• Muju

    May 16 in South Korea ⋅ ☀️ 27 °C

    Hea-Jee:

    <Landhaus in Muju Chasan>

    Meine Freundin Hyungyu, die ich seit der ersten Klasse der Highschool kenne, lud uns in ihr Landhaus in Chasan in Muju ein. Das aus dem Haus ihres Großvaters umgebaute Haus wirkt es auf den ersten Blick wie ein traditionelles koreanisches Hanok, doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein klar gestaltetes modernes Gebäude. Die Decke bewahrt den alten Charme des ursprünglichen Hauses, während die Fenster – ganz nach Wunsch der Bauherren – großzügig nach vorne und hinten geöffnet wurden, um Transparenz zu betonen.

    Trotz dieser ungewöhnlichen Architektur wirken Altes und Neues erstaunlich harmonisch miteinander. Vielleicht liegt das daran, dass auf überflüssige Verzierungen und jede Form von Effekthascherei verzichtet wurde. Eine bescheidene Architektur, die sich nicht gegen die Gesetze der Statik stellt, zeigt sich in harmonischen Proportionen – und diese vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit, Ruhe und Wärme. Als Hyungyu mir erzählte, dass er das Haus »Anonjae« genannt hatte, musste ich sofort zustimmend nicken. Es bedeutet: Ein gemütliches, warmes Haus. Es ist wirklich ein passender Name.

    Wie es sich für das Haus eines angesehenen Familienältesten in einem Clan-Dorf gehört, lag es an einem Ort mit weitem Blick auf Berge und Landschaft. Arnd und ich genossen die Aussicht aus dem Fenster, während wir aßen und schrieben. Als Hyungyu beiläufig ein Gästebuch hervorholte, kamen mir sofort unzählige Gedanken in den Sinn.

    »Der Name Anonjae ist wirklich gut gewählt. Denn hier strahlen der Ort, das Gebäude, die Möbel und sogar der Gastgeber selbst Ruhe und Geborgenheit aus.

    Anonjae prahlt nicht. Es liegt hoch oben an einem Ort mit viel Sonne und schöner Aussicht auf die Berge, und doch fügt es sich so harmonisch in die Umgebung ein, dass es beinahe wirkt, als wäre es gar nicht da. Manchmal sieht es aus wie ein gut erhaltenes Hanok, manchmal wie ein klassisch modernes Gebäude mit ausgewogenen Proportionen.

    Durch die gewagte und doch stimmige Anordnung der Fenster erinnert Anonjae an ein Aquarium. Ein leuchtendes Aquarium, in das ich als Kind hineinschaute und dabei von Märchen träumte. In Anonjae möchte ich ein Goldfisch sein. Eigentlich möchte ich einfach hier leben.

    Ich frage mich, ob der künstlerische Wert eines Gebäudes eher aus der Inspiration des Architekten entsteht oder aus der gewissenhaften Sorgfalt, mit der jedes Detail bedacht wurde. Ich hoffe, meine Freundin Hyungyu wird es herausfinden, indem sie dort lebt, und es mir irgendwann erzählen.«

    <Muju Gucheondong>

    Gucheondong in Muju, das für seine Schönheit berühmt ist, wollte ich schon lange einmal besuchen, und diesmal bot sich endlich die Gelegenheit. Während wir dem Tal von Gucheondong hinauf folgten, bewunderten wir das wechselnde Zusammenspiel aus großen Felsen und kristallklarem Wasser.

    Früher gab es an schönen Tälern oft Freizeitanlagen, aber heutzutage scheint das nicht mehr so zu sein. Das Tal wurde in seinem natürlichen Zustand sauber erhalten, und die Wanderwege waren vielfältig und gut angelegt.

    Zur Mittagszeit gingen wir in ein Restaurant, das angeblich schon von Präsidenten besucht worden war. Die Wände waren über und über mit gerahmten Autogrammen bekannter Persönlichkeiten bedeckt. Dort aßen wir Feuertopf mit Matsutake-Pilzen. Da Matsutake-Gerichte auffallend teuer waren, zögerte ich zunächst, aber Hyungyu bestellte es, nachdem sie gehört hatte, dass ich sie noch nie probiert hatte. Der Duft der Matsutake-Pilze war wirklich intensiv – der eindrucksvollste Pilzgeschmack, den ich bisher erlebt habe. Einen anderen Pilz werde ich allerdings wegen seines Aussehens nie vergessen, auch wenn ich seinen Geschmack längst vergessen habe: den Igelstachelbart-Pilz, auf Koreanisch Reh-Hintern-Pilz genannt. Koreaner geben Dingen wirklich kreative Namen.

