt die Verstaendigung schwierig. Die Pamiri sprechen fast in jedem Dorf eine andere Sprache. Es herrscht ein unueberschaubares Voelkergemisch. Man vermutet, dass die Leute waehrend Kriegszeiten hier in den schwer zugaenglichen Bergtaelern Schutz suchten, und ihre eigene Sprache mitbrachten. Durchziehende Karawanen haben Vorstellungen und Glauben gepraegt und durchmischt. Immer wieder halten wir in den Dorfern Ausschau nach blauen Augen, den Augen von Alexander dem Grossen und den Seidenstrassenhaendlern aus dem Westen.
Die Piste schraubt sich hoeher. Fussballgrosse Steine, kristallklare Hoehenluft. Ein Bus singender Chinesen faehrt vor. Die Passagiere klatschen mit weiss behandschuhten Haenden Beifall. «Jesus loves you», meint der Fahrer zum Abschied. Das Echo seines Satzes verpufft in der Weite, verliert sich rasch zwischen den majestaetischen Gipfeln des Pamirs. Auf dem Top holt uns ein amerikanischer Fotograf mit dem Jeep ein. Stellt Fragen, schiesst Bilder. Er arbeitet fuers Adventure Magazine. Tolle Fotos: Rotes Jaeckchen, weisse Berge, blauer Himmel. «Faehrt ihr auch ab und zu off road?», will er wissen. Wir verstehen nicht ganz.
In Murghab lernen wir Betty und Jean Pierre kennen, ein Radlerpaar Anfang Sechzig. Alle haben wir zu viel Zeit, koennen wegen den Visa nicht bereits nach Kirgistan ausreisen und beschliessen, gemeinsam ein Trekking zum Grum Grschimailo Gletscher zu unternehmen. Wir radeln weiter nach Kara Kol, doch das Unterfangen scheint bereits am fehlenden Auto zu scheitern, welches uns zum Ausgangspunkt des Trekkings bringen soll. Zum Glueck fahren nach einem Tag zwei deutsche Touristen vorbei, welche nach Osh und zum rettenden Natelnetz weiterwollen und uns einen Jeep aus Murghab organisieren.
Das Trekking von Pasor zum Gletscher wird einer der Hoehepunkte des ersten Monats. Zwar sind auch hier die buerokratischen Huerden hoch gesteckt, und immer wieder treffen wir auf obskure Beamte, welche Geld fuer das Wandern im Nationalpark einfordern, aber die archaische Gletscherwelt, in die wir auf unserer viertaegigen Wanderung mit Esel und Rucksack vorstossen, ist unbeschreiblich. Wir wandern, bis uns Hoehe, Schnee und Eis zur Umkehr zwingen.
Drei Adler kreisen in der Luft, schwingen sich hoch, schreien. Haarnadelkurven winden sich tausend Hoehenmeter hinunter ins Tal. Letzte Nacht hat es im Niemandsland zwischen Tajikischer und Kirgisischer Grenze das erste Mal geschneit. Weissbepuderte Spitzen. Die Vorfreude auf den Herbst im Tien Shan treibt uns voran. Osh ist schnell erreicht. Hier merken wir nichts von den herbstlichen Vorboten auf viertausend Metern. Es ist warm, aber die wuestenhaften Temperaturen von Anfang August gehoeren endgueltig der Vergangenheit an. Ein Hotel mit Waschmaschine scheint uns jetzt wichtig - und der Supermarkt sollte auch nicht allzuweit sein. Ja, wir geniessen den Komfort in der zweitgroessten Stadt Kirgistans. Aber die offene Karte im Zimmer zeugt auch davon, dass wir bald wieder rauswollen, aufs Land, in die Berge - zu den Adlern.Read more
Tien Shan
September 26, 2009 in Kyrgyzstan
Rasende Autos und Bleiwolken. Auf dem Weg von Osh Richtung Jalal Abad ist die Hoelle los. Die Strasse hat kein Ende. Ein Lieferwagen pufft vorbei. Schwarze Aufschrift, gelber Grund: “Kuehler und Lueftungen”. Altschrott aus Deutschland. Auf dem Nummernschild stehen die Buchstaben APK. APK fuer Apokalypse? Die Strasse hat kein Ende. Zwei Bunker kleben am Hang ueber einem See und markieren die Grenze zu Usbekistan. Die Strasse fuehrt daran entlang, windet sich ueber einen Huegel. Der Himmel ist grau. Es beginnt zu nieseln.
Wir radeln weg von der Hauptstrasse, Richtung Sary Chelek Reservat. Die Landschaft aendert. Taeler, Huegel, erste Tannen an den Haengen. Beim letzten Dorf vor dem Bergsee versuchen wir Pferde zu organisieren, um mit Sack und Pack und den zwei Velos in sechs Tagen quer durch die Talas Berge zu trekken. Der Versuch schlaegt fehl, aber wir lassen uns nicht entmutigen, fahren zwanzig Kilometer zurueck und versuchen es im Nachbartal. In Kussut Koel finden wir den jungen Ulan und sein Vater. Sie haben schon mehr Touristen durch die Region gefuehrt. Bereits am naechsten Morgen koennen wir starten. Es ist nicht einfach, Gepaeck und Fahrraeder auf die fuenf Pferde zu packen, so dass auch noch Platz zum Reiten bleibt. Aber am Ende schaffen wir es. “Kak Aeroplan”, meint Ulan lachend, als das Packpferd zum Abmarsch bereit ist. Ja, das Tier sieht wirklich aus wie ein Jumbo vor der Landung.
Schweizer Nationalpark, tagelang: Glasklare Bergseen, wilde Taeler, Tannenwald. Die Sonne treibt das Harz aus den Staemmen, es duftet nach Heimat. Die dampfenden Pferde erklimmen den naechsten Pass. 4000 Meter, weisse Gipfel, schroffe Felswaende. Weit unten ist die Jurte geblieben, die Schafe sind nur noch Tupfer, die Stuten rote und schwarze Kleckse auf dem braunen Lawinenkegel. In der Ferne zieht eine Wolkenwand vorbei. Schneeflocken wirbeln ueber den Grat. Waehrend dem ganzen Anstieg begleiten uns eine Familie Bartgeier und zwei Adler.
Die Nachmittagsstunden werden kalt. Schneeregen treibt die Daemmerung voran. Wir erreichen ein weiteres Schaflager, beschliessen hier zu rasten. Unsere beiden Begleiter freuen sich auf das Fleisch zum Nachtessen. Noch haengt es am Trockengestell, wo es fuer den Winter geraeuchert wird. Ulans Vater lacht, greift zum Beil, zerhackt Knochen und Fleisch. Schon bald wabbert der scharfe Geschmack von Schaf, Fett und Mark durchs Zelt. Zum Glueck ist es dunkel, als wir unsere Portion ueberreicht bekommen.
Wir radeln ueber den frisch verschneiten Tanimas Pass. Ein Bilderbuch liegt aufgeschlagen vor uns: Glitzernde Huegel, der Rauch einer einzelnen Jurte kriecht den Hang empor, wie cremige Sahne zeichnet er weisse Strudel in den blauen Himmel. Die Tuer oeffnet sich, eine Frau kippt dampfendes Wasser auf den Boden. Langsam steigen wir an, die Jurte verschwindet hinter der naechsten Kurve. Wolken ziehen den Haengen entlang verhuellen den Pass. Es weht ein schneidender Wind. Klirrende Kaelte.
Am 10. September sehen wir unseren ersten Wolf. Es haette auch ein Hund sein koennen, der da zweihundert Meter vor unserem Zelt vorbeihuschte. Darum bleibt die Kamera in der Tasche und wir witzeln ueber unsere bluehende Fantasie. In der Nacht heult es von den naheliegenden Huegeln. Verblueffung und Faszination. Wir lauschen in die Nacht. Ein zweites Tier antwortet. Ein Esel bruellt. Dann ist es still. Hat sich da eine Prise Unbehagen ins Zelt geschlichen? Unsere Haut prickelt, das Gefuehl eines kleinen Jungen, der das erste Mal alleine den Keller betritt. Zum Glueck gibt es hier so viel “leckeres” Schaffleisch...
Song Koel. Schon der Name klingt nach Weite. Der Kontrast zu den Waeldern und engen Taelern um Talas koennte nicht eindruecklicher sein. Weite Hochgebirgssteppe, eingerahmt von Bergen. Und in der Mitte wie ein blaues Wunder der See. Pferde- und Schafherden ziehen vorbei. Enige Jurten stehen noch, doch die meisten Kirgisen, welche hier den Sommer verbringen, haben ihr Hab und Gut bereits zusammengepackt und sind in die waermeren Taeler gezogen. Das Wetter ist jetzt unberechenbar geworden, strahlende Herbsttage wechseln mit stuermischem Schneegestoeber. Es wird nicht mehr lange dauern, und die vier Pisten, welche ueber spektakulaere Passe auf das Hochplateau fuehern, werden nicht mehr passierbar sein.
Der Herbst haengt im Tal, tobt sich aus, tanzt um die Baeume. Er bleibt an Birkenaesten und Straeuchern haengen, reisst sein buntes Kleid an den Spitzen des Sanddorn in Fetzen. Orange, gelb, rot. Goldene Tage fuehren uns entlang des Naryn Flusses und weiter ueber den wilden Tosor Pass zum zweitgroessten Gebirgssee der Welt, dem Issyk Kul. Karakol wird fuer uns zum Ausgangspunkt einer weiteren Wanderung. Hoch hinauf an den Fuss des vergletscherten Piz Karakols, an Bergseen vorbei und ueber Paesse zu den heissen Quellen von Altyn Arashan. Wir sind das Laufen nicht mehr gewohnt, holen uns einen kraeftigen Muskelkater und wunde Fuesse. Es ist ein gutes Training fuer das kommende Abenteuer, dem wir schon seit zu Hause entgegenfiebern: Dem Trekking zum maechtigen Inylchek Gletscher, in das Reich des Bergriesen Hahn Tengri.Read more
Magic Bus
October 20, 2009 in Kazakhstan
Die logistischen Vorbereitungen fuer unsere Inylchek Tour dauert mehrere Tage. Wir muessen in Karakol Proviant fuer 14 Tage besorgen und abpacken. Drei Tage fuer unsere Hinfahrt per Velo zum Inylchek Basecamp, sieben Tage Trekking zum Merzbacher Lake und ueber den Tjuz Pass, vier Velotage bis zur kasachischen Grenze. Dabei gilt es einen zuverlaessigen Bergfuehrer zu finden und die Spezialgenehmigung fuer diese sensible Grenzregion zu besorgen. Am Ende klappt alles. Der Bergfuehrer ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, die Velos werden puenktlich abgeholt und nach sieben Tagen ins gewuenschte Tal gebracht, die Militaerstempel sind gesetzt und unser Proviant auch ohne gefriergetrocknete Outdoornahrung trekkingtauglich. Nur die zentralasiatische “Salami” war wohl doch keine Dauerwurst.
