• Münchener Derby

    April 10, 2012 in Germany ☁️ 10 °C

    In der Schule stand ich kurz vor dem Abitur, doch in den Pausen und Unterrichtsstunden drehten sich die Gespräche mit meinem Banknachbarn fast ausschließlich um Fußball – und zu 90 Prozent natürlich um den FC Bayern. Wir stachelten uns in dieser ohnehin schon bewegten Saison gegenseitig an und waren plötzlich völlig heiß darauf, das kleine Münchner Derby der Amateure live vor Ort zu erleben.

    Gesehen, getan: Wir besorgten uns ein Bayern-Ticket und stiegen gleich morgens voller Vorfreude in den Zug. Allerdings hatten wir das Kleingedruckte nicht gelesen. Der Schaffner – der es mit dem FC Bayern vermutlich ohnehin nicht sonderlich gut hielt – zeigte keinerlei Erbarmen: Da das Bayern-Ticket an Werktagen erst ab 9:00 Uhr gilt, warf er uns kurz vor neun in Markt Bibart gnadenlos aus dem Zug. Da die nächste Verbindung eine Stunde auf sich warten ließ, erkundeten wir die Weltstadt Markt Bibart und trösteten uns erst einmal mit einer dicken Scheibe Leberkäse beim örtlichen Metzger. Aus dem Takt gebracht, mussten wir anschließend auch am Nürnberger Hauptbahnhof noch eine ungeplante Stunde totkratzen, ehe es endlich in Richtung Landeshauptstadt ging.

    In München angekommen, steuerten wir zuerst das Vereinsgelände an der Säbener Straße an, wo wir ein Jugendspiel gegen Hannover 96 verfolgten. Es war beeindruckend zu sehen, wie taktisch und technisch reif die Jungs in diesem Alter schon agierten – ganz zu schweigen von ihrer erstaunlich athletischen Statur. Nach und nach füllte sich das Gelände mit Fans, die sich für das Derby warmmachten, und der Münchner Szene-Rapper ABMC gab sogar ein paar Rap-Zeilen seines neusten Werkes zum Besten.

    Gemeinsam ging es im Fanmarsch hinauf zum legendären Grünwalder Stadion – das in roten Kreisen natürlich traditionell und voller Respekt als „Hermann-Gerland-Kampfbahn“ bezeichnet wird. Ehe wir den Block betreten durften, mussten wir allerdings durch eine Personenkontrolle, die in ihrer Intensität eher an eine JVA als an ein Fußballspiel erinnerte.

    Schließlich schafften wir es in die Westkurve. Auf der Gegentribüne sah es zu Beginn noch recht dünn besetzt aus, doch plötzlich stürmten Horden von Sechzgern zeitgleich die Ränge – wie Ratten, die aus ihren Löchern gekrochen kamen.

    Das Spiel selbst erwischte aus Bayern-Sicht einen Traumstart: Bereits in der 11. Minute schlug Koray Altınay zu und besorgte das 0:1 für unsere Amateure! Die blauen Gastgeber versuchten im Anschluss alles, um das Spiel zu drehen, doch die Bayern-Reserve verteidigte das karge Ergebnis mit Mann und Maus über die verbleibenden 80 Minuten.

    Nach dem Schlusspfiff feierten wir die Derbyhelden ausgelassen in der Kurve. Aus voller Kehle skandierten einige Fans den Spruch: „DERBYSIEG! Mehr wert als die Champions League!“

    Dass diese Zeile nur wenige Wochen später – nach dem bitteren „Finale dahoam“ gegen den FC Chelsea – einen schrecklich faden Beigeschmack bekommen sollte, ahnte an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag im Grünwalder Stadion zum Glück noch niemand.

    Auch unsere Rückfahrt mit dem Zug sollte nicht ganz ohne Zwischenfall bleiben, denn kurz bevor der Zug in München losrollte, kamen im Mittelgang noch eine Gruppe junger Münchener Löwen, die unsere roten Schals erblickten und uns anspuckten.
    Als ich aufstand, um sie zur Rede zu stellen, verließen sie fluchtartig den Zug.

    Ich halte ja wenig davon, ganze Gruppen von Personen aufgrund dem Tun einiger weniger zu verurteilen, aber dieser Vorfall hat meinen persönlichen Eindruck des TSV nicht gerade positiv geprägt.
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