Varanasi - Om Namah Shivaya
13. august 2023, Indien ⋅ ☁️ 33 °C
Vom besten Mango Lassi der Stadt zum offenem Krematorium ....
Liebe Leute,
nach einer sehr langen Busreise bin ich in Varanasi - auch bekannt als Banares oder Kashi - angekommen. Ich habe viel Furchterregendes vorher über diese Stadt gehört 😱 - zum Beispiel warnten mich andere Reisende (und sogar Inder) vor aufdringlichen Verkäufern, Hitze, schmutzigen Straßen und Gestank 🥵. Außerdem soll man hier viel Elend sehen, weil viele alte und kranke Hindu Gläubige, hier herkommen um zu sterben. An den Ghats am Ganges verbrannt zu werden, gilt als heilig - wer hier als Asche zurück in die heilige "Mother Ganga" fließt, hat sein letztes Leben vollbracht und wird nicht mehr wieder geboren - so heißt es. Schluss mit Leiden - ab ins Nirvana!
Ich wollte trotzdem hin - einfach weil Varanasi auch das Venedig Indiens ist und es eine so wichtige Bedeutung für die Menschen hier hat.
Varanasi ist die Shiva Stadt. Shiva ist einer der drei Hindu Götter: Bramah - der Erschaffer, Vishnu - der Erhalter und Shiva der Zerstörer. Shiva als Zerstörer meint aber nicht die aggressive Kraft, sondern eher die Vergänglichkeit, die Teil des Neuanfangs ist. Somit ist er der, der alles beendet und gleichzeitig der, der den Neuanfang bereitet.
Ich war also auf alles gefasst. Aber nichts von all den Horrorgeschichten finde ich wirklich zutreffend. Ganz im Gegenteil - die Stadt ist zauberhaft... Barfuß laufende Pilger*innen und schöne Cafés, alte Gassen, Ashrams, uralte Tempel und Dachterrassen, von denen man über den Ganges schauen kann und wenn man genau hinsieht, auch die (Stadt)affen von Dach zu Dach hüpfen sieht. Dieser Ort ist etwas besonderes. Dazu die vielen Zeremonien, die den Ganges ehren und Menschen, die hierher kommen um vedische Astrologie oder Sanskrit zu lernen.
Ich bin beeindruckt! Am ersten Tag spaziere ich durch die Gegend und finde einen kleinen Shiva Tempel. Er ist geschlossen aber nach kurzer Zeit kommt der vedische Priester und öffnet die Tür. Es kommen Menschen, die ihre Gebete in Form von Mantren singen. Dann muss der Priester für eine Stunde weg ("going to worshipping", wie er sagt 😄) und überlässt mir den Tempel für meine Mediation. (Priester können übrigens nur Brahmanen werden - Menschen die der höchsten Kaste in Indien angehören). Er schließt das Tor so dass ich ungestört Yoga machen kann wie er sagt. Das eigentliche Yoga ist übrigens die Meditation.
Als er wiederkommt und ich mich verabschieden will, treffe ich auf den Stufen des Tempels sitzend einen jungen Mann, der die alten indischen Schriften und Weisheiten - man könnte auch sagen Wissenschaft der Vedanta - lernt. Astrologie, Sanskrit, Mantren ... alles - sagt er - lernt man da. "Es ist so interessant!" sagt er begeistert. "Wenn man das alles lernen und verstehen will, reicht ein Leben nicht aus. Man muss sein Leben komplett dieser (inneren und äußeren) Wissenschaften widmen, keine Familie um die man sich kümmern muss, kein Job oder materieller Wohlstand etc. - ein einfaches Leben für die Gesellschaft gilt es zu führen."
"You read upanishad and veda" - Ich soll die Upanishaden und Veden lesen, sagt er, "It will be good for you." ☺️. Als ich ihm erzähle, dass ich im Osho Ashram war meint er: "Oh Osho - Osho is different. He only read a part of the vedas, not all."
(Die Reise geht also weiter... war ja klar 😃) Dann muss er weg.
Ich schlendere umher, finde den besten Lassi der Stadt, esse eine echte Steinofen Pizza (die für Indien echt ok war 😄), trinke Cappuccino und gönne mir Indiens besten Apfelkuchen. So gutes Essen in toller Atmosphäre mit Ganges Blick hatte ich schon lange nicht mehr!
