• Tag 48 & 49 - Ein bisschen Siteseeing

    13. august, Kasakhstan ⋅ ☀️ 28 °C

    Nur Hea-Jee:
    Gestern, als wir von frühmorgens bis spät in die Nacht unterwegs waren, habe ich die Müdigkeit kaum gespürt. Doch heute Morgen, beim Aufwachen, fühlte sich mein ganzer Körper schwer und schlapp an. Eigentlich wollte ich einen Tag im Quartier ausruhen, aber Arnd hieße nicht Arnd, wenn er gleicher Meinung wäre. Er überredete mich, wenigstens ein kleines Stück hinauszugehen, und so trottete ich etwas widerwillig hinterher.

    Die berühmte russisch-orthodoxe Himmelfahrtskathedrale in Almaty (Ascension Cathedral) ist vollständig aus Holz gebaut, fast ohne Nägel, und trotzdem erdbebensicher – genau dafür ist sie bekannt. Ihr Äußeres wirkte etwas ungewöhnlich: verspielt wie aus einem Kinderbuch und in leuchtenden Farben bemalt. Ich recherchierte und erfuhr, dass dies der „neorussische Stil“ ist – eine moderne Wiederbelebung traditioneller russischer Architektur, die am Ende des Zarenreichs in Mode kam. Im Inneren dagegen dominierten byzantinisch-orthodoxe Elemente mit Ikonen und Fresken. Jedenfalls habe ich noch nie zuvor eine Kirche mit so viel Blattgold gesehen.

    Der Zelyony Bazar, auch „grüner Markt“ genannt, interessierte Arnd weniger, da wir schon viele ähnliche Märkte in dieser Reise gesehen haben. Ich aber bestand darauf, hinzugehen – denn ich hatte gehört, dass die während der Stalinzeit zwangsweise umgesiedelten Koreaner hier Kimchi und andere eingelegte Gemüse verkaufen.

    Nachdem wir die Bereiche mit Kleidung und Haushaltswaren durchquert hatten, betraten wir die große Lebensmittelhalle. Gleich am Eingang, nach den prachtvollen Obstständen, entdeckte ich die „asiatischen Gemüse“-Stände der Koreaner. Dort waren die verschiedensten Gemüsesorten wie Kimchi eingelegt und hoch aufgetürmt. Die Verkäuferinnen waren meist Frauen mittleren Alters. Als ich sie anlächelte und grüßte, deuteten sie mit Gesten an, dass wir probieren dürften. Viele Gemüsesorten kannte ich gar nicht, und ich war wirklich neugierig. Am liebsten hätte ich etwas gekauft, aber nur winzige Mengen zu nehmen erschien mir unhöflich – also beließen wir es beim Schauen.

    Es gab auch verlockend aussehende Kimbap. Ich hätte wirklich gerne eins gegessen, doch alle Varianten waren mit rohem Lachs. Da wir rohen Fisch nicht mögen und es noch recht warm war, wagten wir nicht, ungekühlten Fisch zu essen. Schade – aber da wir am nächsten Tag eine lange Weiterreise vor uns hatten, wollten wir kein Risiko eingehen.

    Stattdessen kauften wir Nüsse zum Knabbern unterwegs und eine frisch gepresste Flasche Granatapfelsaft, die wir im Park vor dem Bazar zusammen tranken. Wegen der Kerne hatte er einen leicht herben Geschmack. Wir waren beide so müde, dass wir kaum miteinander sprachen.

    In Almaty sind die Abstände zwischen Bus- und Metrohaltestellen ziemlich groß. Man musste deshalb stets ein Stück laufen, und selbst wenn wir uns nur ein einziges Ziel am Tag vornahmen, war schon ein halber Tag vorbei. Die andere Hälfte verbrachten wir im Quartier, wo wir die Weiterreise nach China vorbereiteten.

    Die Planung übernimmt fast vollständig Arnd. Er organisiert alles akribisch nach seinem eigenen Stil. Ich weiß, dass das unglaublich anstrengend und belastend für ihn sein muss, auch wenn er nicht so wirkt. Deshalb bemühe ich mich, nicht zu klagen, sondern mich seinen Plänen möglichst anzupassen. Aber ich darf nicht den Zeitpunkt verpassen, meine eigenen Wünsche rechtzeitig und klar zu äußern. Schließlich gibt er sich große Mühe, die Reise so zu gestalten, dass ich Freude daran habe.

    Am letzten Tag in Almaty erledigten wir noch ein paar Einkäufe für die Zugfahrt. Wir gingen auch zum Optiker zurück, um uns bei der freundlichen Mitarbeiterin zu bedanken. Als kleine Geste überreichte ich ihr eine Schachtel Raffaello-Pralinen, die es in Deutschland gibt – zusammen mit meinem Dank dafür, dass die Brille so gut passte. Wir verständigten uns mit Gesten. Sie war sichtlich erfreut und zeigte die Schokolade stolz ihren Kollegen. Zum Abschied gab es eine herzliche Umarmung. Arnd, der lieber draußen wartete, sah alles. Er sagte nichts, aber ich bin sicher, dass auch er berührt war.
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