Orosh
July 21 in Albania ⋅ ☀️ 32 °C
Der Morgen begann mit einem Blick auf die Überreste der vergangenen Nacht. Direkt neben dem Lager lag noch der zerstörte Federbalg, der uns so viele Nerven gekostet hatte. Daneben ruhte auch „Meister Holzi“, ein inzwischen legendäres Stück Kiefernholz, das unser Auto fast 1.000 Kilometer lang künstlich höhergelegt hatte, damit wir überhaupt weiterfahren konnten. Eigentlich hatte dieses Stück Holz einen Ehrenplatz in einem Museum verdient. Dafür reichte es nachher nicht, aber er thront in meinem Andenkenregal
Bevor das nächste Abenteuer starten konnte, musste allerdings erst wieder etwas Straßentauglichkeit hergestellt werden. Die Reifen bekamen ihren normalen Luftdruck zurück und das Fahrwerk wurde wieder auf ein Niveau gebracht, das weniger nach Trophy-Truck und mehr nach Reisefahrzeug aussah.
Man könnte meinen, dass einen die zahlreichen Schäden und Reparaturen vorsichtiger werden lassen. Dass man nach all den Erfahrungen vielleicht befestigte Straßen bevorzugt.
Weit gefehlt.
Natürlich ging es direkt weiter auf die „Journey to Hell“, wie wir die Gjuha e Nacionale getauft hatten. Schon am Beginn der Strecke wurden wir von den ersten gewaltigen Schlaglöchern begrüßt, die uns praktisch entgegenriefen: „Das wird nichts.“
Aber genau deshalb fuhren wir hinein.
Nach einem kurzen Besuch eines alten Arbeitslagers der Region führte uns der Weg weiter durch eine ständig wechselnde Landschaft. Straßen verschwanden, neue tauchten auf und hier und da wurden Strecken einfach umgeleitet, weil der Bergbau beschlossen hatte, dass der Berg wichtiger war als die ursprüngliche Trasse.
Dann erreichten wir den Abschnitt, an dem bereits andere umgedreht hatten.
Jetzt wurde es ernst.
Teilweise hatten nur noch zwei Räder Bodenkontakt. Wir sprangen auf der Anhängerkupplung herum, damit die Hinterräder wieder etwas Grip bekamen. Ich hing halb aus dem Fenster, um möglichst viel Gewicht auf die richtige Fahrzeugseite zu bringen. Tilmann gab am Steuer alles, während ich versuchte, meine beiden größten Stärken einzusetzen: Masse und Kraft. Danny dokumentierte das Ganze aus sicherer Entfernung und irgendwie funktionierte der Wahnsinn tatsächlich.
Meter für Meter kämpften wir uns durch tiefe Auswaschungen, Löcher und Verschränkungen. Gegen jede Vernunft und allen Erwartungen zum Trotz arbeiteten wir uns immer weiter vor.
Natürlich durfte unsere kleine Surron ebenfalls nicht fehlen. Das Elektro-Offroad-Motorrad war wieder im Scout-Einsatz unterwegs und erkundete die Strecke vor uns. Dass Danny dabei irgendwann ohne mobiles Datenvolumen im albanischen Nirgendwo verloren ging, gehörte nicht unbedingt zum Plan. Aber solche Kleinigkeiten passieren eben. Zum Glück fanden wir immer wieder Wege, uns gegenseitig aufzuspüren, sodass am Ende alle wieder zusammenfanden.
Nachdem wir die Offroad-Piste hinter uns gelassen hatten, ging es ohne Pause weiter. Das Tagesziel lag noch in weiter Ferne und die Zeit drängte.
Die folgenden Stunden bestanden aus endlosen Serpentinen.
Kurve um Kurve schraubten wir uns durch die Berge. Ich genoss jede einzelne davon und bewegte das Auto mit einer Begeisterung, die sich deutlich am Geräuschpegel bemerkbar machte. Das ständige Quietschen der Reifen wurde zu einer Art Hintergrundmusik des Nachmittags.
Nach einer scheinbar endlosen Anzahl von Kehren folgte schließlich die Adelung.
Die Bremse war heiß.
Und zwar richtig heiß.
Perfektes Timing natürlich, denn genau in diesem Moment erreichten wir den Talboden. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Bremsen erst einmal wieder abkühlen zu lassen und dabei den spektakulären Sonnenuntergang zu genießen. Schlechtere Orte für eine Zwangspause hätte es definitiv gegeben.
Da für die Nacht Sturm angekündigt war, beschlossen wir anschließend, keine Zeit zu verlieren. Nach einem gemütlichen Abendessen machten wir uns frühzeitig wieder auf den Weg. Irgendwo im Nirgendwo fanden wir schließlich einen Platz für unser Nachtlager, schlugen unser Camp auf und fielen erschöpft in unsere Schlafsäcke.
Während wir einschliefen, wurde uns langsam klar, dass diese Reise mit jedem einzelnen Tag verrückter wurde.
Und das Erstaunlichste daran war eigentlich, dass der nächste Tag garantiert wieder einen draufsetzen würde.Read more

