Am Abend gegen 18 Uhr laufe ich zum Dashashwamedh Gath und beobachte die berühmte Ganga Aarti von einem Boot aus. Eine wunderschöne Atmosphäre und welch ein schöner Akt der dahintersteckt. Der Ganges - als weiblicher Ursprung (Mutter Ganges) und als Schöpfung - wird hier unter hunderten von Gästen und Einheimischen aufwendig geerht.
Neben mir sitzen zwei Spanier die in nur 8 Tagen Delhi, Agra (Taj Mahal) und Varanasi besuchen und dann wieder nach Hause fliegen. Sie sind hier mit einem indischen Guide unterwegs der Spanisch spricht. Sie reden viel und die Blicke gehen hektisch hin und her. Am Ende verlassen sie die Veranstaltung 10 min. früher um nicht so lange warten zu müssen, wenn alle Leute aufbrechen 😄. Ich bin wirklich schon länger hier merke ich, sonst wäre ich vielleicht genauso geladen unterwegs wie die beiden.
Ich genieße es, die sehr hingebungsvolle Musik zu hören und die Bewegungen, die Lichter der Öllampen und die vielen Zuschauer*innen, die an den Treppen des Ghats sitzen, zu sehen. Da geht mir das Herz auf. Wunderschön! Wieder einer der Momente wo ich kaum glauben kann, dass ich sie gerade erlebe.❤️🙏
Am nächsten Morgen um 5 Uhr mache ich mich auf zum Assi Ghat um hier die besondere Atmosphäre, die hier durch Ganga Aarti, vedische Gesänge, Musik und Yoga entsteht. Menschen sitzen gemütlich beisammen und trinken Chai aus Tonbechern. Ich auch. Die Becher werden danach übrigens entweder auf dem Boden zerschlagen oder in einen Mülleimer geworfen - Einweg sozusagen.
Jetzt wird es spannend.... Ab um 7 Uhr nehme ich mir eine Autorikscha und fahre zum Manikarnika Ghat - das ist wohl einer der Orte für die Varanasi besonders bekannt ist. Hier werden Tag und Nacht die Toten verbrannt. Auf diesen Besuch habe ich besonders große Lust seitdem klar ist, dass ich nach Varanasi komme.
Ich laufe die kleinen Gassen runter zum Ghat. Vor mir schiebt ein Mann Brennholz auf einen Handwagen vor sich. Ich bin also richtig. Als ich ankomme, gibt es zwei wichtige Punkte. Einmal direkt am Wasser wo zur Monsunzeit (hoher Wasserstand) und aufgrund des Platzmangels nun nur Verwandte und Freunde der verstorbenen Zutritt haben. Der andere führt eine Treppe hinauf - direkt in das offene Krematorium. Hier landen jetzt alle. Das indische Kastensystem ist hier überwunden.
Man sieht mehrere Haufen aufgestapeltes brennendes Holz. Ganz oben werden die Toten, in weißen Tüchern gehüllt, aufgebettet. Ich stehe direkt vor einem der brennenden Haufen und sehe einen halben Arm an einem Oberkörper der gerade verbrennt. Später auch Beine und Füße und frisch aufgebettete Leichen die dann langsam zu Asche werden. Ich verbringe fast 2 Stunden an diesem glühend heißen Ort um das Geschehen zu beobachten.
Sadhguru schreibt in seinem Buch "Death", dass er als Jugendlicher viel Zeit an den Ghats seiner Stadt verbracht hat und sagt, dass diese Beobachtung dabei hilft Leben und Tod besser zu verstehen. Er rät uns allen diese Erfahrung zu machen. Auch im Schamanismus und im tibetischen Tantra wird das Thema durch direkte Konfrontation, z.B. auf Friedhöfen meditieren etc. näher gebracht.
Ich sehe viele hier arbeitende Menschen, die mit Bamusstöckern das brennende Holz und die angeschmorten Körperteile zurechtrücken. Schwitzend und in normaler Kleidung - manche auch Oberkörper frei und nur mit einem Tuch um den Kopf gewickelt. Unter den hier Arbeitenden auch ein Junge - vielleicht 15 oder 16 Jahre alt. Sie sind emsig und sorgfältig bei der Sache.
Die Toten werden auf einer Bambustrage - zunächst noch eingehüllt in schönen bunten Seidentüchern - herangetragen. Währenddessen kehren andere die Asche der schon Verbrannten zusammen und tragen diese in einer Metallschüssel auf dem Kopf hinunter zum Ganges.