Die erste Probuskkontrolle erfolgt mitten auf der Strasse. Ein rostiger Lastwagen haelt an, ein Military springt eifrig heraus. Es beginnt schon zu daemmern. Zum Glueck haben wir uns ueber die genauen Checkpoints informiert. Eine Schmiergeldgeschichte, wie wir sie beim Pamirtrekking erlebt haben, wollen wir wenn moeglich vermeiden. Wir sind uns einig: Der Typ erhaelt hier weder unsere Paesse noch unsere Dokumente. Das Sperrgebiet ist noch weit. Der Militaermann schreit herum, versabbert unsere Landkarte, wedelt mit seiner roten Idaentitaetskarte, zieht schliesslich mit seinem stinkenden Ungetuem ab.
Inylchek, die Welt erstarrt. Schnee und Eis, Fels und Himmel. Eine Landschaft aus der Urzeit. Donnernde Steinlawinen, stiebende Eisbrueche, himmelhohe Berge. Den Merzbacher See erreichen wir nach drei anstrengenden Wandertagen entlang der rechten Gletschermoraene. Er ist leer. Jeden August bricht das angestaute Wasser den Damm und ueberflutet das Tal. Nun ist der Platz eine zinnenbewehrte Eismauer. Ein silberner Vollmond steigt ueber das Merzbacher Camp, der Gletscher knallt in der Kaelte.
Der 4000 Meter hohe Tjuz Pass ist weiss. Erst auf der Passhoehe wissen wir, ob wir ihn queren koennen. Auf der Nordseite liegt ein halber Meter Schnee. Unser Bergfuehrer gibt das OK zum Abstieg ins Nachbartal. Stille. Die Berge halten Winterschlaf.
Wir stehen zwei Tage zu frueh an der kasachischen Grenze. Die Velostrecke von Eskilitash nach Karkara war nur halb so lang als erwartet. Was sollen wir machen? Bestechen und zwei Tage zu frueh an der Kontrolle erscheinen? Wuerde vielleicht funktionieren. Und wenn uns die Kirgisen rauslassen und die Kasachen nicht rein? Wir wuerden in der Steppe haengen wie Viktor Navorski im Film the Terminal. 100 Kilometer in die falsche Richtung pedalen und vielleicht ein Hotel finden. Bei den drei Haeusern an der letzten Kreuzung anklopfen und erklaeren, dass wir gerne zwei Tage und Naechte hierbleiben moechten? Wir probieren es mit der Gastfreundschaft. Die Bauern gucken irritiert, aber zehn Minuten spaeter haben wir unsere Bleibe. Ein gelber, ausrangierter Bus. Wir haben schon an den ausgefallendsten Orten genaechtigt, aber dieser Aufenthalt wird ein Unikum. Die Kiste hat sogar einen Fernseher. Zwei Tage lang schuettet es. Der Bus leckt, wir muessen Becher unterstellen, damit die Schlafsaecke nicht nass werden, aber sonst ist es gemuetlich. Ein kleiner Magic Bus. Ein Stueck Alltag am Ende von Kirgistan.
Karkara: Grenze zwischen zwischen Steppenreiter und Bergnomaden, zwischen Kasachen und Kirgisen. Zwei Nationen, die bis vor einigen Jahrzehnten nur durch die Vorliebe einer anderen Landschaft unterschieden wurden. Jetzt auf dem Papier getrennt. Zwei Huetten und ein Schlagbaum auf einer durchloecherten Asphaltstrasse. Ein kleiner Fluss. Tschingis Aitmatov laesst hier in seinen Buechern die turkischen Reiterhorden vorbeiziehen, in Gulsary treten die beiden Voelker wie noch heute zum jaehrlichen Freundschaftsturnier gegeneinander an. Im Sommer ist diese weite Ebene von Jurten uebersaeht. Sind es kasachische, kirgisische? Am 10. Oktober koennen auch wir auf die andere Flussseite wechseln. Der Wind empfaengt uns in der Weite.
Die Fahrt in eine grosse Stadt ist immer gleich. Zuerst aendert sich nur wenig. Der Asphalt wird besser. Im Laden an der Strasse gibt es ploetzlich wieder Lipton Eistee. Dann kommen die Autos. Am Anfang nur zaghaft, dann zahlreich und schnell. Man faehrt wie in einem Staubsaugerrohr. Ein unsichtbarer Luftstrom scheint alles an sich zu reissen. Die Strassen werden breiter, die Haeuser groesser, die Ueberholmanoever unkontrollierter. Alles strebt zur Superlative. Auf dem Weg nach Almaty ist das Schlauchgefuehl perfekt. Kilometerlang versperren Baeume links und rechts der Strasse den Blick zur Aussenwelt. Es existiert nur noch der Weg und das Ziel. Nach den Autos kommen die Meilen. Die Gemuesemeile, die Obstmeile, die Fleischmeile. Hier versorgen sich die Hanedler mit den Landwirtschaftsprodukten fuer die Stadt. Tuerme aus Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Trauben, Aepfeln, Orangen, alles verschwindet in den Autos, rast zum Zentrum. In Zentralasien passiert man auch noch die Zement- und Kaffeemeile. Zuletzt warten die Anhalter. Dann beginnen die Autos zu stocken, die Luft wird stickig, das Pedalen eine Qual. Warum zieht es uns zu den Staedten? Wozu sollen wir uns dieser Hektik aussetzen? Warum verlassen wir einsame Strassen und freundliche Menschen, tauschen den glitzernden Sternenhimmel gegen einengende Zimmerdecken? Strassenstress fuer Luxustraeume. Eine warme Dusche, ein weiches Bett. Die Haeuserschluchten fallen ueber uns zusammen. Nachtessen im Pizza Hut.Read more
Altai
December 1, 2009 in Mongolia
Achzig Kilogramm hat die Gepaeckwaage am Ende angezeigt. Wir haben selber gestaunt. Nun ist alles unter Dach und Fach. Die vollstaendig zerlegten Velos versperren den hinteren Coupetteil. Zwei Naechte und ein Tag in der Turksibirischen Eisenbahn stehen uns bevor, quer durch die kasachische Steppe, hinein in den russischen Winter.
Es ist Nacht. Das Fahrwerk klopft, ruettelt Erinnerungen wach: Ferien in Suedfrankreich, die Anreise per Nachtzug. Unsere Familie besetzt ein Sechserabteil. Das unterste Bett ist heruntergeklappt, Platz fuer den Veloanhaenger mit Gepaeck. Im obersten Bett staut sich die Hitze, die Klimaanlage funktioniert nicht. Manchmal bremst der Wagon, flattert ueber Weichen, bleibt quitschend stehen. Bahnhoflichter: Lion, Avignon? Eine Lautsprecherdurchsage, die Lock beschleunigt, faehrt weiter durch die Nacht. Das Fahrwerk klopft. Aufstehen um drei, alle sind nervoes, der Zug haelt nicht lange. Das erste Mal die franzoesische Luft einatmen, ein kleines Abenteuer. Der Wind ist waermer als zu Hause, noch riecht es nach Eisen von den Schienen, aber da ist auch etwas Unbekanntes, Neues. Warten am Bahnhof bis zum Morgen, Vorfreude. Einmal hat ein Wagenfuehrer vergessen unsere Familie rechtzeitig zu wecken. Das sonst schon nervoese Aussteigen mit Kind und Kegel wurde hektisch. Auch jetzt reisen wir mit viel Gepaeck - die Ankunft koennte stressig werden. Wir traeumen beide von Velos, die in der Tuere des anfahrenden Zuges festklemmen, waehrend das eine schon draussen ist und das andere noch drin...
Jemand poltert an die Tuer. Es ist morgens um acht. Der Zug haelt irgendwo an einem kasachischen Steppenbahnhof. Ein wichtiger Polizist kontrolliert alle Paesse. Auf dem Nebengeleis steht ein Gueterzug voller Holz und Steinkohle. Sibirien rueckt naeher. Dann erneut Weite. Waeren wir diese Strecke mit dem Velo gefahren, wenn uns nicht der kommende Winter im Nacken sitzen wuerde? Haetten wir den argentinischen Pampakoller ueberwinden koennen, der uns seit Suedamerika von solchen Strecken abhaelt? Am zweiten Abend aendert die Landschaft. Dichte Fichtenwaelder beidseits der Gleise. Die russische Grenze. Im Abteil werden alle Gepaeckfaecher durchsucht. Die Lampenabdeckung wird heruntergeschraubt. Hunde hecheln durch die Wagen. Wir sitzen fuenf Stunden fest. Willkommen in Russland. In Barnaul ist es null grad. Kurz nach unserer Ankunft beginnt es zu schneien. Die Leninstatue traegt einen weissen Schal. In manchen Parks brennt ein Gasfeuer. Wir decken uns mit Fellmuetzen und Handschuhen ein, radeln hinaus ins Schneegestoeber. Die Leute schuetteln die Koepfe.
Die Strasse vereist. Die Daemmerung setzt schon um fuenf ein. Ein Russe im Schneepflug haelt an, sagt uns, dass es bis zum naechsten Strassenkaffee nicht mehr weit sei, meint, dass wir dort uebernachten koennen. Es ist dunkel, als wir dort ankommen. Wir kriegen keinen Platz. Der Kaffeebesitzer zuckt mit den Schultern. Was gehen ihn die zwei Wahnsinnigen mit ihren Velos an? Wir stellen unser Zelt zwei Meter neben der Tuere zum Kaffee auf. Nur der Wachmann macht sich Sorgen. In dieser Nacht schneit es einen halben Meter. Am naechsten Morgen sind die Strassen spiegelblank und fuer uns nicht mehr zu fahren. Wir stoppen den naechsten Bus. Ohne Spikes koennen wir nicht weiter. Ein DHL Express Paket aus der Schweiz soll uns retten. Dieses bleibt aber in der russischen Buerokratie haengen, schafft seinen Weg nur bis Barnaul. Am Ende muessen wir den Expressdienst selber zu Ende fuehren. 500 Kilometer im Bus.
