• Bialystok - die Geschichte einer Huckepackreise

    March 31 in Poland ⋅ ☁️ 9 °C

    Ich bin in Białystok. In einem Hotel. Pflaume steht ein paar hundert Meter weiter in einer Ford-Werkstatt.

    Es scheint, dass der Mechaniker, den mir die nette Dame von der Touristinfo besorgt hatte – sagen wir mal – eher kreativ freischaffend als Mechaniker tätig ist. Sein eigentlicher Brotberuf: Schichtarbeiter bei IKEA.

    Das erklärt einiges. Zum Beispiel, warum es ein bisschen gedauert hat, bis er Zeit hatte. Warum er zwar mit durchaus professionell anmutendem Equipment auftauchte, insgesamt aber eher dürftig ausgestattet war. Warum er sich Werkzeug – bis hin zum Akkubohrer – von mir ausleihen musste. Und möglicherweise erklärt es auch, warum er zwar wusste, wie der Sensor zu tauschen ist, danach aber nicht mehr weiter wusste. Oder warum er zwischendurch im Auto saß und YouTube-Videos ansah. Oder warum er keine Rechnung stellen wollte und das bis dahin Geleistete gerne bar bezahlt haben wollte.

    Möglicherweise hängt das alles zusammen. Möglicherweise auch nicht.

    Jedenfalls teilte ich ihm gestern Abend mit, dass ich heute abschleppen lasse. Schutzbrief habe ich ja. Gottseidank. Allerdings scheine ich etwas abseits der üblichen Wege zu stehen. Mitten in einem der wildesten Wälder Europas. Gegen Mittag erst kommt ein Abschleppwagen auf den Parkplatz. Zwei Männer steigen aus. Tatkräftig. Zielgerichtet.

    Erste Maßnahme: Batterie laden.

    Ich halte ihnen mehrmals mein Tablet unter die Nase. Alles übersetzt. Alles erklärt. Sauber vorbereitet. Keine Wirkung. Mit wissender Miene und einem Grinsen beginnen sie, Starthilfe zu geben. "ChoChoCho". Nichts. Noch einmal. "ChoChoCho". Nichts.

    Erst dann schauen sie auf das Tablet.

    In solchen Momenten fällt mir auf, wie es vielen Frauen tagtäglich geht. Zu Hause. Bei der Arbeit. Überall dort, wo dieses stille Einverständnis herrscht, dass schon der Mann wissen wird, was er tut. Dieses Auftreten. Dieses Selbstverständnis. Dieses „ich mach das“. Ich kenne das ja selbst. Denn was Fahrzeuge angeht, bin ich auch nicht viel mehr als wissend nickend überfordert. Ich stehe daneben, nicke, tue so, als würde ich verstehen – und hoffe, dass es schon irgendwie passen wird. Dann ertappe ich mich dabei, dass ich genau dieses Verhalten mittrage. Dieses Nicht-Hinterfragen. Dieses Abnicken. Dieses "Männer machen. Männer wissen. Männer haben das im Griff." Und wenn es nicht funktioniert, wird es noch einmal probiert. "ChoChoCho". Es wird beraten, gerüttelt, diskutiert. Und schließlich verkündet, dass man mich nach Białystok zu einem Fordhändler bringen wird.

    Hätten sie das Tablet gelesen – ganz unten hätte genau das gestanden. Aber gut.

    Kaum ist diese Erkenntnis gefallen, zeigt sich, dass es ein eingespieltes Team ist. Innerhalb von zwanzig Minuten ist alles erledigt. Abfahrbereit.

    Ich verabschiede mich von der Touristinfo. Die Damen waren die letzten Tage bemerkenswert bemüht. So sehr, dass ich es dort wohl noch länger ausgehalten hätte. Sogar eine Dusche wurde mir angeboten. Ich habe dankend abgelehnt. Sicherheitshalber.

    Jetzt bin ich hier. Im Hotel. Und hoffe darauf, dass diesmal tatsächlich jemand weiß, was er tut.
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