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  • Day15

    Begegnung im Bus

    September 22, 2017 in Peru ⋅ ☁️ 15 °C

    Da bin ich wieder, Freunde. Die Tatsache, dass ich aus dem Wohnzimmer hier im 6. Stock immer auf die viel befahrene Straße blicken lässt, führt dazu, dass ich noch immer dabei bin, mich an Lima als meine Homebase zu gewöhnen. Aber der Prozeß, wie anfangs neue Vorgänge und Abläufe immer routinierter werden, ist sehr spannend. Ein Beispiel ist die Fahrt mit dem Microbús in die Arbeit - zwar habe ich die Station praktisch vor der Haustür, trotzdem warte ich immer noch gut und gerne mal 20 Minuten auf den Bus. Schnell habe ich angefangen, mir Bücher mit in den Bus zu nehmen und mich damit abzufinden, dass ich für 7 Kilometer zwischen 60 und 95 Minuten brauche. So kann man sich darauf freuen. Was aber auch vorkommt, ist dass man steht oder sich in eine Ecke quetscht, dann hat man genug Zeit sich auf seine Gedanken einzulassen. Bis zum heutigen Tag lag ich immer schon mindestens eine halbe Stunde vor meinem Wecker wach, also seit 6:00 Uhr morgens. Wohl kein seltenes Phänomen in einer neuen Umgebung, wie ich es auch von Freunden mitbekommen habe, die momentan in einer ähnlichen Situation sind.

    Auf der heutigen Rückfahrt ist mir was sehr schönes widerfahren - nachdem ich erst im falschen Bus gelandet bin und eine halbe Stunde geradeaus spaziert bin, steige ich in den richtigen ein. Eine Dame spricht mit lauter Stimme.
    Dazu muss man erwähnen, dass in Lima, natürlich gerade für mich im Vergleich zu meinem verschlafenen München, einfach wahnsinnig viel "passiert". Bei einer roten Ampel nutzen Straßenakrobaten ebenso ihre Chance, wie diverse Obst- und Süßigkeitenverkäufer. Diese steigen auch in den Bussen kurz zu. Ebenso habe ich schon zwei sehr talentierte Improvisations-Rapper und Flüchtlinge aus dem politisch unruhigen Venezuela angetroffen. Daher wunderte ich mich nicht, dass die Dame etwas mitzuteilen hat. Ich sehe, dass sie in der Hand eine Zeitung hält und lese das Wort "Oxfam". Dann fange ich an, konzentrierter zuzuhören.
    Die Dame spricht von der Armut und Ungerechtigkeit in Peru, von der Ausbeutung durch multinacionales und von der Verschmutzung des Rio Rímac, an dem wir eben vorbeifahren. Nestlé macht hier noch sehr viel direkter Werbung als ich es aus Deutschland gewohnt bin (Trinkt unser Milo jeden Tag, denn es ist sehr gesund!!! ist auf einer riesigen Hauswand abgebildet) Auch das Menschenrecht auf saubere Luft wird erwähnt. Als sie dann den Preis für die Zeitung nennt, 1 Sol (28ct) hebe ich die Hand und sie zeigt sich sehr dankbar. Als ich ihre Frage, ob ich aus Peru bin, verneine (yeah, das hab ich direkt verstanden) wendet sie sich wieder an die anderen Passagiere, das sei doch ironisch, dass sich ein Extranjero mehr für ihr Land interessiert als sie. Später sagt sie dann das, worauf ich eigentlich hinauswill: Sie sagt, dass Peru mein Land ist. Und wenn sie eines Tages in mein Land kommt, ist das auch ihr Land. Wir sind doch alle eins!
    Zu keinem Zeitpunkt hat sie mich gefragt, woher ich denn eigentlich bin. Das ist bei mir ja eh etwas kompliziert.

    Hier noch ein Bild von der Zeitung, so wie ich das sehe, von einem indigenen Herausgeber. Ihr wisst schon, die im Einklang mit der Natur und so. Mal gucken, wie viel ich verstehe.

    Peace
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