An einem anderen Haufen entzündet gerade ein Priester mit einem langen Fächer aus Gräsern das Holz auf dem eine Tote gebettet wurde. Manchmal kommt der Geruch von verbranntem Fleisch auf. Ein anderer Priester in weißen Roben gekleidet mit kahlen Kopf, trägt ein schwarz verkohltes Stück Menschenkörper zwischen zwei Bambusstäben zum Rand des Turms auf dem wir uns befinden und wirft es in den Ganges, dann murmelt er etwas und geht. Ich beobachte wie das schwarze Stück stromabwärts schwimmt.
Unter uns sehe ich am Ufer einen Hund der etwas frisst. Ein anderer Hund kommt mit wedelndem Schwanz und etwas Schwarzem dazu. Sie haben wohl die anderen bereits angeschwemmten menschlichen Überreste gefunden und genießen ihre Mahlzeit.
Eine Kuh läuft um die brennenden Haufen herum und sucht in den herumliegenden Tüchern und Beuteln nach essbaren. Sie wird geduldet. Nur wenn sie jemanden stört oder im Weg ist, gibt es einen klapps auf den Hintern. Manche Menschen laufen barfuß herum. Ein Tontopf mit Ganges Wasser wird in einer Menschenschlange bis zu den lodernden Resten eines Haufen gereicht und dort vergossen bevor ein anderer Mann mit dem Wasserschlauch kommt und die Glut entgültig löscht.
Unter uns führt ein Brahmane ein Ritual mit Räucherstäbchen und Asche durch. Man ruft laut mit erhobenen Händen "Maha Dev" (=ein anderer Name für Lord Shiva. Mann begrüßt sich übrigens hier in Varanasi auch oft mit diesem Wortlaut).
Zirka zwei Meter vor mir fällt ein Bein aus dem brennenden Haufen. Der Junge der hier arbeitet - ich nenne ihn mal den Azubi - versucht es mit einem Bambusstock wieder hineinzuwerfen und schafft es erst als er sich einen zweiten Stock sucht, das verkohlte Bein dann wie mit einer Zange festklammert und zurück in den Haufen wirft. Weiter entfernt, sehe ich zwei Füße die nur noch an schwarzen Knochen hängen. Wenn man genau hinsieht erkennt man den Sud der aus den Körperteilen die noch nicht lange brennen, tropft.
Jetzt seit ihr bestimmt schockiert, oder 😄?
Auch wenn sich meine Beschreibungen für euch vielleicht komisch anhören.... Irgendwie wirkt alles sehr natürlich und geordnet. Die vorher durch Zerominen geschmückten Leichen sehen am Ende alle gleich aus. Alles wird zu Asche.
Es ist ein interessantes Unterfangen diesen Prozess zu beobachten. Das Leid des sterbenden Körpers verschwunden. Übrig bleibt eine leere Hülle, die Ebene für Ebene vergeht...und dann ist er weg - der Körper - der einst als Tempel der Seele diente. Nun ist Frieden. Wieder eingekehrt ins große Ganze - zurück zu Mother Ganga, zur Natur - zurück zu Shiva, der in uns allen steckt. Weg sind das "ich", die Persönlichkeit , die Charakterzüge, die guten und schlechte Taten, der Besitz, das Wissen, die schönen und schlimmen Erfahrungen, der Status... kurz gesagt: alles Angehäufte im Leben ist nun weg und nichtig.
Ich schaue auf die übriggebliebene Asche der toten Frau deren Bein vorher mit großer Mühe wieder an seinen Platz gebracht wurde. Jetzt ist nur noch Asche da. Frieden steigt in mir auf.
Ich verstehe mehr was man mit der Aussage "In Frieden ruhen" meint. Denn mit dem Tod des Körpers sind auch all unsere Konditionierungen, unsere Ärgernisse, Sorgen, Leid, Sehsüchte und menschlichen Verstrickungen und Beziehungen, die wir glauben in irgendeiner bestimmten Weise zu führen, verschwunden. Sozusagen das angehäufte Karma. Ein Guide hat heute etwas Interessantes zu mir gesagt: "Wir sind alle mit Gott durch unseren Atem verbunden (Im Yoga heißt der Atem ja auch Prana - Lebensenergie). Atmest du, dann spürst du Gott. Hörst du auf zu atmen, dann hat Gott die Verbindung zum Körper gekappt und die gehst ins Nirvana, Himmel, Hölle..was auch immer". Er lachte 😄.
