„Schlag!“ – Das Last-Minute-Tor gegen Hoffenheim
December 5, 2008 in Germany
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Es war mehr als nur ein Fußballspiel. Als die TSG 1899 Hoffenheim am 5. Dezember 2008 zum ersten Mal in einem Bundesliga-Pflichtspiel beim FC Bayern München antrat, war die Rollenverteilung plötzlich eine andere als erwartet.
Der Aufsteiger aus dem Kraichgau stand sensationell an der Tabellenspitze, während der deutsche Rekordmeister mit drei Punkten Rückstand auf Platz zwei lag. Der überraschende Erfolg hatte Symphatien auch weit über die Grenzen des Kraichgaus geweckt und so bemerkte ich argwöhnisch, dass so mancher in meinem Freundeskreis nun ein Hoffenheim-Wappen als Handybild hatte und sogar in meiner fränkischen Heimat jetzt ein einheimisches Auto mit diesem Wappen auf der Motorhaube durch die Stadt fuhr.
Ausgerechnet Hoffenheim, erst wenige Monate zuvor in die Bundesliga aufgestiegen, kam als Spitzenreiter in die ausverkaufte Allianz Arena. 69.000 Zuschauer wollten miterleben, ob der Underdog auch in München bestehen konnte.
Die Brisanz des Duells war auch abseits des Platzes zu spüren. Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hatte bei der Jahreshauptversammlung mit einer Spitze gegen den jungen Klub für Aufsehen gesorgt und gefragt, wo Hoffenheim sich denn die vergangenen 100 Jahre versteckt habe.
Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick ließ sich nicht lange bitten und konterte selbstbewusst. Die Aussagen sorgten für zusätzliche Aufmerksamkeit und machten aus dem ohnehin brisanten Spitzenspiel ein Duell, bei dem es auch um Prestige und die Frage ging, ob Hoffenheim tatsächlich ein ernsthafter Konkurrent um die Herbstmeisterschaft sein konnte.
Ich denke das hilft, dieses Spiel einigermaßen einordnen zu können. In der damaligen Zeit war es ein riesen Ding! Ich muss sicher mit offenem Mund dagestanden haben, als mein Vater mich von der Schule abholte, ich mein Trikot und die Schals im Auto erblickte und er mir stolz verkündete, dass er spontan zwei Karten für das Spiel auftreiben konnte und wir jetzt sofort nach München aufbrechen würden. Ich glaube, in diesem Moment wurde im Autoradio sogar über das Spiel berichtet, aber vielleicht ist dieser Teil der Erinnerung auch nur Wunschglauben.
In der Arena angekommen stellten wir uns in die gewohnte Ecke in der Nordkurve, angrenzend an die Gegengerade. Die Stimmung wurde schließlich genauso intensiv wie erwartet.
Von Beginn an entwickelte sich ein Spiel auf hohem Niveau. Hoffenheim versteckte sich keineswegs und setzte die Bayern früh unter Druck. Die Gäste hatten die ersten guten Möglichkeiten, während Bayern mit Franck Ribéry und Luca Toni immer wieder gefährlich wurde.
Beide Mannschaften spielten offensiv und mit hohem Tempo. Bayern erarbeitete sich im Laufe der ersten Halbzeit ein leichtes Übergewicht, doch Hoffenheim blieb mit schnellen Gegenangriffen gefährlich. Zur Pause stand es allerdings noch 0:0.
Dann nahm das Spiel richtig Fahrt auf. Nur vier Minuten nach Wiederbeginn passierte das, womit viele in der Allianz Arena nicht gerechnet hatten: Vedad Ibišević brachte Hoffenheim in der 49. Minute mit 1:0 in Führung. Für den bosnischen Torjäger war es bereits das 18. Saisontor im 16. Spiel – eine unglaubliche Bilanz. Plötzlich war die Sensation zum Greifen nah. Überall im Stadion verteilt fielen mir jetzt vereinzelt Hoffenheimanhänger auf, die höhnisch feierten. Ich glaube, ich habe selten so viel Missgunst gefühlt, wie in diesem Moment. Dieser Emporkömmling aus der Provinz, der sich nur vom Geld eines reichen Unternehmers diesen Erfolg erkaufte! Dass der FC Bayern sicherlich auch über großzügige Sponsoren verfügte und auch ihre Fußballer nicht nur aus Liebe zum Sport so gut spielten, blendete ich dabei schlichtweg aus. Die Bayern mussten reagieren und sie reagierten schnell!
In der 60. Minute fiel der Ausgleich. Philipp Lahm, mein damaliger Lieblingsspieler, traf zum 1:1 und brachte die Münchner wieder zurück ins Spiel. Bayern drängte nun stärker auf den Sieg, doch Hoffenheim hielt leidenschaftlich dagegen.
Die Gäste waren keineswegs zufrieden damit, nur zu verteidigen. Immer wieder suchte Rangnicks Mannschaft den Weg nach vorne und brachte die Bayern in Schwierigkeiten. Lange sah es deshalb danach aus, als würde Hoffenheim zumindest einen Punkt aus München entführen.
Dann kam die Nachspielzeit. Die ersten Zuschauer machten sich bereits auf den Heimweg, als Michael Rensing im Tor der Bayern lange den Ball hielt und scheinbar fierbhaft überlegte, wohin er den Ball jetzt spielen sollte. "Schlag!" schien die gesamte Nordkurve wie aus einer Kehle zu fordern, aber wahrscheinlich war es nur mein Papa, der das lauthals neben meinem Gehörgang schrie.
Unser Schlussmann kam der Bitte nach und schlug den Ball nochmal weit nach vorne, wo die Hoffenheimer den Ball nicht richtig kontrollieren konnten, wodurch er nochmal bei Luca Toni landete. Und plötzlich lag der Ball im Hoffenheimer Tor. Die Arena explodierte!
Luca Toni war also in der zweiten Minute der Nachspielzeit zur Stelle und erzielte das viel umjubelte 2:1. Der Italiener sorgte damit für einen dramatischen Schlusspunkt und drehte das Spiel endgültig zugunsten der Bayern.
Hoffenheim hatte den großen Favoriten über weite Strecken vor erhebliche Probleme gestellt und war sogar in Führung gegangen. Am Ende aber setzte sich Bayern mit einem Last-Minute-Treffer durch. Mit dem 2:1 zog Bayern nach Punkten mit Hoffenheim gleich. Die Entscheidung um die Herbstmeisterschaft war damit auf den letzten Spieltag der Hinrunde vertagt. Dann reichte Hoffenheim aber sogar ein 0:0 gegen Schalke um doch noch Herbstmeister zu werden.
Für Hoffenheim war die Niederlage besonders bitter. Die Mannschaft von Ralf Rangnick hatte dem deutschen Meister einen großen Kampf geliefert und war dem Sieg lange Zeit sogar näher gewesen. Bayern dagegen bewies einmal mehr seine Fähigkeit, Spiele in den letzten Minuten zu entscheiden.
Es war ein denkwürdiger Abend – und rückblickend ein Symbol für eine außergewöhnliche Hinrunde des Bundesliga-Neulings.
Da sich in der Regel der Dritte freut, wenn zwei sich streiten, wurde am Ende der Saison auch weder Bayern noch Hoffenheim deutscher Meister - den Titel sicherte sich überraschend der VfL Wolfsburg, der unter Trainer Felix Magath eine unvergessliche Rückrunde spielte und von Tabellenplatz 9 auf 1 kletterte.
Bayern wurde nur Vizemeister, während Hoffenheim nach dem Kreuzbandriss von Goalgetter Ibisevic sogar nur noch 7. wurde.Read more
