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  • Day329

    It’s about people

    August 6, 2019 in Germany ⋅ ⛅ 20 °C

    Langsam aber sicher finde ich in meine Spur zurück. Träume nicht mehr wilde, verwirrende Sabbatjahrträume. Öffnet sich mein Herzchen wieder für die geliebten Dinge der Heimat. Beruhigt sich mein Köpfchen. Gewöhnt sich mein Magen an das deutsche Essen und meine Haut an die deutsche Temperatur.
    Ich bin überm Berg.
    Fürs erste ;)
    Ich genieße die Tage in München mit unseren großartigen Freunden, die einem das Heimkommen absolut erleichtern.
    Felix und ich schlendern durch München und zum ersten Mal sehe ich diese Stadt aus den Augen eines Touristen. Was für schöne, bunte, alte Häuser da stehen. Vor diesen imposanten Kirchen hätten wir in jedem anderen Land der Welt sicherlich ein Selfie gemacht. Wir gehen in einen Buchladen am Marienplatz und ich schmökere im Lonely Planet Deutschland. Ich habe in meinem Leben schon so unglaublich viele Reiseführer durchgelesen und was mich stets am meisten interessierte: was steht da über die Kultur und die Verhaltensweisen der Einheimischen? Und jetzt sitze ich da und lese über die Deutschen.
    Fanatische Müllsortierer, die einen festen Händedruck und im Frühling eine Spargel-Obsession haben, ihre Autobahn lieben, morgens ausgiebig frühstücken und nachmittags gerne Kaffee und Kuchen zelebrieren.

    Die deutsche Kultur bekommen wir danach in ihrer vollen Pracht am eigenen Leib zu spüren: Wir sind mit „Locals“ im Biergarten. Dieses Mal sind diese Locals unsere Freunde, mit denen ich schon oft in die bayrische Kultur abtauchen durfte. Selten jedoch habe ich sie so intensiv wahrgenommen wie jetzt: der ganze Biergarten voller Dirndl und Lederhosen. Dazu eine Schlager-Cover-Band. „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben...“
    Charly erklärt mir, dass man zu
    Schlager schunkeln darf, aber nicht zu Volksmusik. Ich lerne, was ein Steckörlfisch ist und dass er mit zwei kleinen Holzgabeln gegessen wird. Bier gibts natürlich nur aus dem Maßkrug. Und meine geliebte Brezel wird hier Brezn, Brezal oder Breze genannt, rügt mich Charly.

    Jo Mei. Kultur vom Feinsten.
    Man muss eigentlich gar nicht so weit wegfliegen, um abzutauchen. Man muss nur mit offenen Augen herumlaufen, dann ist selbst die Heimat ein kulturelles Spektakel. „Oans, Zwoa, Drrrei, Gsuffa!“

    Bevor wir dann endgültig nach Ravensburg zurückkehren, machen wir noch einen Stopp bei Max und Linda, die gerade in Lindau campen.
    Flashback Nummer 1: die Deutschen lieben Campen, auch wenn eng auf eng wie die Sardinen in der Dose.
    Flashback Nummer 2: Was für eine Naturschönheit ist dieser Bodensee denn bitte?

    Mit der gewohnten Lockerheit verbringen wir den Abend mit den Miehles bei einem gscheiten Veschper und viel Bier. Es ist, wie es immer ist. Es ist, als wären wir nie weg gewesen. Eigentlich auch ganz schön, denke ich mir. Das Sabbatjahr ist einfach wie ein unheimlich wertvoller Schatz, den Felix und ich in uns tragen. Mit dieser Sichtweise im Hinterkopf (anstatt: Oh mein Gott, es fühlt sich an, als wäre die Reise nie passiert) ist es einfach nur schön, dass es einem mit guten Freunden so vorkommt, als hätte man sich gestern noch gesehen.
    Genau so herzlich werden wir auch von Frank und Frieda begrüßt, die wir in Kressbronn auf einen Kaffee besuchen.
    Ein Hoch auf diese wunderbare Freundschaften!
    Das herzliche Willkommenheißen geht dann in Ravensburg direkt weiter. Wir schlafen erst bei meiner tollen Evi und dann bereits in unserem Haus (jedoch noch nicht in unserer Wohnung) bei Jojo und Feli, wo ich dann auch endlich mal wieder Sveni in die Arme schließen darf. Auch als wir meine Mama, meine Oma, meinen Bruder und Maike treffen, fühlt es sich an wie immer. Gut. Sehr gut.
    Überall Gastfreundschaft. Überall Freude über das Wiedersehen. Überall Liebe.
    Weicher kann einem die Landung nicht gemacht werden.
    Mit dem Magen voller Wurstsalat, Bratkartoffeln, Dinnete, Hefeweizen und Most (ach was habe ich das deutsche Essen vermisst!) fahren wir dann nochmal zurück nach München, weitere Freunde treffen. Weitere warme Umarmungen spüren. Weitere vertraute Stunden verbringen. Weiter Ankommen.

