• Zu Gast bei Königen und Legenden

    August 2 in Germany ⋅ 🌙 25 °C

    Als die Sonne langsam hinter den Türmen des Wormser Doms versank, öffneten sich für uns die Tore zu einer Welt, in der Geschichte und Legende miteinander verschmelzen. Bereits der Empfang im Garten war ein Versprechen auf einen besonderen Abend. Ein Glas Sekt zur Begrüßung, entspannte Gespräche unter alten Bäumen und die Vorfreude, die mit jedem Augenblick ein wenig größer wurde.

    Während sich der Großteil der Besucher auf den hölzernen Tribünen niederließ, durften wir auf komfortablen Sitzen Platz nehmen. Fast fühlte es sich an, als hätte man für die Königswölfe einen kleinen VIP-Bereich geschaffen. Bequemer lässt sich eine Reise in das Reich der Nibelungen kaum antreten.

    Dann wurde es still.

    Mit den ersten Tönen der Musik erwachte die Bühne zum Leben. Sie drehte sich unaufhörlich und ließ neue Bilder entstehen, als würde sich das Rad der Geschichte selbst weiterdrehen. Eine moderne Band in historischen Gewändern schlug die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Zwei Sänger verliehen der Inszenierung eine ungeheure emotionale Kraft, während die Schauspieler ihre Figuren nicht spielten – sie lebten sie.

    Kriemhild. Siegfried. Hagen. Etzel.

    Namen, die seit Jahrhunderten durch die deutsche Sagenwelt hallen, standen plötzlich aus Fleisch und Blut vor uns. Das Stück erzählte die Nibelungensage modern, mutig und überraschend unterhaltsam. Kein verstaubtes Historientheater, kein übertriebener Kitsch. Stattdessen kluge Dialoge, feiner Humor, beeindruckende Bilder und eine Inszenierung, die uns vom ersten bis zum letzten Moment in ihren Bann zog.

    Die Grenzen zwischen Bühne und Wirklichkeit verschwammen. Für einige Stunden waren wir keine Zuschauer mehr, sondern Gäste am Hof der Burgunder und im Reich der Hunnenkönigin.

    In der Pause wechselten wir selbst die Rollen. Standesgemäß zogen wir in die Weinlounge, stärkten uns mit einem guten Tropfen und kleinen Köstlichkeiten und genossen das höfische Leben, wie es sich für Königswölfe eben gehört. Ringsum wurde angeregt über das bisher Erlebte diskutiert, während der Dom im Abendlicht eine fast magische Kulisse bildete.

    Als der zweite Teil begann, zog uns die Geschichte erneut in ihren Sog. Viel zu schnell fiel der letzte Vorhang. Der Applaus wollte kaum enden und wir erhoben uns gemeinsam mit hunderten begeisterten Besuchern. Es war einer dieser seltenen Abende, an denen einfach alles zusammenpasst: eine außergewöhnliche Spielstätte, eine mitreißende Inszenierung und das Gefühl, Teil von etwas Besonderem gewesen zu sein.

    Die Hunnenkönigin hatte uns empfangen – und wir verließen ihren Hof mit dem sicheren Gefühl, einen der schönsten Theaterabende der letzten Monate erlebt zu haben.
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