• Betrachtungen

    8. januar 2024, Spanien ⋅ 🌙 5 °C

    Am Ende dieses Reiseabschnittes erlaube ich mir ein wenig Besinnung auf das Warum.
    Dies ist meine vierte Fahrradtour von mehr als 500 km seit 2002. Diese Art des Reisens habe ich also erst mit Mitte vierzig für mich entdeckt; sie hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Reisen an sich war immer mein Ding, das Weg vom Alltag, das Entdecken des Neuen, Unbekannten. Ich hatte auch nie Probleme damit, wenn der Verdacht in den Raum gestellt wurde, ich liefe vor Problemen davon. So what? Why not? Walking away from the troubles in my life - das ist O.K. für mich. Manche Probleme sind dann halt noch da, wenn ich wiederkomme, andere haben sich erledigt. Aber das Reisen ermöglicht mir Abstand, den Perspektivwechsel, erweitert meinen Tunnelblick, befreit mich von meiner einflussreichen Umgebung, die mich immer nur so wahrnimmt, wie ich war, nicht wie ich jetzt, heute bin oder anfange zu werden. Andere Menschen ermöglichen mir einen neuen Spiegelblick, sehen mich neu, interpretieren mich aktuell. Und darin liegt für mich immer auch etwas Erkenntnisgewinn: Aha, so bin ich ergo auch!
    Längere Reisen verändern dich auf die eine oder andere Weise immer. Wer so bleiben will, wie er ist, wer Angst vor der Veränderung hat, reist nicht, sollte vielleicht sogar nicht reisen, sonst passt er hernach nicht mehr ins bewährte Gefüge.
    Zuhause habe ich Schwierigkeiten mich zu motivieren, die Perspektiven sind so ermüdend, Alltag hat selten konkrete Ziele, ist Wiederholung. Aber wenn ich reise, verspüre ich Motivation. Ich plane lustvoll, reise vorab in Gedanken, male mir innere Bilder, bunt und reizvoll und das steigert meine Neugierde. Mich packt Reisefieber, ein Gedanke wird Wirklichkeit, etwas, dass ich sonst nur bei der Gründung meiner Unternehmen verspürt habe.
    Reisen hat etwas Kreatives, Reisen bildet eine erweiterte Wahrnehmung der Welt: wie soll man sich etwas vorstellen, dass man nie gesehen hat? Kann man einem Blinden die Farbe Rot erklären? Wir können uns nur etwas vorstellen, wenn wir es gesehen haben, oder zumindest etwas Ähnliches. Wir vergleichen, das innere Bild einer Beschreibung misst sich am bereits Gesehenen. So erweitert Reisen meine Vorstellungskraft.
    Aber Reisen ist ein tagtägliches Ding. Jeden Morgen dieser Radreise WILL ich reisen, ich will los, das Ziel ins Auge fassen und wenn ich es erreicht habe, erfüllt mich Genugtuung, es bestätigt meine Potenz. Ich alleine habe es mir vorgenommen und ich habe es geschafft. Jeden Tag. Ich glaube nicht, dass Autofahren mir diesen Kick verschaffen kann.
    Ich sehe diese tägliche Motivation rein positiv, daran ist nichts Schlechtes. Es ist Optimismus pur: das werde ich schaffen! Und ich schaffe es, erarbeite es mir. Regen, Gegenwind, Kälte, Steigungen, platte Reifen und abgesprungene Ketten, rücksichtslose Autofahrer et cetera p.p. - all das hält mich nicht auf und ab. Und auch in diesen Bewältigungen liegt Befriedigung, denn ich schaffe es, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, darauf, voran zu kommen, trotz allem das Schöne um mich zu sehen und für die Freundlichkeit der Fremden offen zu bleiben. Ich starre nicht stur auf meinen Lenker und den Asphalt vor meinem Vorderrad, sondern hebe meinen Blick und staune, denn das Faszinierende ist allerorten. Die Grünen Papageien in und um Barcelona, die Vielfalt der Architektur und der Menschen in dieser Stadt (letzteres erinnert mich an zuhause). Das Sprachengewirr, die unbekannten Köstlichkeiten in den Auslagen, die Gerüche aus den Küchen und Strassenständen, die Strassenmusiker, die Flamenco auf der Gitarre spielen und dazu singen, der salzige Geruch des Meeres...all das macht die Faszination aus. Mir ist das Abklappern der Sehenswürdigkeiten nicht so wichtig, wie dieses lebendige Bild, dieser Gesamteindruck eines Ortes.
    Das Tempo des Radreisens hilft bei der Wahrnehmung, denn die Seele kommt mit. Die Landschaft rast nicht an mir vorbei, ich bin ansprechbar, ich verberge mich nicht hinter einem Helm und belästige niemanden mit Motorenlärm und Abgasen. Ich bin ein gutes Beispiel und kein schlechtes. Würden mehr Menschen auf diese Art Reisen...Während meiner Art der Fortbewegung höre ich das Rauschen der Bäume, das Zwitschern der Vögel und ich rieche die Luft, Ich muss nicht nach Parkplätzen suchen und bin nicht Teil von Staus und Blechlawinen. Ich sehe die Gesichter und man sieht meines und ein Gespräch entwickelt sich manchmal im Fahren.
    Nach dem Reisen bin ich eine Zeitlang erfrischt, erneuert, nicht nur erholt (manchmal gar nicht erholt), sondern belebt. Und oft sehe ich dann auch wieder die Schönheit in all den Selbstverständlichkeiten zu Hause wieder.
    Læs mere