• Schindellegi und Domino im Dschungel

    March 31 ⋅ ☀️ 25 °C

    Wir umkreisen mit dem Schiff den Cabrits Nationalpark und legen auf der anderen Seite an einer Boje an.

    Kaum hängt der Anker, taucht plötzlich Buda auf – in einem umgebauten Segelboot, dem man die Segel und den Mast schon vor langer Zeit abgenommen hat. Jetzt tuckert es nur noch mit einem Außenbordmotor vor sich hin. Immer wieder schöpft Buda fröhlich Wasser aus dem Inneren, als wäre sein Boot ein Sieb mit Charme. Es sieht aus, als würde die Nussschale jeden Moment entscheiden, doch lieber unterzugehen.

    Trotzdem grinst er uns aus seinem schwimmenden Eimer breit an und ruft: „How you doing, Baby? How you doing, Darling?“

    Hier auf Dominica werden alle mit „Baby“ und „Darling“ angesprochen – das ist kein Flirt, das ist einfach die Landessprache der Herzlichkeit.

    Auf Englisch fragt er nach unserer Nationalität. Als wir „Schweiz“ sagen, leuchten seine Augen auf. „Schindellegi!“, ruft er begeistert. „I worked in Schindellegi!“

    Wir starren ihn an. Dann brechen wir alle gleichzeitig in Lachen aus. Ein Dominica-Insulaner, der ausgerechnet den winzigen Ort Schindellegi im Kanton Schwyz kennt – das ist so absurd, dass es einfach nur perfekt ist.

    Eva, Markus und Richi schnorcheln los, während ich an Bord bleibe und die himmlische Ruhe genieße. Jeder verbringt den Vormittag auf seine Art: die einen mit Fischen unter Wasser, ich mit einem Buch und dem sanften Schaukeln der Boje.

    Am späteren Nachmittag werden Eva, Richi und ich von Kelvin mit einem kleinen Ruderboot abgeholt. Wir gleiten leise in den Indian River hinein – ein stilles, fast mystisches Labyrinth aus Mangroven, das sich wie ein grünes, verwunschenes Geheimnis durch den Wald schlängelt.

    Die Luft ist schwer und feucht, der Geruch von Salz, Schlamm und tropischem Grün hängt zwischen den Wurzeln. Die Mangroven stehen wie knorrige Wächter im brackigen Wasser, ihre Luftwurzeln ragen wie verkrümmte Finger heraus und bilden ein undurchdringliches Netz. Das Boot schiebt sich fast lautlos durch die engen Kanäle – kein Motor, nur das sanfte Plätschern der Ruder und Kelvins ruhige Stimme.

    Plötzlich tauchen sie auf: leuchtend orange und rote Landkrabben krabbeln über die Wurzeln, als hätten sie hier das Sagen. Manche sitzen einfach da und starren uns an, als wollten sie sagen: „Touristen? Schon wieder?“
    Hoch oben in den Ästen sonnen sich große grüne Leguane, so reglos, dass man sie fast für Deko halten könnte. Winzige Kolibris schießen wie schillernde Raketen durch das Licht, das durch die Blätter fällt, während Königsfischer und andere Vögel elegant über dem Fluss kreuzen. Unter der Oberfläche huschen kleine Fische durch das Wurzelgewirr.

    Dazwischen erfüllt ein unglaubliches Vogelgezwitscher die Luft – ein wildes, fröhliches Konzert aus Pfeifen, Trillern und Rufen, als würde der gesamte Dschungel mit uns mitsingen.

    Kelvin rudert uns tiefer hinein, zeigt uns versteckte Ecken und erzählt von Piraten, die hier früher Schutz suchten. Der Mangrovenwald schluckt jedes Geräusch von draußen. Für eine Weile existiert nur noch dieses grüne, lebendige Labyrinth – und wir mittendrin, klein und still.

    Dann führt uns Kelvin inmitten des dichten Dschungels an einen versteckten Steg. Wir steigen aus und folgen ihm auf einem schmalen Pfad durch ein wahres Obst-Paradies: Ananaspflanzen mit ihren stacheligen Kronen, schwere Mangos, reife Guaven und Bananenstauden, die sich unter ihren Früchten biegen. Es duftet süß und tropisch, als würde der Wald uns persönlich einladen.

    Zwischendurch bleibt Kelvin stehen, pflückt ein paar Blätter und reibt sie zwischen den Fingern. „Lemongras“, sagt er mit einem Grinsen und hält uns die frischen, zitronig duftenden Blätter unter die Nase. Der intensive, frische Duft steigt sofort auf – pure Karibik in der Hand.

    Am Ende des Pfades taucht Leslie’s Bush Bar auf – eine urige, offene Hütte mitten im Grünen, die aussieht, als hätte sie der Wald selbst gebaut. Dort gönnen wir uns einen ordentlichen Rum-Drink, frisch, stark und mit genau dem richtigen karibischen Kick. Wir sitzen da, lassen die Beine baumeln und spielen noch eine schnelle Runde Domino. Die Steine knallen laut auf den Holztisch, es wird gelacht, geflucht und ordentlich angegeben – typisch dominicanisch.

    Viel zu schnell geht’s zurück ins Boot. Kelvin rudert uns durch das Mangroven-Labyrinth wieder hinaus aufs offene Meer, wo unser Schiff geduldig am Anker wartet.
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