Nach dem ersten Pass kommt die Kaelte. Das Quecksilber sackt auf minus dreissig Grad. Wir kommen nur noch langsam vorwaerts. Nach fuenfzig Kilometern ist die Energie weg. Wo moeglich versuchen wir nun an einem waermenden Herd zu uebernachten. Trotzdem kommen wir ums Zelten nicht herum. Wir lernen rasch. Einen Aluminiumtopfgriff ohne Handschuhe anfassen - verheerend. Das Fahrrad am Abend in einem zu grossen Gang abstellen - dumm. Zeltnaegel koennen zwar vielleicht in den gefrorenen Boden gehaemmert werden, brechen dann aber am Morgen wie ein Grissini. Der Trick mit der Spucke gegen anlaufende Brillenglaeser funktioniert nicht mehr, die Spucke gefriert noch vor dem Abwischen zusammen mit dem Beschlag. Wurst und Kaese schneidet man besser schon im Laden klein. Ein Schaltkabel zersplittert ploetzlich wie Glas und wir sind etwas schockiert, als wir am Abend die 500 Gramm Pasta noch mit zwei Tafeln Schokolade strecken, um doch in der Nacht mit knurrendem Magen zu erwachen.
Und dann kommt der Wind. Er weht Schneefahnen auf, fegt uns vom Rad. Wir schaetzen den Windchill auf minus fuenfzig, Finger werden taub und das Gesicht brennt. Wir haben Angst vor Erfrierungen, beginnen zu schieben, um vorwaerts zu kommen und warm zu bleiben. Das naechste Dorf liegt noch 30 Kilometer entfernt, eine weitere Nacht im Zelt kommt fuer uns nicht in Frage. Wir halten den Daumen raus, die meisten Lastwagen sind zu voll, die wenigen, die anhalten, wollen uns nicht mitnehmen. Zehn Kilometer legen wir zu Fuss zurueck. Wir wollen unbedingt ein Haus erreichen, werden aber immer langsamer, sind fix und fertig. Ein weisser Jeep ueberholt uns. Wir winken, rechnen schon lange nicht mehr mit einer Mitnahme. Der Fahrer stoppt, fragt, ob es uns gut gehe. Wir duerfen aufladen.
Kaelte ist aber auch schoen. Hast du schon einmal zugeschaut, wie ein Fluss gefriert? Zuerst beginnt er zu dampfen, verlockend wie ein heisses Bad, huellt die Umgebung in weissen Dunst. Dann flockt das Wasser: Kleine Eisschollen treiben in der Stroemung, brechen ihre haarfeinen Raender an den Steinen, zischen, knirschen, brodeln. Wenn man nun am Abend Wasser schoepft, taucht man die Pfanne in eine zaehfluessige Masse, die sofort gefriert. Zuletzt setzt sich das Eis am Ufer fest, wirft Wellen und Falten, ein erstarrender Lavastrom. Der Fluss schlaeft ein. Die Doerfer werden seltener. Keine Kaffees mehr am Mittag zum Aufwaermen. Wenn uns jetzt Lastwagenfahrer entgegenkommen, zeigen sie uns den Vogel. Wir werfen ihnen Kusshaende zu. Sie koennen nicht wissen, wie magisch es ist, durch diese stille, tief verschneite Landschaft zu radeln. Zuerst sind es noch dichte Waelder, dann werden die Baeume spaerlicher, die Berge flacher.
Die Leute tragen wieder typisch zentralasiatische Zuege. In diesem Vierlaendereck leben vor allem Kasachen. Sie kamen vor der heutigen Grenzziehung hierher, um ihr Vieh auf den Sommerwiesen im Altaigebirge zu weiden. Die Grenzziehung nach der mongolischen Revolution von 1921 hat diese Wanderbewegung unterbunden und die Kasachen siedelten sich im russischen und mongolischen Altai an. Heute steht es ihnen frei, in ihr Heimatland zurueckzukehren. Doch fuer viele ist hier ihr Zuhause. Vor allem die mongolischen Kasachen pflegen stolz ihre Braeuche. Wenn man jemanden in Kasachstan fragt, wo man noch echte kasachische Kultur finden kann, dann wird oft dieses Grenzland zwischen Russland, China und der Mongolei erwaehnt.
Im letzten russischen Dorf finden wir Unterschlupf in einem einfachen Haus. Das Feuer im Ofen brennt, es ist warm und wir schauen uns Videoclips an. Kasachischer Schlager, gefilmt wurde in Lauterbrunnen vor dem Staubbachfall. Eine gelbe Telecom Kabine mit einem Zirkus Harlekin Plakat an der Tuer - etwas laenger her. Haendchenhalten vor weissen Siloballen - idyllisch. Wenn der Hausbesitzer nur nicht so viel Vodka gekippt haette. Seine Frau hat gerade einen Sohn bekommen, ein Grund zum Feiern. Um elf kommt der Mann nach Hause, die naechste Stunde wird etwas anstrengend. Er hat irgendwann an der russisch - deutschen Front gedient. Ein toller Wortschatz: Haende hoch, nicht schiessen, wo ist Feind... Alles endet mit einem herzzerreissenden Ruf zu Allah. Gute Nacht.
Das Licht in der Mongolei ist waermer. Vielleicht liegt es am Winter - die Sonne steht flach, wirft goldene Strahlen. Ein ewiger Sonnenuntergang. Rote Felsen zeichnen lange Schatten auf den seidenmatten Schnee. Ein Mann steht im Gegenlicht, sein Arm ist angewinkelt, darauf die Silhouette eines Adlers: Scharfe Kanten, feine Federn. Es ist Arianit, ein Adlerjaeger. Um ihn zu finden, sind wir zweihundert Kilometer in den Nordosten der Provinz Bayan Olgii gefahren. Arianit ist Kasache, der Ursprung seines Wissens im Umgang mit den Adlern liegt 2000 Jahre zurueck. Damals ging es um das kostbare Fell der gejagten Tiere. Und heute? Irgendwie hatten wir ein dramatisches Spektakel erwartet. Vielleicht schon etwas zu touristisch, vor allem auf Action angelegt. Rauschende Federn, stiebender Schnee, ein Kampf um Leben und Tod. Doch mit Arianit unterwegs zu sein ist anders.
Ihm geht es auch heute noch vor allem darum, seine kasachische Tradition zu bewahren. In seinem Haus steht kein Fernseher. Auch das koennte fuer die Touristen inszeniert worden sein. Wenn wir aber den Mann mit seinem Tier nach einem langen Ritt nun auf dem Felsen sitzen sehen, die ruhende Kraft zwischen ihm und seinem Begleiter spueren, glauben wir nicht daran. Eine Touristenshow waere oberflaechlicher, mehr den Unmstaenden unserer schnelllebigen Gesellschaft angepasst. Viele wuerden sich nicht mit der Spannung zufrieden geben, moechten mehr sehen. Sie wuerden den Moment verpassen, in dem das Standbild ploetzlich eine feine Bewegung vollfuehrt, der Mann sein Profil dem Vogel zudreht, ihre Blicke sich kreuzen, einander festhalten. Ein schwarzer Scherenschnitt am weissen Himmel, eine unzertrennliche Form. Ein Fabelwesen, halb Mensch, halb Tier. Sie waeren enttaeuscht, weil der Adler am Ende den Fuchs nicht zerfleischte, sie ihre Gewissensbisse nicht mit einem Adrenalinstrom wegspuehlen koennten, fuer immer die Fussfesseln des Adlers und nicht die Beziehung sehen wuerden, welche das Tier an seinen Jaeger bindet.Read more
Bayarlaa
January 10, 2010 in Mongolia
Immer, wenn man mit dem Fahrrad in eine einsame Landschaft hineinfaehrt, passiert es. Der Radler schrumpft, der Himmel oeffnet sich. Am Anfang ist die Ungewissheit, der Respekt vor der Einsamkeit. Sie frisst sich am Mut satt, schuert die Orientierungslosigkeit. Manchmal ist es das fehlende Wasser, der Wind, eine lebensfeindliche Einoede. Hier ist es die Kaelte, Radspuren, die im Schnee verlaufen. Man denkt sofort ans Umkehren. Und dann radelt man los. Von nun an schafft man alles.
Die Route, welche wir von Kanad empfohlen bekommen haben, hat sich als kleines Radlerjuwel entpuppt. Eindrueckliche Flusstaeler, Berge und Steppe - ein Genuss. Doch nun stehen wir zuoberst auf diesem Pass, den wir die letzten Kilometer hochgeschoben haben und sehen, wie die Piste zur Spur vekuemmert. Der Wind hat den Schnee zu Haufen zusammengeblasen, kleine Wellen im braunen Sand. Ein weisses Meer liegt vor uns, eine riesige Flaeche. Ueber dem Horizont flimmert eine Kaeltefatamorgana, taeuscht Huegel vor, wo es keine mehr hat. Wir sitzen hin, wissen nicht, ob wir dieses Mal gegen die Weite ankommen werden. Die Temperaturen haben uns geschwaecht, wir haben es gespuert in den letzten Tagen. Am Morgen sind wir immer laenger im Schlafsack liegen geblieben, der Druck, am Abend einen warmen Uebernachtungsplatz zu finden, ist immer groesser geworden. Vielleicht geht es einfach nicht mehr, jetzt, da auch noch die Strasse schlechter wird, wenn wir statt der zwei, vielleicht drei Tage fuer die naechsten hundert Kilometer brauchen. Wir essen Schokolade, hoffen, dass auch dieses Mal die Mutlosigkeit vorbei geht. Ein Nomade treibt seine Herde auf uns zu. Erstaunlich, wo ueberall Menschen leben. Wir schenken ihm den Rest der Tafel. Er kaut, saugt die Suesse auf. Nach Naranbulag wollen wir. Er nickt. Wir fragen ihn nach Jurten auf der Strecke. Es hat welche. Wir beginnen zu schieben.
Am naechsten Abend setzt Wind ein, der sich bis zum Morgen zum Sturm entwickelt. In Naranbulag erzaehlen die Leute von mannshohen Schneeverwehungen am Hyargas Nuur. Die Strasse ist nur noch nordwaerts zur Aimaghauptstadt Ulangoom offen, aber auch dies nur per Jeep. Ein Auto faehrt uns raus. Die Naehe der Menschen hier zueinander ist ungewohnt. Eine junge Frau wird waehrend der Fahrt muede. Sie kuschelt sich in den Arm des Mannes nebenan. Sie kennen einander nicht. Ein Mann hat verspannte Schultern von der harten Piste. Er wird von seinem Nachbarn massiert. Die beiden kennen sich nicht. Auf dem Weg wird noch jemand zugeladen. Unverstaendnis, als sich der achzig Kilo schwere Mann auf meinen Schoss setzt und ich mich dagegen wehre. Warum sollte das nicht sein Platz sein fuer die naechsten Stunden?
