• Tage 27, 28, 29: Bergen

    May 14 in Norway ⋅ ☁️ 8 °C

    Die Anreise nach Bergen fanden wir recht spannend: Wieder durch unzählige Tunnels, über viele Brücken und eine Fahrt mit der Fähre machten die 139 km recht abwechslungsreich. Kurz vor Bergen gibt es eine Station zum Gasflaschen nachfüllen, Ver- und Entsorgen, eine Tankstelle, 2 Supermärkte (Kiwi und Spar) und sogar eine Wohnmobilreparaturwerkstatt, alles auf dem gleichen Areal. So haben wir unsere Gasflaschen auffüllen können, die werden wir nämlich bei diesen Temperaturen noch dringend brauchen. Selbstverständlich haben wir auch alles andere Wohnmobilnotwendige erledigt.

    Dann kamen wir nach Bergen.
    Bergen, die „Stadt zwischen den sieben Bergen“, ist weit mehr als nur das Tor zu den norwegischen Fjorden. Mit rund 290.000 Einwohnern ist sie die zweitgrößte Stadt des Landes und blickt auf eine stolze Geschichte zurück, die bis zur Gründung im Jahr 1070 durch Olav Kyrre reicht. Einst war sie ein mächtiges Zentrum der Hanse, wovon das hölzerne Viertel Bryggen heute noch als UNESCO-Welterbe eindrucksvoll zeugt. Doch wer Bergen besucht, muss sich auf eine klimatische Besonderheit einstellen: Mit fast 240 Regentagen im Jahr gilt sie als eine der regenreichsten Städte Europas. Diese feuchte Frische sorgt allerdings auch für das üppige Grün, das die dramatische Küstenlage so einzigartig macht. Hier trifft hanseatisches Erbe auf moderne norwegische Lebensart – eine Kulisse, die einen trotz der tief hängenden Wolken immer wieder staunen lässt.

    Doch Bergen empfängt einen nicht immer mit offenen Armen – manchmal ist es erst einmal eine geschlossene Schranke. Wer mit dem Camper reist, merkt schnell: Die Stadt ist wunderschön, aber ihre Parkplatzpreise sind es nicht. Unsere Basis für zwei volle Tage war daher so unkonventionell wie praktisch: IKEA Åsane. 15 Kilometer außerhalb, aber mit einer exzellenten Busverbindung in die City. Der Plan war perfekt: Montagabend ankommen, parken, kurz stärken. Doch die Realität sah anders aus: Die Mitarbeiter des IKEA-Restaurants streikten. Statt Köttbullar gab es also eine erste Lektion in norwegischer Arbeitsmarktpolitik.
    Für die Erkundung der Stadt war die Bergen Card unser bester Verbündeter. Mit ca. 55 € pro Person für 72 Stunden ist sie zwar kein Schnäppchen, aber ein echtes „Enabler-Tool“, mit dem man Museen, Busse und Bahnen abdeckt und die Parkplatzsorgen einfach weit vor den Toren der Stadt lässt.

    Unser erster Tag in Bergen war ein Wechselspiel aus kulturellen Hürden, kulinarischem Stress und abgebrochener Wanderung: Das Freilichtmuseum Gamle Bergen, das wir gleich in der Früh besuchten, enttäuschte leider ein wenig, da vieles noch im Winterschlaf war. Also suchten wir das Weite und fuhren mit der Seilbahn auf den Ulriken. Wir hatten eine lange Wanderung geplant und mussten uns natürlich vorher etwas stärken, was gar nicht so einfach war. Die Annahme, dass an der Talstation der Ulrikenbahn ganz sicher ein Café sei erwies sich als irrig. Aber ganz in der Nähe liegt die Bergener Klinik. Und dort gab es dann doch noch ein erstaunlich gut sortiertes Café.
    Gut gestärkt machten wir uns dann auf zum Ulriken, Mit seinen 643 Metern ist er der höchste der sieben Berge rund um Bergen und bietet ein Panorama, das bei gutem Wetter bis weit hinaus auf das offene Meer reicht. Die dort geplante lange Wanderung fiel allerdings der Kälte und – Hand aufs Herz – dem falschen Schuhwerk zum Opfer.
    Stattdessen wählten wir den direkten Weg ins Tal: 1330 Stufen, von nepalesischen Sherpas meisterhaft aus Stein geschlagen. Ein Wadentraining, das man so schnell nicht vergisst!

    Zurück in der Stadt hieß es weiter improvisieren, da das Kunstmuseum KODE wegen Umstrukturierung geschlossen hatte. Nach einem Info-Stopp in der Markthalle widmeten wir uns den Klassikern: dem Fischmarkt und Bryggen.
    Der traditionsreiche Fischmarkt liegt direkt am Hafenbecken und ist seit Jahrhunderten der zentrale Treffpunkt für Einheimische und Reisende. Hier gibt es alles an Fisch, was dein Herz begehrt. Schon das Durchspazieren ist ein einziger Augenschmaus.

    Die farbenfrohen Häuser von Bryggen sind das pulsierende Herz von Bergen und gehören nicht ohne grund zum Unesco Welterbe.
    Das Souvenir-Highlight war ein echter Norwegerpulli, der mich künftig vor der norwegischen Kälte schützen muss.

    Am Abend wollten wir noch essen gehen, der Streik im Gastgewerbe machte uns die Suche aber schwer. Doch wir fanden schließlich in den historischen Mauern von Bryggen ein ausgezeichnetes Restaurant, das den Tag perfekt abrundete.

    Der zweite Tag begann im Bryggens Museum. Während die Dauerausstellung nichts Besonderes war, war die dortige Teppich-Ausstellung absolut beeindruckend. Die norwegische Textilkünstlerin Ragna Breivik verband meisterhaft traditionelle Webtechniken mit modernem künstlerischem Ausdruck. In über 25 Jahren intensiver Arbeit schuf sie die monumentale Serie Åsmund Frægdagjeva, welche die Geschichte einer mittelalterlichen Ballade erzählt. Ihre faszinierenden Werke schöpfen aus der norwegischen Natur sowie der Volkskunst und zeichnen sich durch eine völlig einzigartige, erzählerische Bildsprache aus.

    Danach ging es mit der Fløibanen auf den Hausberg Fløyen. Zusammen mit vielen anderen Tourist*innen genossen wir den wunderbaren Blick über die Stadt und den Fjord, bevor wir erneut zu Fuß den Abstieg antraten.
    Wieder auf Meereshöhe ließen wir uns durch das charmante Viertel Skostredet treiben und gönnten uns in einem tollen, wenn auch stolz bepreisten Schokoladenlokal eine heiße Schokolade als Belohnung. Über das malerische Knøsesmauet spazierten wir schließlich zur Festung Bergenhus, nur um – wie sollte es anders sein – vor verschlossenen Toren zu stehen.
    Erschöpft und auch ein wenig enttäuscht von den vielen geschlossenen Türen kehrten wir Bergen am späten Nachmittag den Rücken. Eine letzte Nacht auf dem bewährten IKEA-Parkplatz schloss den Kreis. Bergen fordert einen heraus, bietet aber Momente des echten Staunens – man muss sie nur zwischen Regenschauern, verschlossenen Türen und Streikposten finden.
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