• Tag 162 - Bali

    4. december 2025, Indonesien ⋅ ⛅ 31 °C

    Arnd:
    Nach der anstrengenden Fahrt vom Vortag hatten wir nicht viel Lust, was großes zu unternehmen. Unsere Unterkunft liegt am Rand von Ubud. Es heißt, Ubud sei das kulturelle Zentrum von Bali. Als Balineuling sind wir erstmal dahin gegangen. Unsere Unterkunft haben wir so ausgesucht, dass wir da auch einfach nur entspannen und die weitere Reise vorbereiten können. Teuer war es aber nicht, so etwa 45€ pro Nacht. Das Frühstück war anders, als in größeren Hotels. Ein Buffet würde bei nur 8 Zimmern nicht funktionieren. Man musste am Tag vorher bestellen, was man haben wollte. Die Auswahl war ok und es war schön gemacht.

    Vormittags sind wir einmal in und durch den Ort gelaufen. Wir fanden es nicht sehr erfreulich, und zwar wegen dem Verkehr. Auch Bali ist nicht reich und auf dieser Reise habe ich gelernt, dass es dann keine Bürgersteige gibt, oder wenn doch, dann sind sie kaputt und zugeparkt. Hier werden sie auch von Rollern zugeparkt.

    Es gibt nur sehr wenige Ampeln und deshalb fließt der Verkehr hier kontinuierlich. Muss man auf die andere Straßenseite, dann läuft man bei einer kleinen Lücke todesmutig los und hebt einen Arm, um dem Verkehr zu signalisieren, dass er doch bitte ein wenig abbremsen soll. Autos, die in eine Straße abbiegen, schieben sich langsam in den Verkehr bis irgendwann eines der anderen Fahrzeuge nachgibt und das Auto reinlässt.

    Die Straßen sind schmal und der Verkehr ist sehr dicht. Noch mehr Verkehr geht nicht. Der Rolleranteil liegt bei über 90%. Öffentlichen Verkehr gibt es nicht. Selbst schmale Gassen mit Geschäften für Touristen sind keine Fußgängerzonen. Ich kann mir vorstellen, dass mir das durchaus gefallen hätte, als ich noch 20 Jahre alt war. Ich hätte mir selbst einen Roller geliehen und dann kommt man zügig überall hin. Aber wenn man älter ist, dann hat man keinen Spaß hier. Das Konzept Fußgänger teilen sich die Straße mit Verkehrsmitteln, die mit 40km/h in 50cm Abstand an einem vorbeifahren, sagt mir einfach nicht zu. Mehr als ein paar hundert Meter mag man nicht laufen. Für die zwei längeren Strecken haben wir hin und zurück Taxis genommen. Da fühlte ich mich aber auch falsch. Es ging durch eine schmalere Straße und unser Auto war ein echtes Verkehrshindernis.

    Geschäfte und dergleichen sind voll auf Touristen ausgerichtet. Bali ist hinduistisch. In den Nebenstraßen sind zwischen den Häusern immer wieder Eingänge zu kleinen hinduistischen Gebetsstätten. Bei jedem Haus gibt es zumindest eine kleine Statue, die immer geschmückt und mit Opfergaben versehen wird. Die Balinesen haben auch den Brauch, überall kleine Opfergaben anzubringen, auch auf dem Boden mitten auf dem Fußweg. Da mag man natürlich nicht aus Versehen reintreten.

    Zum Schluss unserer Runde durch den Ort waren wir noch im Palast. Eigentlich nur in den Vorhöfen. Man kann gegen Eintritt auch weiter rein, aber das haben wir nicht gewusst. Wir sind dann zurück in unsere Unterkunft, haben etwas im Pool gebadet und dann Australien geplant. Das war auch gut so, denn etliche Busstrecken, die wir fahren wollen, waren schon ziemlich voll. Ich habe dann am Nachmittag die ganze Strecke bis Melbourne durchgeplant und die Busse reserviert. Leider müssen wir ein paar Mal über Nacht fahren, das strengt uns immer sehr an.