Ulangoom trennen nur wenige Kilometer von der russischen Grenze. Es hat mehr Schnee, aber die Strasse nach Osten wird staerker befahren. Eine eisglatte Piste, ausgezeichnetes Terrain fuer unsere Spikes. An Weihnachten werden wir in Murun sein. Bestimmt. Morgenerwachen in einer Jurte. Die Oeffnung im Dach wird heller. Der Mann steht auf, macht Feuer. Sonst gehoert der Herd der Frau, aber am Morgen ist es meistens der Mann, der das Feuer wieder anfacht. Es knistert, gelbes Licht flackert ueber das Jurtengeruest, versickert im Filz, beginnt zu waermen. Eine Stunde vergeht. Dann steht die Frau auf, legt Holz nach, kocht Tee. Gesalzenen Milchtee. Das Eis in der Pfanne zischt, zersplittert unter der Hitze, schmilzt. Zum Fruehstueck gibt es kaltes Fleisch. Laengst essen wir alles. Ohne diese fettigen Fleischstuecke wuerden wir schon lange nicht mehr Radeln. Es ist der dritte Advent. An Weihnachten werden wir in Murun sein. Bestimmt. Wir fahren auf eine Anhoehe. Das Abendlicht wirft Schatten, die nach unseren Raedern greifen. Wir muessen bis Harbom kommen, vorher hat es keine Jurten. Hinter uns versinkt die Sonne. Der Himmel brennt, die Landschaft glueht. Eine truegerische Waerme. Wenn die Sonne untergeht, wird es sofort eisig kalt. Nicht zurueckschauen. Ablenken. Hundert Mal das Kinderlied "lueget nid ume..." im Kopf singen. Hinter uns versinkt die Sonne.
Wir erreichen Harbom im Dunkeln. Kein Dorf, eine Jurte. Es ist niemand zu Hause. Genau das ist das Problem. Man weiss vielleicht, dass es Haeuser oder Jurten hat, aber sicher ist der Uebernachtungsplatz nie. Es braucht jetzt so wenig, um aus dem Gleichgewicht zu kommen. Ein Platten zur falschen Zeit, ein Wettersturz, eine Unachtsamkeit in der Streckenplanung. Es ist zu spaet, um ein Zelt aufzustellen und unsere Ausruestung wird in dieser Nacht nicht genuegen. Also schauen, ob wir in die Jurte reinkommen. Sie ist nicht sicher abgeschlossen. Die Metallplatte laesst sich zur Seite schieben. Schlafen koennen wir kaum in dieser Nacht, der Puls rast bei jedem Geraeusch. Was passiert, wenn der Besitzer heimkommt? Wir werden es nie wissen, wir bleiben allein. Am Morgen legen wir die doppelte Geldsumme hin, welche wir normalerweise bezahlen. Eine dunkle Nacht. An Weihnachten werden wir in Murun sein. Bestimmt. Manchmal vergeht der Zauber eines Landes, die Umgebung wird oede, weil man sich an sie gewoehnt. Die Leute werden alltaeglich, das Radeln muehsam. Hier nicht. Das Licht ist immer noch weich, die Landschaft still, die Leute kaum fassbar. Vielleicht sollten wir aufhoeren, unsere Erlebnisse auf dieser Strecke zu beschreiben. Vielleicht kann man die Haerte und die Schoenheit, die Spannweite, in welcher wir in diesen Tagen unterwegs sind, nicht ausdruecken. Es ist der vierundzwanzigste Dezember, als wir in Murun ankommen. Frohe Weihnachten.
Wir haben es niemandem erzaehlt. Wen haetten wir auch damit aengstigen wollen. Alles war viel zu ungewiss. Und doch, wer unsere Internetseite genau studiert hat, der haette es vielleicht gemerkt. In der Linkliste. Gesammelte Seiten ueber Kaelte, mit dem Rad im Winter ueber den zugefrorenen Baikalsee. Nein, nicht dass wir noch einmal nach Russland moechten. Aber hier im Norden von Murun, an der Grenze zu Sibirien gibt es auch einen See. Den Khovsgol Nuur. Er ist glasklar, der kleinere Bruder des Baikal, und im Winter wird er von Autos und Lastwagen befahren. Dafuer sind wir in den letzten Monaten durch die Kaelte geradelt. Eigentlich hatten wir immer dieses Ziel. Es ist noch etwas frueh, jetzt im Januar. Aber die Leute meinen, dass das Eis einen halben Meter dick sei. Genug fuer Motorraeder und leichtere Fahrzeuge. Genug fuer unsere Velos.
Eis ist nicht still, obwohl es die Tiefe in sich traegt, das Blau des Himmels widerspiegelt. Eis lebt, es kracht, es reisst, es droehnt aus der Tiefe. Unheimlich. Wie soll man ihm vertrauen? Man fuehlt sich in die Leere gestossen. Am Ufer sieht man noch Steine und Seetang auf dem Grund, spaeter nur noch eine bodenlose Tiefe. Ich habe mir oft vorzustellen versucht, wie es waere mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug zu springen. Das Gefuehl des freien Falls muss das erste Mal umwerfend sein. Ich habe Hoehenangst und bin nie gesprungen. Auch jetzt habe ich Hoehenangst. Das Adrenalin fliesst. Schrecklich schoen. Gefrorenes Wasser hat tausend Formen, nie ist es gleich: Weiss gerillt, milchig gewellt, mit roher Gewalt zerborsten, spiegelblank. Manchmal muessen wir grosse Verwerfungen ueberqueren, Presseis, das stoehnt und aechzt. Dann wieder radeln wir auf Kristallglas. Auch die Farbe aendert, das Licht.
Am dritten Tag fahren wir an eine offene Spalte. Das Eis ist duenn, ein Fluss fliesst von den Bergen in den See. Von dieser Gefahrenstelle hat uns niemand erzaehlt. Was sollen wir machen? Die Zeit verrinnt, wir muessen weiter. Beim Ueberqueren bricht ein Fuss und ein Hinterrad ein. Alarmstimmung. Sollen wir ans Ufer schieben und Feuer machen? Das Dorf am Nordende liegt nur noch zehn Kilometer entfernt. Hinter uns versinkt die Sonne. Der Himmel brennt. Eis und Feuer. Welche Spannweite an Gefuehlen ertragen wir noch?
Ein Traum. Wir fliegen ueber ein weisses Land, Huegel schweben auf Wolken. Jemand hat mit einem Bleistift gelangweilt ein paar Linien auf ein Blatt gezeichnet. Fluesse im Schnee. Ein Kunstwerk, steinhart gefroren. Jurtenhoefe liegen achtlos hingeworfen, winzig klein. Vielleicht stehen die Leute gerade auf, vielleicht knistert ein Feuer, sprudelt gesalzener Milchtee von der Kelle ins Becken. Wir schmecken das fettige Fleisch, obwohl wir in dieser Hoehe dahinziehen. Ein solcher Flug muesste eigentlich toedlich kalt sein. Der Flug ist aber warm. Ein Traum. Unser Visa laeuft in einer Woche aus. Die Reise geht weiter. Nach drei Monaten in der Kaelte haben wir uns den Flug von Murun in die Hauptstadt Ulaanbaatar geschenkt. Damit sparen wir uns dreissig Stunden in einem russischen Bus. Dreissig Stunden in einer russischen Tiefkuehltruhe. Wir hatten noch nie einen solchen Flug.Read more
Mono no Aware
January 28, 2010 in Japan ⋅ 🌧 16 °C
Mono No Aware. Jeder Moment ist fluechtig. Man kann die Zeit nicht anhalten, sie verfliesst und hinterlaesst Erinnerungen. Was bleibt und was geht vergessen, wenn man ein Land bereist hat und es verlaesst? Fetzen und Bruchstuecke nur, je weiter man sich entfernt, desto ungenauer werden sie. Man verliert Details und sieht dafuer die Umrisse. Klare Formen sind einfacher zu behalten als komplizierte. Vielleicht entstehen so Klischees. Man blendet aus, vereinfacht, schafft Mythen. Was erzaehlt man weiter?
Die Japaner lieben fluechtige Momente. Der gluehende Sonnenaufgang in der Landesflagge sollte Hinweis genug sein. Festgehalten, damit das Morgenrot nicht erlischt. Damit man sich immer an die Schoenheit des Tagesanfangs erinnern kann. Als wir in Tokyo ankommen, steht die Sonne am Himmel, als waere sie direkt aus Japans Fahne geschnitten worden. Wir fahren mit dem Zug Richtung Stadtzentrum. Reihenhaeuser, Wolkenkratzer, arbeitsmuede Gesichter. Eigentlich sind wir so sanft gelandet wie noch nie in einem Land. Ayakos Mutter hat uns direkt am Flughafen empfangen und uns perfekt durch das Gewuehl gefuehrt. Trotzdem stehen wir am Beginn eines Kulturschocks, der uns die naechsten sechs Wochen durch das Land begleiten wird. Wir haben uns mental darauf vorbereitet, aber das hat nicht gereicht. Er trifft uns mit voller Wucht.
So viele Leute. Endlose Strassenschluchten und alles laeuft automatisch. Elektronische Melodien aus allen Richtungen. Bei der gruenen Strassenlampe, im Supermarkt, auf der Toilette. Nach wenigen Tagen haben wir ein beachtliches Repertoire zusammen. Was wir noch nicht wissen: Das ganze Land ist mit einem fast flaechendeckenden Lautsprechernetz ausgeruestet und puenktlich um sechs Uhr morgens, am Mittag und um fuenf Uhr abends schallt es aus jedem Trichter. Da kann man sich noch so sehr verkriechen, irgendwo toent es immer. Wenn dann noch voellig zusammenhangslose Lieder abgespielt werden wie "Frere Jaques" oder "Stille Nacht" und man dieselbe Melodie, welche gestern auf der Toilette gelaufen ist, ploetzlich am naechsten Tag im Supermarkt hoert, ist die Verwirrung perfekt.
