• L’Aquila: Zwischen Prachtmeile und Geisterstadt

    September 23 in Italy ☀️ 18 °C

    Mir wurde empfohlen, auf jeden Fall L’Aquila zu besuchen. Es hieß, die Stadt sei nach dem Erdbeben bereits schön restauriert. Außerdem gibt es dort einen Waschsalon – und da ich eine ordentliche Ladung Wäsche habe, bietet sich ein Besuch an.

    Ich suche mir einen Parkplatz an einer Kirche, bei der auf Google Maps noch alles nach Baustelle aussah. Vor Ort zeigt sich: Die Arbeiten sind bereits voll im Gange, überall stehen Baufahrzeuge. Zwischen den Lastern finde ich trotzdem ein Plätzchen. Man könnte dort sicher auch übernachten, aber ich werde später wohl weiterfahren.

    Der anschließende Gang durch die Stadt wird für mich zu einem extremen Wechselbad der Gefühle. Der Wiederaufbau nach dem verheerenden Erdbeben von 2009 hat L’Aquila spürbar in zwei Welten geteilt. Die Hauptachsen und Prachtplätze wurden mit enormem Aufwand saniert. Entlang der langen Einkaufsstraße, dem Corso Vittorio Emanuele, reiht sich Laden an Laden. Die perfekt restaurierten Fassaden wirken hell und sauber – fast schon ein bisschen wie eine Mischung aus Ku’damm und Kö, wo sich die Parfümerien olfaktorisch übertrumpfen wollen. Diese glänzende Visitenkarte brauche ich auf meinen Reisen eigentlich nicht.

    Zumal das Bild trügt. Biegt man nur eine Straße weiter in die Seitengassen ab, steht man unvermittelt in einer Art Geisterstadt. Hier ist noch unendlich viel zu tun und die Wunden des Bebens sind völlig offen: Die schmalen mittelalterlichen Gassen, die ich in den Abruzzen sonst so liebe, beeindrucken mich hier kaum. Ganze Häuserzeilen werden von schweren Holz- und Stahlkonstruktionen gestützt, Fenster sind vernagelt und Schilder warnen vor Einsturzgefahr.

    Weil der Wiederaufbau der privaten Wohnhäuser in den Gassen so schleppt, fehlt abseits der Flaniermeilen das alltägliche Leben. Alles wirkt weiterhin beschädigt oder im Wartestand. L’Aquila bewegt sich aktuell in einem Zustand zwischen sichtbarer Wiedergeburt und offenem Trauma – ein Ort, der gleichzeitig beeindruckt und bedrückt. Vielleicht komme ich in zehn Jahren noch einmal vorbei, um zu sehen, wie sich diese Stadt im Übergang weiterentwickelt hat.
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