Tatsächlich ist es schön hier zu sein und das alles zu beobachten. Ich schaue in die entsetzen Gesichter einiger westlicher Touristen, die die Hitze hier nur ein paar Minuten aushalten. Ich sehe aber auch in Augen von Menschen, die es verstandenen haben. Man fühlt sich verbunden. Manche Menschen die hier arbeiten, tragen eine besondere Ruhe in sich, andere machen einfach ihren Job 😄.
Der Tod ist das Ende der Illusion und die Rückkehr in das Ganze - mache sagen dazu Gott. Wir sind alle gleich - Gott ist in uns und wenn wir sterben, dann kehren wir zu ihm zurück. Ich fühle ein bisschen mehr was damit gemeint ist.
Es ist spannend auf der einen Seite die Toten zu sehen und auf der anderen Seite den Ganges, der für das pure und fließende Leben steht.
Ich schaue mir nun die unterschiedlichen (lebenden) Menschen an, die sich hier tummeln und wie sie sich verhalten. Zwei Männer die hier arbeiten, streiten sich inmitten der brennenden Hitze und es kommt zu einem kleinen Geraufe 🫣🤭. Andere telefonieren und schützen ihr Gesicht indem sie den Kopf in Richtung Ganges halten um ein bisschen mehr frische Luft abzubekommen, wieder andere verweilen in Stille. Ein Mann hält mehrmals eine Zigarette in einen brennenden Haufen und zieht anschließend mehrmals daran um sie anzuzünden. Ein anderer junger Mann in Jeans und Hemd gekleidet, trägt seinen Kumpel und simuliert, wie er ihn auf einen der brennenden Haufen wirft. Es wird gelacht. Man ruft sich irgendwas auf Hindi in unterschiedlichsten Ton und Stummlagen zu. Ein anderer fragt mich wo ich herkomme und will ein Gespräch inmitten der brennenden Leichen beginnen.....
Gott hat manchmal wirklich witzige Gestalten hier auf Erden angenommen
😄😌☺️🙏❤️.
Om Namah Shivaya!
(=Ruf an Lord Shiva)
Übrigens habe ich meine "Identität" in Varanasi gelassen... denn ich habe meinen Reisepass irgendwo zwischen Universität, Autorikschas und Tempeln verloren. Bemerkt habe ich es erst als ich kurz vor der Hafenrundfahrt stand. Ich entschied mich die Bootstour trotzdem mitzumachen und mich anschließend um den Umstand zu kümmern 😀. Wundervoll Varanasi vom Ganges aus zu sehen!!!
Ich war am selben Tag übrigens im Durga Tempel und habe keine Spende gegeben...🫣 Ich muss dazu sagen, dass Durga die Göttin im Hinduismus ist, die uns immer das gibt was auf einer übergeordneten Weise richtig ist - egal ob wir es wollen oder nicht.... Mises Karma 🙈😉.
Abends saß ich dann bei der Polizei - das war vielleicht ein Akt 😆.... Nachdem ich mind. 10 unterscheidlichen Polizisten die Frage "what happened" beantwortet habe und ich drei schriftliche Versionen meiner Verlustanzeige auf ein weißes Blatt schreiben musste, konnte ich dann auch gehen - das hat 2 Stunden gedauert
🥵🤭🫣😜
Immerhin hat mir der "Muttizettel" der Polizeistation dabei geholfen, dass ich am darauffolgenden Tag meinen Flug nach Rishikesh wahrnehmen konnte - auch ohne Reisepass...
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Ergänzung:
Fotos und Videos sind übrigens im Krematorium verboten (zumindest für Touristen - ich habe eine Menge Inder gesehen, die mit ihren Handys jede Menge Schnappschüsse gesammelt haben). Im Internet gibt es einige Videos.
Hier mal ein Link zu einem kurzen Video vom Manikarnika Ghat in Varanasi. Ab Minute 2:19 sieht man auch den Ort an dem ich sein durfte:
https://youtu.be/WMGvvnyNy7E
Om Shanti ❤️Læs mere






















RejsendeJosi…. Du schreibst so toll ubd fesselnd, ich könnte das stundenlang lesen (wenn man so will, mach ich das auch fast☺️… bei der Länge).
Josephin Dahlenburg😄😄😄 Danke du Liebe! 🥰 Ganz viele Grüße an euch alle 😘
RejsendeHab weiterhin viel Freude dort und nehme und weiterhin auf deinen Reisen mit😘