• Eintracht Frankfurt - HSV

    May 5, 2018 in Germany ☀️ 20 °C

    Mit der Familie meiner damaligen Partnerin ging es nach Frankfurt ins Waldstadion. Gegner war der HSV – und der stand mal wieder kurz vor dem Abstieg.

    Eigentlich war das beim HSV zu diesem Zeitpunkt schon fast Tradition. Über Jahre hatte sich die Mannschaft immer wieder in eine Situation manövriert, in der der Abstieg unmittelbar bevorzustehen schien. Und doch hatte sich der HSV bislang immer irgendwie gerettet – zur Not eben über die Relegation. Der Dino war schließlich „unabsteigbar“.

    Wie passend also, dass ich vor dem Stadion mit zwei HSV-Anhängern ins Gespräch kam. Während die Hamburger auf dem Papier allen Grund zur Sorge hatten, waren die beiden erstaunlich gelassen und optimistisch. Von Abstiegsangst keine Spur. Im Gegenteil: Sie schienen fest davon überzeugt, dass ihr HSV auch dieses Mal irgendwie die Kurve bekommen würde.

    Sie schenkten mir sogar ein paar Szenen-Aufkleber. Einer davon trug die Aufschrift: „unabsteigbar“.

    Im Nachhinein hätte dieser Aufkleber kaum passender und gleichzeitig ironischer sein können.

    Im ausverkauften Waldstadion entwickelte sich zunächst ein durchaus offenes Spiel. Frankfurt hatte zwar mehr Zug zum Tor, der HSV hielt aber ordentlich dagegen. Nach einer halben Stunde war es dann Marius Wolf, der die Eintracht in Führung brachte. Sébastien Haller setzte sich im Angriff gut durch und schickte Wolf in die Tiefe. Der blieb vor Julian Pollersbeck cool und tunnelte den HSV-Torhüter zum 1:0.

    Der HSV war damit noch lange nicht geschlagen. Tatsächlich hatte Hamburg über weite Strecken sogar mehr Ballbesitz und kam immer wieder zu Möglichkeiten. Kurz vor der Pause wurde sogar ein Treffer von Tatsuya Ito wegen Abseits aberkannt.

    Das war auch der Augenblick als der Gästeblock die Nerven verlor und Bierbecher in die benachbarten Heimblöcke geworfen wurden. Ein Becher verfehlte uns nur knapp und mich trafen ein paar Tropfen seines Inhalts, bei dem es sich hoffentlich um Wasser oder Bier handelte. Wüste Pöbeleien und Halsabschneider-Gesten untermalten diesen dunklen Moment der hanseatischen Fankultur.

    In der zweiten Halbzeit versuchte der HSV noch einmal alles und wechselte mit Luca Waldschmidt und Filip Kostić gleich doppelt. Doch Frankfurt verteidigte konzentriert und wartete auf die Gelegenheit, das Spiel zu entscheiden.

    Die kam in der 77. Minute. Nach einem Angriff über Mijat Gaćinović landete der Ball bei Omar Mascarell, der aus rund 13 Metern abzog. Der Schuss wurde noch abgefälscht und schlug im Winkel ein – 2:0.

    Damit wurde es für den HSV richtig eng.

    Und dann kam in der 87. Minute noch einer, auf den die Frankfurter besonders gewartet hatten: Alexander Meier. Der „Fußballgott“ wurde unter großem Jubel eingewechselt und bekam noch einige Minuten auf dem Platz.

    In der Nachspielzeit setzte er dann tatsächlich noch den Schlusspunkt. David Abraham flankte von rechts butterweich in den Strafraum, und Meier vollendete per Volleyschuss zum 3:0.

    Das war der Moment, als sich die wütenden Gesichter der harten Jungs im Gästeblick mit Tränen überströmtem. Ihnen musste nun klar geworden sein, was passieren würde.

    Frankfurt gewann also deutlich, während der HSV weiter um seine letzte Chance auf den Klassenerhalt kämpfen musste. Eine Woche später gewann Hamburg zwar noch 2:1 gegen Gladbach, doch es reichte nicht mehr. Der HSV stieg erstmals in seiner Vereinsgeschichte aus der Bundesliga ab.

    Und so musste ich später tatsächlich noch einmal an die beiden Hamburger vor dem Stadion denken. An ihre Gelassenheit. An ihren Optimismus. Und natürlich an den Aufkleber, den sie mir geschenkt hatten.

    „Unabsteigbar.“

    Am 5. Mai 2018 war dieser Satz im Frankfurter Waldstadion schon ziemlich ironisch. Eine Woche später war er endgültig Geschichte.
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