Bethanien
October 7 in Namibia
☀️ 26 °C
Das Dorf Bethanien, heute nicht einmal 3.000 Einwohner:innen, spielte einst gleich mehrfach eine wichtige Rolle in der Geschichte Namibias.
1814 ließ sich hier der aus der Nähe von Bremen stammende Missionar Johann Heinrich Schmelen mit einer Gruppe Nama nieder. Er nannte den Ort nach dem biblischen Ort der Taufe Jesu und errichtete mit dem Schmelen-Haus das heute älteste noch existierende Steinhaus Namibias. 1859 wurde die Missionskirche erbaut. Damit wurde Bethanien einer der wichtigsten Standorte der Mission.
Und 1883 begann hier die deutsche Kolonisierung Südwestafrikas: Der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz sendete seinen Mitarbeiter Heinrich Vogelsang zum Nama-Kaptein Josef Frederiks II. nach Bethanien, um im Haus des Kapteins den Kaufvertrag über Land rund um die heutige Stadt Lüderitz zu verhandeln. Dabei führten Vogelsang und Lüderitz den Kaptein in durchaus betrügerischer Absicht in die Irre: der Kaufvertrag definierte das zu kaufende Gebiet über den Abstand in Meilen von der Küstenlinie aus. Die Nama kannten bislang nur die englische Meile (1,6 km). Vogelsang und Lüderitz beharrten aber nach Vertragsschluss darauf, dass die deutsche Meile (ca. 7,4km) gemeint sei. Dieses Ereignis vergrößerte das gekaufte Territorium deutlich und ging als „Meilenschwindel“ in die Geschichte ein.
Und nun zurück zur Gegenwart, und damit zu einer unerwarteten und zutiefst bewegenden Begegnung: am einstigen Wohnhaus jenes Nama-Kapteins Josef Frederiks treffen wir Johannes Frederick. Er ist ein direkter Nachfahre des betrogenen Josef Frederiks und seit 2020 der traditionelle Chief der Bethanien-Nama. Und er ist auch ein direkter Nachfahre von Kaptein Cornelius Fredericks, der viele Bethanien-Nama in den bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Kolonialmacht führte, schließlich besiegt und gefangen genommen wurde. In der Folge wurde Cornelius Fredericks von den Deutschen in das Konzentrationslager auf der Haifischinsel vor Lüderitz gebracht, wo er 1907 unter unmenschlichen Bedingungen starb. Zu „wissenschaftlichen“ Zwecken wurde der Leiche der Kopf abgeschnitten und der Schädel nach Deutschland verschickt.
Und plötzlich sitzen wir mit dem Nachfahren und heutigen Kaptein der Bethanien-Nama Johannes Frederick im Haus seines Vorfahren Josef Frederiks, sogar in demselben Zimmer, in dem Vogelsang Johannes‘ Vorfahren betrogen hat. Wir sehen den Baum, an dem Soldaten der Schutztruppe Bethanien-Nama aufknüpften. Wir denken an all die grausamen Scheußlichkeiten, die unser Land und unsere Vorfahren den Vorfahren und Landsleuten dieses Mannes angetan haben. Und Kaptein Johannes heißt uns wärmstens Willkommen. Er fühle keinen Groll auf uns, sagt er, nicht einmal auf unsere damaligen deutschen Landsleute: „Wir brauchen echte Verständigung, wir brauchen Vergebung“, betont Johannes. „Wir vergeben Euch und wünschen uns einen neuen Anfang“, fügt er hinzu. Es gehe ihm im Übrigen nicht um Reparationen. „Wobei es schön wäre, Euer Land gäbe uns die Schädel unserer Vorfahren zurück“, fügt er lakonisch hinzu. Johannes Frederick setzt viel Hoffnung in die heilende Kraft der Musik, möchte sein Dorf zu einem „Musik-Dorf“ machen. Und er bittet uns, etwas Deutsches für ihn zu singen - eine Bitte, die wir nicht abschlagen können und wollen: Gemeinsam singen wir für ihn „Der Mond ist aufgegangen“. Tief bewegt und geradezu beschämt fühle ich mich von der Freundlichkeit, Güte und Größe dieses Mannes, der jeden Grund hätte, uns und unser Land zu hassen.Read more







TravelerSehr beeindruckend!