    Abends sind wir in ein Restaurant nah bei unserer Unterkunft gegangen. Die angebotenen Speisen sind auf internationale Touristen ausgelegt. Das war uns aber recht, denn eines können wir jetzt gerade gar nicht gebrauchen, den sogenannten Bali Belly, in Deutsch würde man das eine Magenverstimmung nennen.

    Hea-Jee:
    Ich habe besonders große Angst vor Autos. Als ich in Korea aufwuchs, habe ich miterlebt, wie das Auto die Straßen eroberte. Und die Autos jener Zeit verhielten sich als unangefochtene Herrscher der Fahrbahn – Rücksicht auf Fußgänger gab es kaum. Die Fußgänger mussten selbst aufpassen. Das ist ein Phänomen, das man überall auf der Welt beobachten kann.

    Als Kind habe ich mehrere Autounfälle direkt miterlebt. Mit solchen Erfahrungen im Hintergrund komme ich bis heute nicht auf den Gedanken, dass Autos „Augen“ haben könnten. Für mich sind sie einfach Maschinen, die ihrer vorgegebenen Linie folgen. Mein Gehirn erwartet nicht, dass sie für mich – einen Menschen – extra bremsen könnten.

    Arnd versteht dieses Trauma zwar rational, ist im Alltag aber trotzdem manchmal genervt davon. Mit einem Ehemann, der mein Verhalten anstrengend findet, die gefährlichen Straßen Balis entlangzugehen, bedeutete für mich enormen Stress. Selbst ein paar hundert Meter zu Fuß zu einem Mittagessen zurückzulegen, erforderte eine große Portion Mut.

    Als wir schließlich im ersten Stock eines Restaurants hinter einer großen Glasfront saßen und aßen, beobachtete ich das Geschehen draußen. Und ich fragte mich, wie es möglich ist, dass viele Touristen trotz dieser Bedingungen hierher kommen.

    Plötzlich sah ich ein junges Paar, das Händchen haltend die Straße überquerte. Ganz entspannt, ohne einen Hauch von Stress, mit einem Lächeln im Gesicht. In diesem Moment wurde mir klar: Nach meinen jetzigen Maßstäben mag dieser Ort lebensfeindlich wirken – aber wirklich so ist er nicht. Würde ich noch eine Woche hier leben, hätte ich sicher das Verhalten der Autofahrer verinnerlicht und würde mich beim Überqueren der Straße daran anpassen. Und wäre ich jünger, hätte ich mich wahrscheinlich nicht erst nach einer Woche, sondern schon nach zwei Tagen eingefügt und nicht das Gefühl gehabt, dass irgendetwas unbequem sei.

    Da musste ich plötzlich an das kollektive Vordrängeln in China denken. Sobald sich eine kleine Lücke auftut, fließt die Menge wie Wasser hinein. Wenn man dieses Verhalten versteht und selbst Teil davon wird, kann man dort durchaus gut leben. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen ungeschriebenen Regeln; wenn man sie begreift und sich entsprechend verhält, kommt man besser zurecht. Und wenn man es nicht schafft, zieht man ständig den Kürzeren. Genau dieses ständige Verlieren macht einen wütend – nicht die Frage nach richtig oder falsch.

    Doch unabhängig davon, ob ich mich dabei unwohl fühle oder nicht – es ist offensichtlich, dass in einem solchen Verkehrsumfeld die Verkehrsunfallrate sehr hoch sein muss. Die Hauptleidtragenden sind vermutlich Kinder. Und selbst wenn man mit Glück überlebt, gibt es sicherlich viele Menschen, die – so wie ich – ein Leben lang mit einem Trauma weiterleben müssen.

    Die Verkehrssysteme eines Landes entwickeln sich je nach Grad der wirtschaftlichen Entwicklung in ähnlichen Mustern. Dieses Phänomen als einen unausweichlichen Prozess hinzunehmen, fällt mir zutiefst schwer. Als jemand, die selbst betroffen ist, wollte ich wenigstens einmal darüber sprechen.
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