• Miši

    July 23 in Bosnia and Herzegovina ⋅ ☀️ 11 °C

    Langsam fordern die vergangenen Tage ihren Tribut.

    Wer wissen möchte, wie sich mehrere Tausend Kilometer Balkan-Rallye, Schlafmangel, Schrauberei und Abenteuer anfühlen, musste an diesem Morgen eigentlich nur Tilmann ansehen. Er diente als lebendes Anschauungsobjekt dafür, wie fertig man nach so einer Tour sein kann.

    Hilft aber alles nichts.

    Die Rallye wartet auf niemanden.

    Also geht es weiter nach Sarajevo.

    Dort stehen zunächst einige Lost Places auf dem Programm. Doch bevor wir uns auf Entdeckungsreise begeben können, meldet sich unser Auto wieder zu Wort. Die Motorprobleme werden langsam ernster. Öl im Kühlwasser hatten wir bereits erfolgreich in die Kategorie „unschön, aber fahrbar“ einsortiert. Jetzt verlieren wir zusätzlich Kühlwasser.

    Das Problem dabei:

    Es läuft nirgendwo heraus.

    Und wenn Kühlwasser verschwindet, ohne auf dem Boden anzukommen, bedeutet das meistens nichts Gutes. Dann verschwindet es im Motor.

    Nicht gerade die Art von Entwicklung, die man sich noch 2.000 Kilometer vor der Heimat wünscht.

    An der alten Olympiabobbahn von Sarajevo folgt dann der nächste Schreckmoment.

    Mitten während der Fahrt fällt der Motor aus.

    Einfach so.

    Plötzlich wird aus einem entspannten Ausflug ein Moment absoluter Stille.

    Wir rollen aus, schauen uns an und denken alle dasselbe:

    Bitte jetzt nicht.

    Zum Glück springt der Motor nach einigen Minuten wieder an, als wäre nichts gewesen. Beruhigend ist das allerdings nicht. Für einen kurzen Moment erscheint die Heimfahrt plötzlich deutlich weniger selbstverständlich.

    Trotzdem lassen wir uns die Laune nicht verderben und erkunden gemeinsam mit den anderen die alte olympische Bobbahn.

    Die Anlage selbst ist bereits beeindruckend, aber die Graffitis machen sie zu etwas ganz Besonderem. Überall haben Künstler ihre Spuren hinterlassen. Farben, Figuren und Botschaften ziehen sich durch die Betonröhre und geben dem Ort eine völlig eigene Atmosphäre. Manchmal machen genau solche Kunstwerke einen Lost Place sogar noch spannender als die eigentliche Geschichte dahinter.

    Aufgrund unserer Motorprobleme verzichten wir anschließend auf weitere Umwege und nehmen den direkten Weg zum Tagesziel.

    Der Tag besteht vor allem aus Kilometern.

    Viele Kilometer.

    Bosnien zieht sich mit seinen weiten Ebenen scheinbar endlos vor uns aus. Immer wieder begegnen wir Menschen, die unsere Aufkleber und Rallye-Grafiken erkennen. Besonders lustig sind die Gespräche mit deutschen Reisenden, die wissen wollen, was zur Hölle wir hier eigentlich treiben.

    Und wie immer zeigt sich:

    Roadtrip verbindet.

    Egal in welchem Land.

    Irgendwann erreichen wir schließlich den letzten Wildcamping-Spot vor dem Ziel. Hoch oben auf einem Hügel schlagen wir zunächst unser Lager auf und schnallen die Surron ab.

    Doch wie so oft wird der Plan noch einmal geändert.

    Statt auf dem Hügel zu bleiben, entscheiden wir uns spontan für einen Platz unten am See. Endlich einmal nicht auf den letzten Drücker irgendwo ankommen. Einfach mal ankommen, entspannen und den Nachmittag genießen.

    Doch während wir die Ruhe genießen, spielt sich auf dem Rallyegelände das eigentliche Drama des Tages ab.

    Unsere Motorprobleme sind nämlich längst nicht die schlimmsten.

    Der Mazda „Zeus“ ist praktisch tot.

    Bereits mit der Abschleppstange hierher geschleppt, scheint seine Reise endgültig beendet zu sein. Aus Sicht normaler Menschen wäre die Situation schnell gelöst:

    ADAC anrufen.

    Abholen lassen.

    Fertig.

    Aber normale Menschen fahren auch keine Balkan-Rallye.

    Tilmann fasst die Stimmung perfekt zusammen:

    „Ey, hier sind doch haufenweise Schrauber. Wir fangen jetzt an zu schrauben und dann wird so lange gebastelt, bis das Ding wieder läuft.“

    Gesagt, getan.

    Ich organisiere Auffahrrampen.

    Danny organisiert Leute.

    Und plötzlich beginnt eine Schrauberaktion, die fast schon etwas Magisches hat.

    Immer mehr Teilnehmer kommen dazu. Einer bringt Werkzeug. Der nächste hat einen OBD-Tester. Irgendwo taucht plötzlich ein Laptop mit Mazda-Software auf. Dann noch ein Diagnosegerät. Dann noch eine Idee. Dann noch jemand, der genau dieses Problem angeblich schon einmal hatte.

    Stundenlang wird geprüft, gemessen, getestet und zerlegt.

    Die Drosselklappe wird bis in ihre Einzelteile auseinandergenommen.

    Immer neue Theorien entstehen.

    Immer neue Lösungen werden ausprobiert.

    Bis tief in die Nacht wird geschraubt.

    Und trotzdem scheint am Ende nichts geholfen zu haben.

    Irgendwann bauen wir alles wieder zusammen.

    Erschöpft.

    Enttäuscht.

    Ratlos.

    Eigentlich ist die Sache gelaufen.

    Doch Tilmann dreht ein letztes Mal den Schlüssel um.

    Und Zeus springt an.

    Einfach so.

    Als wäre nie etwas gewesen.

    Keiner weiß warum.

    Keiner kann erklären, was letztendlich die Lösung war.

    Aber das interessiert in diesem Moment auch niemanden.

    Der Motor läuft.

    Und das reicht.

    Der Jubel ist gigantisch.

    Zeus lebt.

    Währenddessen hat beinahe unbemerkt auch schon die Abschlussparty der Rallye stattgefunden.

    Es wird gegessen.

    Es wird getrunken.

    Es wird gefeiert.

    Und das Pärchen, das uns bereits in Montenegro aufgefallen war, hat inzwischen sogar geheiratet.

    Zumindest nach albanischem Brauch.

    Der Brautstrauß wird dabei kurzerhand durch eine Brautbierdose ersetzt, weil der echte Strauß zu wertvoll ist. Eine Szene, die eigentlich perfekt beschreibt, was diese Rallye ausmacht.

    Nichts läuft nach Plan.

    Aber irgendwie wird alles gut.

    Zwischen verrückten Geschichten, neuen Freundschaften und unzähligen Erinnerungen findet schließlich auch die Siegerehrung statt.

    Und plötzlich stehen wir auf Platz zwei.

    500 Euro Preisgeld für das nächste Rodeo.

    Nicht schlecht für eine Truppe, die zwischendurch auf Holzklötzen gefahren ist, ständig schrauben musste und mehrfach nicht genau wusste, ob das Auto die nächsten Kilometer überhaupt überlebt.

    Als wir später wieder an unserem Schlafplatz am See sitzen, wird uns langsam klar, dass diese Rallye viel mehr war als nur eine Reise.

    Es waren hunderte kleine Geschichten.

    Und irgendwie schien jede davon noch verrückter zu sein als die davor.
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