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  • Jan21

    Du machst Dir (k)ein Bild

    January 21 in Thailand ⋅ ☀️ 28 °C

    Hurra, es rollt wieder. Die Beine sind gut im Tritt, auch nach über einem Monat Fahrradpause, nur der ayurvedisch-weichgeknetete Hintern stellt sich an, als wäre er ein Newbie im Sattel. Vaseline mit Aloe scheint mir einen Versuch wert.

    Die Berge Nordthailands punkten derweil mit Höhenmetern. Gestern ein welliger Anstieg von 1.200 Metern aufwärts auf 14 km Strecke - nicht ohne. Es schlängelte sich ein tiptop Asphaltband mitten durch den Dschungel, und ich schlängelte auch öfter mal. Kaum Autos, nur ein paar Hütten der Hilltribes ab und an, handtellergroße Schmetterlinge, und oben auf dem Pass die leckerste Nudelsuppe der Welt, mit reichlich Endorphinen als Geschmacksverstärker. Da kann Glutamat einfach nicht mithalten.

    Ich würde Euch gern ein paar schönere Bilder schenken, aber es hat schon Haze, die Dunstglocke aus nicht heruntergeregneten Dreckspartikeln, Noch nicht so schlimm, wie es im März/April wohl hier in der Gegend sein kann, wenn wegen der schlechten Sichtverhältnisse schon mal die Flughäfen geschlossen werden müssen, aber doch so, dass die Berge ab zweiter Reihe eher aussehen wie die verblichene Fototapete im elterlichen Partykeller. Da braucht man kein Feinstaubmessgerät, da wünscht man sich, jemand würde die Milchglasscheibe aus der Aussicht nehmen. Die Thailänder maskieren sich auf ihren Mopeds, als wären sie unterwegs eine Bank zu überfallen, und ich versuche möglichst wenig darüber nachzudenken, was ich so alles einatme.

    Fotos sollen ja was hermachen, wir sind verwöhnt. Wenn schon die anderen Sinne nicht bedient werden, dann muss die Optik zumindest üppig und satt sein, bunt, kontrastreich, und für Eilige ‚automatisch verbessert‘. Ich geb zu, ich nutze die Funktion auch meistens. Lese gerade in einem sehr netten, wenn auch leicht geschwurbelten Büchlein über die Kulturgeschichte und Philosophie des Reisens aus dem Zeit-Verlag, wo die Anmerkung fiel, dass Urlauber zunehmend ihrer Enttäuschung Luft machen, wenn die Wirklichkeit mit den Instagram-Bildern nicht mithalten kann. Die armen Reiseveranstalter.

    In Chiang Mai gab es haufenweise Kontaktlinsen zu kaufen, die die Pupillen größer aussehen lassen, und ähnliche Gimmicks. Vielleicht wird man ja bald auch eine Linse entwickeln, die einem gleich ein bisschen die Aussicht pimpt.

    Und ich Lusche muss auf der nächsten Reise dringend einen ambitionierten Fotografen mitnehmen, der diesen Part des Reiseberichts übernimmt - ich vergesse es oft einfach. Wie heute früh auf dem riesigen Tuesday Morning Market in Chiang Dao, wo sich einmal pro Woche die Menschen der verschiedenen Bergvölker aus der ganzen Region treffen und es zum Gänsehauthaben quirlig war. Die Frauen der Karen und der Akha in ihren Trachten, die Kinder alle bis über beide Ohren in bonbonfarbenen Fleeceanzügen. Nichts, was es nicht zu kaufen gäbe, und vermutlich ist es auch eine gigantische Klatsch-, Tratsch und Heiratsbörse. Alles wuselte, und wenn ich nicht gerade zurückgelächelt hab, stand mein Mund wohl die meiste Zeit staunend offen. Dass ich auch mal die Kamera hätte zücken können ist mir zehn Kilometer weiter erst in den Sinn gekommen.

    Die innere Kamera hingegen ist immer eingeschaltet, mein Herz dreht wohl gerade den Film seines Lebens.

    Und Ihr stellt es Euch einfach vor. So bunt wie möglich.
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