Der Zug taucht in den Untergrund. Die Metro bringt uns fast bis vor die Tuere des Appartements welches uns Ayakos Familie zur freien Verfuegung gestellt hat. Welch ein gediegener Platz. Ein unglaublicher Ausgangspunkt fuer die naechsten Tage. Die Daemmerung setzt ein. Von der Terasse aus bestaunen wir das erste Mal die flimmernden Leuchtreklamen und blinkenden Tower der Weltmetropole Tokyo. Wir haben in Japan keine zweite solche Abendstimmung erlebt. Jeder Moment ist fluechtig. Man kann die Zeit nicht anhalten, sie verfliesst und hinterlaesst nur Erinnerungen. Die Kraniche in Kushiro tanzen ueber das verschneite Sumpfland. Feingliederig, elegant. Akrobatenkuenstler. Federleicht wirbeln sie hoch, landen sanft und mit einer perfekten Verbeugung, werfen ihre Haelse zurueck. Ein Kranichtanz ist Musik. Kein anderes Tier vermag es, dem Augenblick so viel Schoenheit abzugewinnen. Die Japaner lieben die Schoenheit fluechtiger Momente. Vielleicht ist darum der Kranich in Japan heilig.
In Japans Norden und damit in den tiefen Winter zurueckzukehren, hat uns viel Ueberwindung gekostet. Vor allem, nachdem wir in Tokyo so fruehlingshaftes Wetter genossen haben. Wir haetten Japans Bestes verpasst. Nicht nur die Kraniche, sondern auch die Singschwaene, welche direkt neben der heissen Quelle ihr Winterquartier bezogen haben. Oder das umwerfende Panorama im Shiretoko Nationalpark. Auch die gigantischen Eisskulpturen am Sapporo Schneefestival waeren ohne uns zerschmolzen.
Jedes Jahr erwacht die Millionenstadt Sapporo mitten im Winter aus der Kaeltestarre. Aus Schnee- und Eisbloecken werden meterhohe Statuen und Haeuser geschnitten und internationale Teams wetteifern um die kunstvollste, von Hand gearbeitete Schneefigur. Die Stimmung ist heisser als der Sake, welcher an den Staenden ausgeschenkt wird und am Abend ruecken gleissende Schweinwerfer die ganze Pracht ins Rampenlicht. Ein Megaspektakel, dem wir drei Tage lang unsere volle Aufmerksamkeit schenken und der durch die Gastfreundschaft von Motokos Familie und Michi aus dem International Center noch versuesst wird. Sie fuehrt uns zusammen mit ihrer Freundin in die Moving Sushi Bar, ein Sushirestaurant, auf dem das Essen per Foerderband an einem vorbeizieht. Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, die dem Hunger von Radlern gerecht werden koennen. In unseren Erinnerungen sind es nur zwei. Die "all you can eat" Pizzeria auf unserer letzten Reise in Brasilien und nun dieses vollautomatische Schlemmerland. Schoene Momente moegen zwar vergaenglich sein, aber man kann sie ausdehnen und zelebrieren. Und darin sind die Japaner Meister.
Es dampft im Bad. Das heisse Wasser plaetschert beruhigend, weicht die angespannten Muskeln des Velotages auf. Neben mir seift sich ein Japaner ein. Bedaechtig: Zehen, Waden, Bauch, Arme, Fingerspitzen. Als er beim Kopf ankommt, habe ich schon zwei Vollbaeder genommen und mir die Haare gewaschen - und ich habe mir Zeit genommen. Das Teeritual dauert jetzt schon zehn Minuten. Jede Bewegung ist durchdacht. Das Zusammenfalten der Serviette, mit dem der Teemaster den Rand der Tasse abgewischt hat, folgt einem strengen Plan. Endlich wird die erste Tasse gefuellt. Faszinierend.
Ein bluehender Baum ist etwas wunderschoenes. Nach einem langen Winter die erste rosarote Bluete zu sehen, den suessen Duft zu riechen, zuzuschauen wie die Bienen zwischen den Blueten herumfliegen. Zur Zeit der Kirschbaumbluete nehmen sich die Japaner eine Woche frei. Um den Moment zu geniessen.
Die Japaner lieben fluechtige Momente und darum versuchen manche, diese zu kopieren. Die japanische Vorliebe fuer die Farbe Pink ist ein solcher Versuch. Manchmal ist es richtig schrill. Ein Jugendlicher laeuft cool herausgeputzt durch die Gassen und an seinem Guertel haengt ein pinkiges Natel. Wenn ich noch einmal nach Japan fahren wuerde, dann wuerde ich mir vornehmen all diese pinkigen Gegenstaende, Acessoires und Modeartikel zu fotografieren, die es hier gibt. Pink ist die Farbe der Pflaumenblueten. Die Pflaumen bluehen noch vor den Kirschbaeumen. Sie bezeichnen das Ende des Winters und der Beginn der warmen Jahreszeiten. Warum also nicht das ganze Jahr ueber Pink tragen? Das Wangenrouge, die Handtasche, der Laptop oder die Sonnenbrille erinnern dann fuer immer an die Suesse der bluehenden Pflaumenbaeume.
Die erste Pflaumenbluete sehen wir in Kyoto. Ein kleines Ereignis fuer uns. Die Welt beginnt wieder zu leben. Nach vier Monaten tiefstem Winterschlaf. Wir sind ueberwaeltigt von den Geruechen rings um uns. Es duftet wieder nach jungem Laub, nach Erde, nach Fruehling. Vielleicht ist es ein bisschen so wie damals, als wir nach langer Zeit aus dem bolivianischen Altiplano hinunter in den Dschungel gefahren sind. Das Gruen empfindet man als noch gruener, die Welt ist ploetzlich wieder bunt. Welch eine Wonne, als uns die erste Muecke in die Augen fliegt. Ehrlich. Solche Momente sind unausloeschlich, weil sie mit starken Gefuehlen verbunden sind. Am naechsten Tag schicken wir unsere Spikesreifen nach Hause.
In Kyoto koennte man rasch ein Vermoegen ausgeben, um all die Top UNESCO Weltkulturerbe zu bewundern. Viele Tempel werden von den Touristen richtig umgerannt. Je teurer sie sind, desto mehr Leute hat es. Den weltberuehmten goldenen Pavillon zum Beispiel koennen wir zwischen den Menschenmassen nur erahnen. Wir brauchen einige Tage, bis wir finden, was wir uns vorgestellt haben. Tempel und Schreine, welche zwar in der historischen Rangliste nicht ganz oben stehen, aber Ruhe und Stimmung ausstrahlen. Und so entdecken wir die Zen Gaerten. Landschaften aus Stein und Sand. Statische Kunstwerke, still wie ein Schwarzweissfoto und kraftvoll wie ein dreidimensionales Gemaelde.
Stell dir vor, das Wasser ist trocken. Es fliesst in einem Strom aus Kieselsteinen von einem Berg herunter ins Meer. Auch das Meer besteht aus Kieselsteinen. Weissen runden Kieselsteinen. Mit einem grossen Holzrechen sind gleichmaessige Linien ins Steinmeer gezogen. Abstrakt - und dennoch kann man sich die Quelle, den Fluss und das Meer sofort vorstellen. Man spuert die Weite des Ozeans, den langen Weg, welches das Wasser von seinem Ursprung bis ins Meer zuruecklegt. Auf dem Weg vom Berg ins Meer begegnet der trockene Steinfluss der Schildkroete. Sie schwimmt gegen den Strom. Auch sie ist nur ein Stein, ein Symbol. Der Steinfluss ist der Strom des Lebens und die Schildkroete versucht dagegen anzukommen, gegen die Zeit zu schwimmen. Der Vergaenlichkeit des Moments zu entkommen.
Japanische Steingaerten sind Meditationsoasen der Zen Buddhisten. In den Gaerten, die wir besuchen, gilt Fotoverbot. Es waere auch schwierig, diese Plaetze, welche selber schon wie ein Bild erscheinen, noch einmal in ein Bild zu packen. Es wuerde keinen Sinn machen. Es waere wie das pinkige Natel an der Seite des coolen Jungen, das halt eben hoechstens die Farbe und noch nicht einmal den Duft der Pflaumenbluete einfaengt. Ein Tief haengt ueber Japan. Wir fahren im Regen, er weicht uns auf und tropft sich einen Weg in unsere Koepfe. Bald ist das Tief nicht nur um uns, sondern auch in unseren Gedanken. Ein Kulturschock kann heftig sein, kann einem krank machen. Was suchen wir hier in Japan, wo das Leben in starreren Bahnen laeuft als bei uns zu Hause? Wo man zuerst stundenlang vor der Landkarte sitzen muss, um irgendwie einen Weg abseits der Schnellstrassen und Millionenstaedte zu finden? Wo an jeder Ecke ein Supermarkt steht, der vierundzwanzig Stunden lang warmes Essen liefert? Beinahe haette der Regen unsere schoenen Momente weggespuelt, die wir in Japan erlebt haben. Beinahe. Doch nach drei Tagen ist die Sonne wieder aufgegangen und hat alle grauen Wolken und die Naesse weggeputzt.
Es ist Morgen. Ein Vogel zwitschert. Wir wissen, dieser Moment haelt nicht ewig. Bald wird die Daemmerung vorbei sein und der Vogel verstummen. Bald werden wir aufstehen und in einen neuen Tag hineinradeln. In einigen Wochen wird das Vogelgezwitscher am Morgen wieder alltaeglich sein. Doch nun liegen wir hier und geniessen den Moment. Er ist einmalig. Die Japaner lieben solche Momente. Das Gefuehl, welches man empfindet, wenn man die ergreifende Schoenheit fluechtiger Augenblicke auf sich wirken laesst. Sie haben ihm einen Namen gegeben, um es nicht zu verlieren: Mono No Aware.Read more
China
April 6, 2010 in China
In Shanghai kracht es. Das chinesische Neujahr wird gefeiert wie der Teufel. Wolken von Schwarzpulverdampf wabbern um die Ecken und der Himmel explodiert unter Feuerwerk. Rote Laternen schmuecken die Gassen und Feuerballons steigen weit ueber die Wolkenkratzer hinaus. Es koennte einem Angst und Bang werden ab all dem Laerm, dabei ist er doch nur gut gemeint...
Vor langer Zeit lebte in China ein Monster in den Bergen, halb Stier halb Loewe. Ende des Winters, wenn es nichts mehr zu fressen gab, schlich es sich hinunter in die Doerfer und verschlang alles, was ihm ueber den Weg lief. Die Dorfbewohner lebten die ganze Zeit in Angst und Terror dem Tag entgegen, an dem Nian wieder ihr Dorf heimsuchen wuerde. Doch eines Tages, als Nian wieder in ein Dorf eindrang, fand es dort Kinder, die Bambusstangen verbrannten. Die Stangen zerbarsten in den Flammen mit trockenem Knallen. Der Laerm und die Flammen schreckten Nian zurueck. Als die Dorfbewohner das sahen, zuendeten sie ueberall Feuer an, haengten rote Fackeln an ihre Haeuser und machten die ganze Nacht lang Krach. Von diesem Tag an hat man Nian in ganz China nie mehr gesehen. Doch was einst war, koennte wieder geschehen, und so werden nun immer am Ende des chinesischen Jahres Chinaboeller gezuendet und rote Laternen in die Strassen gehaengt. Um das Boese zu vertreiben und das Gute willkommen zu heissen.