    <Seoul>

    Nach zwei Tagen in Muju fuhren wir mit Hyungyus Auto nach Seoul und blieben noch zwei weitere Tage in ihrer Wohnung. Als Hyungyu mich fragte, worauf ich am Abend Lust hätte, sagte ich, dass ich Ramen am Han-Fluss essen wolle. Also gingen wir zu Fuß zum Fluss. Der Weg entlang des Bulgwang-Fluss bis zum Han-Fluss war schön gestaltet. Überall blühten Blumen, und viele Menschen joggten oder machten Sport.

    In einem kleinen Laden am Han-Fluss kauften wir Ramen und bereiteten sie direkt vor Ort zu. Die Verkäuferin half uns ausgesprochen freundlich. Die Maschine zum Kochen der Ramen war erstaunlich praktisch – sie erfüllte ihre Aufgabe so zuverlässig, dass ich selbst eine haben wollte. Während wir die Ramen zubereiteten, hatte Arnd draußen bereits einen Platz auf einer Bank reserviert. Die Ramen schmeckten herrlich mit dem Wind vom Fluss im Gesicht.

    Eigentlich hatte ich geplant, überhaupt nur eine Nacht bei Hyungyu zu bleiben. Sie hatte sich am Rücken verletzt, und ich machte mir Sorgen, dass sie sich beim Bewirten ihrer Gäste überanstrengen könnte. Eine Nacht wollte ich wenigstens bleiben – auch als eine Art Alibi, damit sie später nicht sagen könnte, ich hätte sie nie besucht. Doch dann freute ich mich so sehr über die Einladung nach Muju, blieb zwei Nächte auf dem Land, und weil es so schön war, Zeit miteinander zu verbringen, blieb ich in Seoul noch einmal zwei Nächte. So wurden aus einer geplanten Nacht insgesamt vier Tage. Auf dieser Reise habe ich etwas Wichtiges erkannt: Man kann sich auch dadurch näherkommen, dass man die Gastfreundschaft eines anderen annimmt.

    Arnd:
    Zurück in Seoul hatten meine beiden koreanischen Damen einen speziellen Wunsch: Einmal am Hangang Ramen essen. Also sind wir gegen Abend zu Fuss losgegangen Richtung Hangang. Hangang ist der riesige Han-Fluss, der durch Seoul fließt.

    Ich hatte das schon an anderen Orten in Seoul gesehen, und hier war es wieder so: Es gibt etliche kleinere Flüsse und Bäche, die in den Hangang fließen. Zum Teil waren die früher sicher überbaut. Die werden jetzt offen gelegt, das Wasser gereinigt und rechts und links werden Fuß- und Radwege gebaut und es wird begrünt. Sie liegen in ihrem Tal etwas tiefer und so entsteht ein durchaus attraktiver Ort.

    Auf den Radwegen dort auch Radfahrer, im Gegensatz zu den Radwegen in der Stadt, und weil diese Bäche viele Kilometer durch die Stadt zurücklegen, kann man dort auch weitere Strecken Rad fahren. Am Ende landet man dann immer am Hangang und dort gibt es auch durchgehend auf beiden Seiten einen Radweg. Allerdings gibt es auch auf beiden Seiten Schnellstraßen. Wo die aber etwas Platz am Ufer gelassen haben, sind Parks entstanden. So auch dort, wo unser Abendspaziergang endete.

    In diesen Parks findet man dann auch bald einen Convenience Store und der hat natürlich Ramen, die koreanischen Instantnudeln. Außerdem hat er Automaten, die diese Nudeln zubereiten. Und bei soviel Fürsorge bekommen Koreaner warme Herzen und fühlen sich wohl.

    Am Tag vor unserer Abreise haben wir noch ein Paket nach Hause geschickt mit all den Sachen, die wir unterwegs angeschafft oder bekommen haben und die wir auf der Fahrt nicht brauchen. In manchen Postfilialen gibt es einen Packdienst. Man bringt nur seine Sachen dahin und ein Mitarbeiter packt sie dann professionell ein und hilft auch beim Ausfüllen der Dokumente. Wir hatten etwas Pech, weil wir genau zur Mittagszeit da waren und da war nur ein Mitarbeiter anwesend und wir mussten selber packen. Aber er hat das Paket für uns vorbereitet und macht es am Ende auch zu. Das Foto zeigt den Tisch, an dem man Formulare ausfüllen kann. Zum Service gehören dort auch Lesebrillen. Als Hea-Jee sich am Ende herzlich bedankt hat, war der Mitarbeiter sehr erstaunt, schließlich hatte seine Firma doch gerade Geld verdient.

    An der Kreuzung draußen vor der Postfiliale habe ich noch das Foto vom Sonnenschirm an der Fußgängerampel gemacht. Manche Dinge sind in Korea wirklich freundlich.
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