• El Viso del Alcor

    Mar 7–8 in Spain ⋅ ⛅ 17 °C

    Es war ein mäßig sonniger Frühlingstag in El Viso del Alcor in Andalusien. Die Orangenbäume dufteten, eine alte Katze döste auf einer halb zerfallenen Mauer, und der deutsche Tourist Karl stand ratlos vor einem kleinen Baum, der aussah, als hätte jemand pinke Konfetti direkt auf die Äste geklebt.
    „Was bist du denn für einer?“ murmelte Karl.
    Der Baum raschelte beleidigt mit seinen Zweigen.
    „Ein bisschen Respekt bitte. Ich bin ein Judasbaum.“
    Karl zuckte zusammen. „Der Baum… redet?“
    „Natürlich“, sagte der Baum. „Ich stehe seit Jahrzehnten hier. Wenn man so lange herumsteht, entwickelt man Gesprächsbedarf.“
    Karl schaute genauer hin. Tatsächlich: Der Baum war voller kleiner rosa-violetter Blüten – und zwar direkt am Stamm und an den Ästen.
    „Das ist übrigens mein Markenzeichen“, sagte der Baum stolz. „Botaniker nennen das Kauliflorie. Meine Blüten wachsen direkt aus dem Holz. Ziemlich praktisch, wenn man auffallen will.“
    „Moment“, sagte Karl. „Bist du dieser Baum aus der Bibelgeschichte?“
    Der Judasbaum seufzte. „Ah, das schon wieder. Mein wissenschaftlicher Name ist Cercis siliquastrum, aber jeder nennt mich Judasbaum wegen einer alten Legende. Angeblich soll sich Judas Iskariot nach seinem Verrat an Jesus an so einem Baum erhängt haben.“
    Karl schluckte. „Nicht gerade gute PR.“
    „Nein“, sagte der Baum. „Dabei bin ich völlig unschuldig. Außerdem sagen manche, ich komme ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeerraum – Griechenland, Türkei, Levante. Aber in Spanien, besonders hier in Andalusien, fühle ich mich sehr wohl.“
    Ein leichter Wind wehte über die Hügel.
    „Frühling ist meine große Show“, fuhr der Baum fort. „Bevor meine herzförmigen Blätter erscheinen, blühe ich komplett in Rosa. Ganze Straßen sehen dann aus wie ein Pastellfarben-Festival.“
    Karl nickte. „Stimmt, ich habe dich gestern schon in Sevilla gesehen.“
    Der Baum räusperte sich stolz. „Ganz genau. Ich werde gern in Parks und an Straßen gepflanzt. Ich komme gut mit dem mediterranen Klima klar: heiße Sommer, milde Winter.“
    Die Katze auf der Mauer öffnete ein Auge.
    „Und übrigens“, sagte der Baum verschwörerisch, „meine Blüten kann man sogar essen.“
    „Was?!“
    „Salate. Leicht süßlich. Manche Andalusier streuen sie darüber. Aber bitte mit Stil.“
    Karl grinste. „Also bist du hübsch, historisch interessant und auch noch essbar.“
    Der Baum nickte zufrieden.
    „Siehst du. Viel besser als mein Ruf.“
    In diesem Moment kam eine ältere Andalusierin vorbei, blieb stehen und betrachtete den Baum.
    „¡Qué bonito!“ sagte sie.
    Karl nickte zustimmend. „Ja, wirklich schön.“
    Der Judasbaum flüsterte leise:
    „Sag ihr bitte nicht, dass ich gerade mit dir gesprochen habe. Die Leute halten Bäume sonst für verrückt.“
    Die Katze gähnte.
    Und irgendwo im warmen andalusischen Frühling rieselte ein kleines rosa Blütenblatt zu Boden – direkt auf Karls Kopf.
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