Die Moral von der Geschichte liegt natuerlich auf der Hand: Krach machen ist gut. Und daran muessen wir uns in den naechsten Wochen in China erstmals gewoehnen. Es kann schon mal vorkommen, dass direkt neben unserem Velo zehn Meter Knatterschnur losgehen. Mit einem Abbrenntempo von "einem Meter pro Minute" (Quelle Wikipedia) dauert der ganze Spass dann zehn Minuten. Und wir stehen mitten drin. Doch die Knalle sind ja nur "mittellaut". Auch das Gehupe faellt wahrscheinlich ins Kapitel der Nian Legende. Wir sind uns ja hupende und winkende Lastwagenfahrer gewohnt und bis jetzt hat das immer Spass gemacht. Doch hier in China wird erst gehornt, wenn man auf der Hoehe der Radler faehrt und dann so ausgiebig, dass es uns einige Male beinahe aus dem Sattel spickt. Damit wuenschen uns die Lastwagenfahrer Glueck. Diese Einstellung ist wirklich eine feine Sache. Denn wenn man ausgiebig auf die Tube drueckt, muss man im Verkehr nicht einmal gross aufpassen. Das Glueck ist einem sicher. Darum kann man auch jederzeit ueberholen. Schmale Strassen, unueberblickbare Kurven und zu schnelles Tempo werden mit einer gut dosierten Portion Laerm einfach weggeblasen.
Wir finden nichts Gutes am Laerm und darum fahren wir mit dem Nachtzug weg von Shanghai und aus dem uebersiedelten Yangtsebecken hinaus. In den Biegungen des Li Flusses, zwischen Guilin und Yangshuo erhoffen wir uns ein paar stille Ecken. Die Liebesgeschichte um die ueberirdische Saengerin Sanjie Liu hat den Ort zwar zu einem von Chinas wichtigsten Touristenspots gemacht, doch jetzt in der Nebensaison und ausserhalb der ueberfuellten Top Sites sind wir allein. Der Himmel ist neblig, grau und konturenlos. Das Bambusboot gleitet durch das diffuse Licht, um Sandbaenke und entlang von Felswaenden. Bergfinger umschliessen den Fluss, alt und verwittert, jeder hat seine eigene Form, seinen Namen. Doch wenn man nun durch die Schlucht hinausblickt, fuegen sie sich zu einem Muster zusammen, wellengleich umfliessen sie den Horizont. Es scheint, als gleite man nicht nur auf, sondern im Wasser, als waeren nicht nur der Nebel, sondern auch der Feengesang von Sanjie Liu zwischen den Kalksteinfelsen haengen geblieben.
Auch das Land der Dong, zweihundert Kilometer noerdlich von Yangshuo ist dem chinesischen Laerm entrueckt. Hier ueberspannen die gedeckten Wind- und Regenbruecken die Fluesse, verbinden die Dorfinseln mit der Aussenwelt. Sie sind das Wahrzeichen dieser Volksminderheit, in ihrem Schatten haben sich Generationen getroffen, an ihren Steinsockeln ist das Wasser von Jahrhunderten vorbeigestroemt. Sie sind zu Zeitfenstern geworden. Ueberschreitet man sie, landet man in einem anderen China. Holzhaeuser werden in Gemeinschaftsarbeit errichtet, Wasserbueffel pfluegen die Felder, gemaechlich und etwas vertraeumt. Nichts laesst sie aus der Ruhe bringen. Die Leute sind erstaunt, hier auf dem Land auf Fremde zu treffen, sie starren uns an. Doch sie sind freundlich, offener als die Chinesen, denen wir bis jetzt begegnet sind. Welch ein Gegensatz zu Shanghai. Welch ein Gegensatz zum Lebenstempo in den Grossstaedten.
Es ist, als wuerden wir durch einen Stummfilm radeln, als haette uns jemand nicht nur den Ton, sondern auch die Untertitel aus dem Kinofilm gestrichen. Wir sehen zwar was passiert, verstehen aber nicht, was gesprochen wird. Klar, auch in Kirgistan oder der Mongolei konnten wir uns nicht richtig mit den Leuten unterhalten. Aber hier koennen wir nicht nur nicht sprechen, sondern auch nichts mehr lesen. Wir versuchen uns die ersten chinesischen Schriftzeichen zu merken, denn auf dem Land ist laengst nicht jedes Strassenschild zweisprachig angeschrieben. Die schnatternde Ente, das Tischchen mit den zwei Beinen oder die Fernsehantenne - wir bauen uns Eselsbruecken, um nicht den naechsten Ort zu verpassen. Auch die Zeichensprache funktioniert nicht mehr barrierenfrei. Zeigen wir mit den Fingern zwei, heisst das hier sieben. Um einen leeren Radlermagen zu stopfen, ist das sicher nicht schlecht, aber wenn wir ein Hotelzimmer mit sieben Betten gezeigt bekommen, ist das schon schwieriger. Trotz allem, wir machen Fortschritte, versuchen nicht das Ying mit dem Yang zu verwechseln und einen Ort Namens Pingtang zu suchen ist ja auch lustig. Allerdings muessen wir schon damit rechnen, dass wir im Restaurant mal das Hundefleisch erwischen, weil das halt am besten aussieht.
China waechst. Doerfer werden ueber Nacht zu Staedten, Staedte zu Metropolen. Wenn wir auf unserer Landkarte einen kleinen Punkt anfahren, um am Abend zu uebernachten, landen wir in einer Millionenstadt. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Orten. Alles sieht gleich aus: Grau, gesichtslos, monstroes. Wer will diese Gebaeude alle bewohnen? Wir fahren an topmodernen Vierteln vorbei, alle Fenster sind dunkel. Kein Mensch ist zu sehen. Ganze Stadtteile werden gebaut und zerfallen wieder, ohne dass sie je gebraucht wurden. Der Bauwahn greift ueber die Staedte hinaus. Unsere Landkarte ist nicht alt. Ein, zwei Jahre vielleicht. Doch anstatt der kleinen Bergstrasse, die bei uns eingezeichnet ist, treffen wir auf eine vierspurige Autobahn, die sich durch die Huegel frisst. Das Befahren mit dem Velo ist verboten. Es gibt aber keine andere Strasse mehr. In China ist das Fahrrad Haupttransportmittel, doch das wird einfach ausgeblendet. Wir nennen es die Ignorierungstaktik. Sie ist kompromisslos und schnell. Probleme sind so im Handumdrehen geloest. In ein Tal, das unter dem Staub der Kohleminen versinkt, stellt man ein paar SPA Hotels und macht auf Wirtschaftstourismus. Der Muell am Strassenrand wird direkt vor Ort verbrannt. Man hat dann umgehend die sauberste Provinz Chinas, aber beim naechsten Windstoss brennt es die umliegenden Huegel ab. Da wir nichts dagegen machen koennen, beschliessen wir das System zu unterstuetzen. Wir ignorieren die Fahrradverbotsschilder und radeln auf dem Pannenstreifen weiter.
Es ist unglaublich, aber die Taktik greift auch bei uns. Wir erhalten einen unheimlichen Entwicklungsschub. Die lauten Staedte werden schoen umfahren, Steigungen sind langgezogen und die Abfahrten hoeren nie auf. So schnell und problemfrei waren wir schon lange nicht mehr unterwegs. Es kommt uns gelegen, denn eigentlich wollen wir nur noch an einen Ort: Zu den verschneiten Sechstausendern des Himalaya. Bevor wir dieses Ziel aber erreichen, hoeren auch die Autobahnen auf. Die Taeler werden tiefer, die Paesse hoeher. Doch dann ist es endlich soweit.
Den ganzen Tag sind wir hochgefahren. Tief aus dem heissen Yangtse Tal, Windung um Windung. Die Muskeln brennen, die Wasserflaschen leeren sich als haetten sie Loecher. Irgendwann hoert jede Steigung auf. Irgendwann hat man den hoechsten Punkt erreicht, das wissen wir. Zweitausend Hoehenmeter und hundertzwanzig Kilometer zeigt der Tacho. Es ist kuehl geworden. Rings um uns bluehen wieder Kirschbaeume, die Hoehe hat die Jahreszeiten aufgewirbelt, hat vergessenen Fruehlingsstaub ueber den Sommer gelegt. Verschnaufpause, dann eine letzte Biegung. Wir steigen ab, blicken gespannt vom Pass ueber die Waelder, die Huegel. Wolkenfetzen wirbeln am Himmel, reissen auf. Nur kurz zwar, aber wir haben ihn gesehen, den Yùlóngxuě Shān, den Jade Dragon Snow Mountain. Das Tor zu Osttibet. Wir springen herum und schreien vor Freude. Die Autofahrer blicken verdutzt. Warum nur? Haben nicht sie uns gelernt, das Glueck in Lautstaerke zu fassen?Read more
Osttibet
May 19, 2010 in China
Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Begegnungen vergehen. Der Wind traegt sie fort, die Sonne bleicht sie aus, wie ein Tuch, das zu lange dem Wetter ausgesetzt war. Zurueck bleibt ein durchscheinendes Gewebe aus Stimmen und Gesichtern. Ein Spinnennetz aus Geschichten und Bekanntschaften. Es ueberdauert die Zeit. Im Jinsha Tal wehen Gebetsfahnen. Sie haben ihre Farbe verloren, die Sprueche darauf sind verblasst. Wehende Schleier, die keinen Schatten mehr werfen. Wenn man durch sie hindurchblickt, kann man die Wolken ziehen sehen. Der Wind spielt damit. Kein spektakulaeres Knattern, kein Reissen an den Schnueren wie auf den hohen Paessen davor. Feine Wellen, ein leichtes Blaehen, fein und widerstandslos. Waerme und Kaelte, Sonne und Regen koennen ihnen nichts mehr anhaben. Obwohl beinahe aufgeloest, werden diese Gebetsfahnen alle anderen ueberdauern.