    Bevor wir dann endgültig nach Ravensburg fahren, um in unsere alte Wohnung einzuziehen, besuchen wir noch unsere Freunde Simon und Eli in Tübingen, die gerade da stehen, wo wir vor einem Jahr standen. Für sie ist es der Anfang und für uns das Ende einer großen Reise. Sie starten übermorgen in ihr Sabbatjahr. Was für ein verrücktes Gefühl, ihre Weltkarte an der Wand zu sehen, die vollgepinnt ist mit Orten, die sie gerne bereisen wollen. Orte, die bei uns nun bereits mit Emotionen, Bildern, Geschichten und Gerüchen belegt sind.
    Wir verbringen einen wundervollen Abend mit den zweien. Lustig, entspannt und unglaublich vertraut. Menschen, die einen gut und lange kennen. Menschen, bei denen man sich fallen lassen kann. Menschen, wegen denen man sich auf das Heimkommen freut.

    Und dann ist es endendendgültig soweit. Wir fahren das letzte Stück. Von Tübingen nach Ravensburg. Was für eine bezaubernde Landschaft.
    Als wir kurz vor Berg sind und man einen wunderschönen Ausblick auf das Schussental hat, erinnere ich mich an einen Ausspruch meiner Oma, den sie vor einiger Zeit beim Heimfahren genau an dieser Stelle gesagt hat:
    „Hach! S‘ hoimelet!“
    Wie recht sie mal wieder hat!

    Wir fahren am Ortsschild vorbei. Ravensburg. Wir biegen in die Schützenstraße ein. Wir laufen in unsere Wohnung, wo uns ein fremder Geruch entgegenkommt.
    Wie lange es wohl dauern wird, bis diese Wohnung wieder nach uns riecht? Die Räume wirken fremd und leer.
    Als wir das Zimmer betreten, in das wir unser ganzes Gerümpel untergestellt haben, falle ich fast rückwärts wieder heraus. Warum haben wir so viel Zeug? Wer zur Hölle braucht das alles? Und wofür? Im letzten Jahr sind wir doch super mit den paar T-shirts und Hosen in unserem Rucksack ausgekommen.
    Der viele Besitz ist erstmal ein richtiger Ballast. Uns wird ganz schwer ums Herz.

    Erstmal Türe wieder zu, so tun als hätten wir nix gesehen und hoch zu Jojo, die uns wie immer mit offenen Armen, Kaffee und Kuchen empfängt. Sie beruhigt uns und schlägt vor, dass wir uns ganz viel Zeit lassen sollen. Bloß it hudla!
    Also entscheiden wir uns, am nächsten Tag an den Bodensee zu fahren, um mit unserem Freund Benny zu segeln. Ach wie schön gewohnt sich das anfühlt: Rucksack packen, raus und die frische Luft um die Nase spüren.

    So ziehen wir nach und nach wieder in unsere Wohnung ein. Ganz nach unserem neuen Motto, das wir aus dem Sabbatjahr mitnehmen wollen: Probier’s mal mit Gemütlichkeit ;)

    Verschiedene langersehnte Treffen folgen. Ein (nicht nur kulinarisches) Highlight ist der Saure-Käs-Abend bei meinem Papa und Marion. Wer den weltbesten Sauren Käse noch nicht kennt, melde sich bei mir und ich leite an meinen Dad weiter ;)

    Mit meiner Cousine Anne spaziere ich den zauberhaft romantisch verwilderten Serpentinenweg zur Veitsburg hoch, genieße die Sonne über und die Vertrautheit zwischen uns.

    Wieder einmal mehr wird mir bewusst, wie wichtig Freunde und Familie im Leben sind. Was wäre das Leben ohne diese vertrauten Seelen? Da kann einem das Leben noch so fies reingrätschen - wenn man von den richtigen Leuten umgeben ist, ist alles nur halb so schlimm und ist alles doppelt so schön. Oder wie unser lieber Freund Max sagen würde: „Wir lassen uns einfach konsequent die Laune nicht verderben.“
    Es sind die Menschen, die mein Leben lebendiger und erfüllter machen. Von ihnen bekomme ich Halt und Sicherheit. Durch sie ist das Leben so wundervoll interessant. Manchmal kennen sie mich sogar besser, als ich mich selbst. Auch wenn es manchmal schwer zu schlucken ist, ist es unglaublich wertvoll, von diesen Menschen einen Spiegel vorgehalten zu bekommen.

    Ich kann mich so glücklich schätzen, dass ich Menschen an meiner Seite habe, die allesamt unglaublich lieb sind. Jeder auf seine Art. Die Deutschen werden vom Rest der Welt oft als kühl und distanziert beschrieben. Wie oft habe ich Menschen, die ich auf der Reise getroffen habe, gesagt, dass dies vielleicht als pauschalisierendes Stereotyp stimmt, sicherlich aber nicht für die Menschen um mich herum gilt.

    Es sind die Menschen, die das Leben schön machen.
    Es sind die Menschen, die das Reisen schön machen.

    Meine Freundin Charly meinte neulich, dass ihr auffiel, dass man in meinen Reise-Berichten viel über die Geschichte, Kultur und Politik der Länder durch die Beschreibung einzelner Personen lernt. Einzelne Personen, die ich kennen gelernt habe und die mir ihre Geschichte erzählt haben. Die mir ein Tor zu ihrer Kultur waren. Die mir einen Einblick in ihr Leben gewährt haben.
    Menschen als Sprachrohr.

    Und jetzt sitze ich da, lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen, lese meine eigenen Worte, kann kaum fassen, dass dies mein letzter Bericht der Endless-Summer-Tour ist und freue mich gleichzeitig über die Großartigkeit der Menschheit.

    Ich will diesen Blog mit den so wahren und passenden Worten Charlys schließen:

    It’s about people.
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