Die Schlucht wird immer enger. An den Felswaenden sind Buddhas aufgemalt, kunstvoll, ueppig. Warum sind sie hier? Sie schauen ins Wasser, es ist laut und wild, wirft Blasen, die in den Strudeln zerplatzen. Langsam radeln wir hoeher, das enge Tal weitet sich, das wilde Wasser wird still. Ein Choerten steht am Ende der Schlucht. Ein buddhistisches Weltsymbol, ein Erinnerungsbau, der jeden Ort sofort mit einer besonderen Ausstrahlung umgibt. Der Glaube der Tibeter, die Philosophie des Buddhismus ist in diesem Bauwerk ausgedrückt. Wie ein Waechter steht er da, am Anfang des Wildbachs, der hier oben noch ruhig und unschuldig seinen Weg sucht, ein Stueck weiter unten aber dann rastlos durch die Felsen schiesst und sich am Ende, in seiner Ungeduld ans Ziel zu kommen, in sich selbst verheddert. Vielleicht haben darum Buddhas und Choerten in diesem Tal ihren Platz gefunden. Sie mahnen den Durchreisenden daran, sich in Ruhe und Geduld zu ueben.
Der Ort ist wie geschaffen fuer die tibetischen Steinschnitzer. Wir treffen sie zuefaellig, gleich nach dem Choerten. Eigentlich wollten wir nur kurz in dem kleinen Laden einkaufen und uns dann ein paar Kilometer weiter zum Zelten in die Buesche schlagen. Doch an der filigran gearbeiteten Steintafel neben dem Ladenfenster bleibt man unweigerlich haengen. Feine Schriftzuege, Mantraverse und wiederum ein Buddha. Wer kann ein solch filigranes Bild in den sproeden Schiefer meisseln? Der Ladenbesitzer hat unseren Blick bemerkt. Er kommt aus dem Haus, zeigt auf die Steintafel und auf sich. Wir sollen ihm folgen. Zweifellos ist er der Meister, der das Kunstwerk erschaffen hat. Er fuehrt uns hinters Haus. Hier stehen haufenweise unfertige Steintafeln, und etwas weiter hinten arbeiten noch andere an den dicken grauen Platten. Es sind Manisteine, die hier entstehen. An besonderen Orten werden sie aufgestellt, zu meterlangen Mauern aufgeschichtet. Im Himalaya beten nicht nur die Menschen, sondern auch die Steine. Sie helfen den Tibetern gute Gedanken und Wuensche zu verbreiten. Wir werden herumgefuehrt, schauen, staunen, bewundern. Am Ende trinken wir in einer der einfachen Huetten Buttertee und essen geroestetes Gerstenmehl. Zampa, das Hauptnahrungsmittel der Tibeter. An der Wand haengt ein Bild des Dalai Lama.
Aus dem Tal radeln wir hoch zum naechsten Pass. Tausend Hoehenmeter. Wie viele Paesse haben wir in den letzten Wochen erklommen? Wie oft sind wir wieder tief ins Tal hinunter gerauscht? Die Leute, denen wir begegnen, warnen uns vor dem Schnee, der in der Nacht gefallen sei. Ein Jeepfahrer haelt an, ringt die Haende und will uns zur Umkehr bewegen. Hat es denn wirklich so viel geschneit da oben? Wir setzen uns hin, essen Erdnuesse. Nicht weit neben uns liegt ein Kloster. Ein Moench auf einer Honda haelt an, laedt uns ein mitzukommen. Eine kleine Zelle mit herrlichem Ausblick ueber das ganze Tal. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander im Zimmer. Ungewaschenes Geschirr, Raeucherstaebchen, eine Gebetsmuehle. Der Moench wohnt mit drei anderen hier. Maennerhaushalt. Sie sind Mediziner im Klosterspital. Auch hier ist von viel Schnee die Rede. Der Berg sei boese, wir sollen einen Tag warten, morgen sei es auf dem Pass besser. Das Essen hat geschmeckt, die Gesellschaft der Moenche ist spannend. Viel Ueberredungskunst braucht es nicht.
Am Nachmittag schauen wir bei der Medizinherstellung zu. Zwei Moenche drehen kleine Kuegelchen aus einer fettigen, schwarzen Masse. Unsere Unterhaltung ist lustig, Zeichensprache und Zeichnungen. Wir verstehen uns gut, lernen unsere ersten tibetischen Woerter. Am Nachmittag erhalten wir sogar Zutritt ins eigentliche Kloster, Gemaelde von Schutzdaemonen schmuecken die Waende. Irgendetwas wurde fuer unsere Augen mit einem schwarzen Tuch verhuellt. Der Tag geht schnell vorbei, die Sonne hat den Schnee auf den umliegenden Bergen fast vollstaendig geschmolzen. Am naechsten Tag werden wir ueber den Pass fahren. Wir verkriechen uns in einer der Zellen. Es sieht fast so aus, als haetten die Moenche vorher hier gehaust und als der Unrat zu viel wurde in die naechste Bude gewechselt. In der Nacht quitschen Ratten. Wir schmeissen ab und zu ein paar alte Klamotten in Richtung unserer Packtaschen.
Yarchen Gar. Irgendwass stimmt nicht mit dem Ort. Die Moenche haben uns davon erzaehlt. Auch in Yarchen habe es ein Kloster. Aber da wuerden Frauen leben. Wir haben gelacht. Als wir dann nach Tagen in dem Dorf ankommen, haben auch wir das Gefuehl, es sei etwas komisch. Zelte und Huetten ueberall. Die ganzen Huegel sind voll davon. Lotterige Gebilde, kein festes Haus und Tausende von Menschen. Fast alles sind Frauen. Rotgewandet. Pilgerinnen und Nonnen aus ganz Osttibet. Bhikkuni, Anhaenger des buddhistischen Frauenordens. Bhikkuni hat es seit der Begruendung des Buddhismus gegeben. Allerdings wurden die Frauen durch acht Regeln, die ihnen der Buddha auferlegt hatte, seit jeher einer Diskriminierung unterworfen. Bis ins zwanzigste Jahrhundert wurde der Frauenorden in Tibet kaum praktiziert. Der 14. Dalai Lama hat aber versucht, buddhistische Nonnen in Tibet zu staerken. Und wir sind per Zufall an ein solches Frauenkloster herangefahren. Wir bleiben einen Tag, erkunden die engen Gassen. Unzaehlige Meditationskabinen liegen verstreut in der Ebene, uebersaehen die Huegel. Gebetsfahnen flattern im Wind, schmuecken Bruecken und Flussufer. Wir beobachten all die Leute: Alte Frauen mit wettergegerbten Gesichtern, junge Nonnen und Kinder, ein rockiger Motorradfahrer, lange Haare, Lederjacke, Sonnenbrille. Alle wandern sie die Kora, den heiligen Pfad ums Kloster. Im Himalaya beten nicht nur Steine, sondern auch Schritte. Jede Umwandlung staerkt die guten Wuensche, das Gebet. Der Motorradfahrer haelt am laengsten durch. Er rennt auch noch, als wir Stunden spaeter von unserer Teeinladung zurueckkommen. Unermuedlich. Wie lange schon? Wir laufen eine Runde mit ihm, lachen uns zu.
In Bayu bebt die Erde. Es ist drei Uhr morgens als uns das Zittern aus dem Schlaf reisst. Nur kurz, doch wir sind innerhalb von einer Minute hellwach. Vor ein paar Tagen hat es fuenfhundert Kilometer noerdlich ein heftiges Beben gegeben. Yushu, die Stadt am Rande des tibetischen Plateaus gibt es seither nicht mehr. Obwohl das volle Ausmass der Zerstoerung in der Zensur haengen geblieben ist und die Tragoedie sofort in monumentale Werbetrailer fuer die chinesische Regierung umgesetzt wurde, sitzen der Schrecken und die Bilder tief. Nicht nur bei uns, sondern bei der ganzen tibetischen Bevoelkerung. Es dauert keine Viertelstunde und die ganze Stadt ist in Alarmbereitschaft. Leute laufen nach draussen, machen Feuer, verbringen den Rest der Nacht unter freiem Himmel. Auch wir ziehen uns an, die Hotelzimmertuere bleibt in dieser Nacht offen. Noch zwei Tage spaeter legen wir am Abend die noetigsten Sachen neben dem Ausgang bereit.
Der Weg zum Tro La Pass ist staubig. Der Asphalt hat laengst aufgehoert und noch immer windet sich die Strasse dem Himmel entgegen, durch die schroffen Gipfel der Chola Mountains. Die Landschaft ist wild geworden, die Luft duenn. 4900 Meter, der hoechste Pass unserer Reise. Wir radeln auf der Strasse, die nach Lhasa fuehrt. Es sind nicht die ersten Pilger, denen wir begegnen, doch die zwei heute Abend werden wir nie mehr vergessen. Muede sind sie dahergekommen, eine Lederschuerze umgebunden, Holzbrettchen an die Haende geschnuert. Zwei Schritte laufen, eine Niederwerfung. Auf die Knie, in den Staub. Die Stirne beruehrt den Boden, die Arme ausgestreckt. Aufstehen, zwei Schritte laufen. 1000 Kilometer noch bis Lhasa, Meter um Meter, Pass um Pass. Tage, Wochen, Monate. Wir steigen ehrfurchtsvoll ab, essen zusammen unsere letzten Kekse, versuchen zu begreifen. Die beiden ueben sich auf ihrer Wallfahrt in Bescheidenheit und Demut. Welche Willenskraft muss man fuer einen solchen Weg aufwenden, welches Gefuehl empfindet man, wenn man nach dieser unfassbaren Leistung endlich sein Ziel erreicht? Das Wissen um die eigene Belastbarkeit, das Vertrauen in Koerper und Geist, das dabei entsteht, muss gewaltig sein.
Mit dem Wechsel der Provinz aendert sich die Landschaft. Wir fahren jetzt kontinuierlich ueber 4000 Meter Hoehe. Eine weite Hochebene unter dem Zauber des Lichtspiels, das Land der Golok Nomaden. Hier erhebt sich der Amnye Machen, der heilige Berg Osttibets, Sitz des maechtigen Berggottes Machen Pomra. Sein bodenloser Kristallpalast erreicht das Zentrum der Erde und seine Tuerme beruehren Mond und Sterne. Fels und Eis liegen unter seiner Herrschaft und das weisse Pferd Droshur traegt ihn in Windeseile in alle Weltgegenden. Der Berg ist das Ende unserer Fahrt durch Tibet. Bald darauf verlassen wir das Plateau. Von einem Tag auf den anderen gelangen wir in die Wueste. Erste Sandduenen tauchen auf, der Rand der Taklamakan ist erreicht.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell die Wochen auf einer Reise vorueberziehen. Naechte folgen auf Tage, etwas, das noch gerade in weiter Ferne gelegen hat, ist ploetzlich schon Gegenwart - Vergangenheit. Noch gerade haben wir im Angesicht des Yade Dragon Mountain Luftspruenge vollfuehrt, uns die Fahrt durch den Himalaya vorgestellt. Nun liegen die hohen Berge schon hinter uns, sind zu Erinnerungen geworden. Bereits sind wir damit durch Wind und Wetter gefahren, hat die Sonne auf sie heruntergebrannt. Sie sind stark geblieben. Ein unzerreissbares Spinnennetz aus Begegnungen und Geschichten. Es wird die Zeit ueberdauern. Das ist gewiss.Read more
Grenzland
July 7, 2010 in China
Ein Land endet, ein anderes beginnt. Wo verlaeuft die Grenze? Ein reissender Fluss, ein hohes Gebirge. Wilde Gegenden, schoen und unberuehrt. Einsam. Oft kann man sich in diesen Gebieten nicht frei bewegen. Will man nicht illegal die gruene Grenze ueberschreiten, bleibt man an einer unsichtbaren Linie haengen. Ein Land endet, ein anderes beginnt. Grenzland.
In Zentralasien verlaufen Grenzen nicht immer logisch. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden sie am Reissbrett neu gezogen, Laender erfunden, wo es vorher keine gab. Schaut man sich das Fergana Tal an, findet man fremde Landteile im eigentlichen Land. Auf der Karte zeigen Pfeile die Zugehoerigkeit von solchen Landstueckchen. Grenzen verlaufen rund um eine Stadt oder mitten durch eine Ebene. Solche Grenzen werden schnell ueberschritten, das Hindernis besteht nur auf dem Papier. Voelker werden zerschnitten. Sie lassen sich nur schwer in ein Nationaldenken pressen, halten an ihren alten kulturellen Grenzen fest. Ein ideologisches Pulverfass, jederzeit bereit um in die Luft zu fliegen.
Auch der Grenzuebergang bei Korgas, im aeussersten Nordwesten Chinas liegt mitten in der Schwemmebene des gewaltigen Ili Flusses. Die Grenze ist menschengemacht. Ein hundert Meter breiter Korridor aus Eisen und Stacheldraht. Auf den letzten Kilometern vor der Grenze stehen kleine Lehmhuetten. Verschaemt ducken sie sich neben der Haupststrasse. Viele Autofahrer werden sie uebersehen, den Blick schon auf die protzigen Hochhaeuser gerichtet, welche Korgas zur chinesischen Vorzeigestadt machen sollen. Die erste chinesische Stadt, wenn man von Kasachstan nach China reist, die letzte Stadt, wenn man China verlaesst. Ein modernes China soll in Erinnerung bleiben. Die Lehmhuetten sind ein Fauxpas. Wenn die chinesische Regierung wuesste, dass sie trozdem jemandem aufgefallen sind, wuerden sie vielleicht abgerissen. Auf jedem Dach flattert eine rote Fahne. Sind sie von der Regierung so angeordnet worden? Stehen sie da, um die Uiguren und Kasachen, die hier leben, daran zu erinnern, auf welcher Seite sie stehen? Oder wurden sie aus freien Stuecken hier hingestellt? Um nicht ein Niemand im Niemandsland zu sein, um zu zeigen, dass auch solche Huetten noch zu China gehoeren?
Am Grenzzaun stehen Lastwagen kreuz und quer vor einer Schranke und auch die Menschenschlange ist chaotisch und ungeordnet. Jeder versucht sich irgendwie durch den einzigen ein Meter breiten Durchlass zu quetschen, um vor dem naechsten Abend wenigstens die eigentliche Zollabfertigung zu erreichen. Wir kommen um acht Uhr Morgens an. Ein sturzbetrunkener Zoellner steht auf dem Wachhaus, schwingt eine Kette in der Luft und bruellt in die Menschenmenge. Wir sind fassungslos. Es dauert eine Stunde bis wir ueberhaupt herausgefunden haben, dass auch wir mit den Fahrraedern durch das Menschen- und nicht durch das Fahrzeugtor muessen. Kurz vor der Mittagspause haben wir uns durchgepruegelt und kriegen den Ausreisestempel in den Pass geknallt. Den Eisenkorridor duerfen wir nicht per Rad befahren. Die hundert Meter im offiziellen Shuttlebus nach Kasachstan kosten uns zehn Dollar pro Person. Die Haelfte davon geht vor unseren Augen an den naechstbesten Zollbeamten.
Es ist Nachmittag als wir in die kasachische Steppe hinausradeln. Die Luft flimmert, der Schweiss zeichnet ein weisses Salzmuster an den Hutrand und auf den T-shirt Ruecken. In der Hitze platzen Gedanken, durchbrechen die Monotonie der Landschaft. Zeit zum Zurueckschauen... Noch auf dem tibetischen Plateau war es, als wir Christian kennen gelernt haben. Er ist von Deutschland aus gestartet, durch die Ukraine, Russland und Kasachstan gefahren. Vom Amnye Machen aus sind wir dann zu dritt weitergeradelt, dem Qinghai See entlang, bis uns die Polizei das erste Mal stoppte. In einem bewachten Pickup wurden wir bis zur Provinzgrenze gestellt. Vage Gruende. Militaerische Sperrzone. Alle Fragen haben die Situation nur verschlimmert. Auf dem Satellitenbild finden wir spaeter weiter westlich ein riesiges weisses Loch. Eine gigantische offene Asbestmine. China unterhaelt eines der groessten Strafgefangenennetze der Welt. Bis zu vier Jahren darf die Polizei hier Leute ohne Gerichtsurteil zur “Umerziehung durch Arbeit” in die Minen schicken. Das Land hat zu viel zu verstecken. Die Welt verschliesst die Augen davor.
Ein Tal voller Sandduenen. Wolken ziehen auf, es regnet in der Wueste. Dann Einoede, lebensfeindlich. Wir legen uns groessere Trinkflaschen zu, hoffen auf Rueckenwind, der nicht kommt. Ueberreste der grossen chinesischen Mauer. Hier war das Reich der Mitte zu Ende, hat die weite Reise in den Westen begonnen. Die Seidenstrasse. Heute ziehen Lastwagenkarawanen auf einer Autobahn in die gleiche Richtung. Verwitterte Erdhaufen lassen die alten Wachtuerme kaum mehr erahnen, die hier einmal den Weg gesichert haben. Schattenlose Weite. 150 Kilometer pro Tag. Wir radeln hoch. Der Tien Shan reicht hier bis in die Wueste hinein. Es hat abgekuehlt, wir zelten unter duftenden Tannen. Wasser im Ueberfluss. Sommerblumen ueberall. Noch einmal erreichen wir 4000 Meter, Gletscher und Schneefelder. Am Morgen wandern wir auf einen der nahen Gipfel. Harte Zacken auf weiche Wolken gebettet. Berge im Himmel. Himmelsgebirge.
Der Radleralltag schleicht sich ein: Aufstehen, Instandnudeln kochen, Maettchen, Schlafsack und Zelt zusammenpacken. Eine Pause nach den ersten dreissig Kilometern. Die Strecke zieht sich. Bis zum Mittag ist es nicht mehr weit. Auf dem Fahrrad hat man jede Menge Zeit, um Vergangenes zu waelzen. Bis tief in die Kindheit. Oder sich vorzustellen, was manche Leute zu Hause gerade machen. Sonntagsfruehstueck vielleicht? Nein, besser ganz schnell wieder vergessen... Oder zynische Geschichten erfinden: Der chinesische Asbestfisch. Er schwimmt in den Bewaesserungskanaelen von Qinghai. Wenn du ihn faengst und auf den Grill schmeisst, lacht er dich nur haemisch an. Er ist der Asbestfisch, er ist feuerfest. Oder der Karamellfluss. Schon eine ganze Weile fliesst er neben uns her. Karamellbraun. Auf direktem Weg zur Karamellfabrik. Darin werden die leckeren “Alpenliebe Karamell-Schockodrops” hergestellt. Waere es nicht gerade jetzt Zeit fuer ein solches Bonbon? “Hey, anhalten, ich muss mich mal Karamelldropen.” Der Abend naht. Mangels einer Alternative wird es wohl auch zum Abendessen Instandnudeln geben. Wie viele Tage jetzt schon? In einem Lonely Planet Reisefuehrer, der irgendwo herumgestanden ist, haben wir gelesen “der beste Grund nach China zu reisen, ist das Essen”. Haben die eine Ahnung. Zelt aufstellen. In die Nacht lauschen. Der Platz ist sicher. Einschlafen.
Die Sonne steigt ueber das weite Grasland von Bayanbulak. Flache Huegel, lange Schatten. Mongolen leben hier. Sie haben sich ihr Zuhause nicht nach Linien auf einem Stueck Papier ausgesucht. Jurten und Pferdeherden. Die Mongolei, mitten in China. China ist nicht stolz darauf. Wieder haelt uns die Polizei auf. Sperrgebiet. Keine Uebernachtung im Hotel, keine Fotos. Am Fernseher flimmert das WM Spiel Ghana - USA. Der Beamte ist gelangweilt, fragt nach Geld, pocht auf irgend eine Travel Card, die wir nicht haben, will wissen, ob die Frau mit irgend einem von den beiden Maennern verheiratet ist. Zusammenhangslos. Voellig unwichtig. Zum Glueck ist es ihm zu anstrengend, uns einen Transport zu organisieren. Wir duerfen weiterfahren...
Beim Sharyn Canyon verabschieden wir uns von Christian. In zwei Tagen fliegt er nach Hause. Wir sind mittlerweilen dreitausend Kilometer gemeinsam geradelt. Eine Menge. Als er bereits im Flieger sitzt, erreichen wir den Kolsay Nationalpark. Ein fantastischer Platz, hoch oben an der kasachisch - kirgisischen Grenze. Drei glasklare Bergseen, dichte Waelder und Edelweisswiesen. Schoen und einsam. Wir reiten in zwei Tagen hoch auf den Grenzkamm, schauen hinunter nach Kirgistan. Wolken tuermen sich ueber dem himmelblauen Issyk Koel, reissen die Gedanken mit, lassen vorausschauen. Ein Jahr ist um. Auch wir fliegen von Almaty nach Hause. Unsere Reise ist zu Ende. Neue Herausforderungen warten auf uns. Ein Schritt und wir erreichen eine unsichtbare Linie. Ein Schritt noch und wir betreten Grenzland.Read more


















































































