Kars
June 2 in Turkey ⋅ ☀️ 16 °C
Hea-Jee:
Nach einer sechsstündigen Busfahrt von Hopa erreichten wir Kars. Da die Bahnstrecke von Kars nach Ankara für ihre wunderschöne Landschaft bekannt sein soll, hatte Arnd Kars allein deshalb als unser nächstes Reiseziel ausgewählt. Wir kamen ohne besondere Erwartungen oder Vorkenntnisse über die Stadt selbst hierher. Wie sich jedoch herausstellte, handelt es sich um eine äußerst geschichtsträchtige alte Stadt. Seit der Antike war Kars als Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Kaukasus und Anatolien von großer Bedeutung und stand im Laufe der Jahrhunderte unter der Herrschaft des Armenischen Königreichs und verschiedener islamischer Dynastien. Auch die Mongolen und Amir Timur waren hier und haben ihr Zerstörungswerk verrichtet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt offiziell in das Russische Reich eingegliedert, bevor sie 1921 durch einen Friedensvertrag endgültig an die Türkei fiel.
Hätten wir uns im Voraus für die Geschichte der Stadt interessiert und unsere Reise entsprechend geplant, hätten wir sogar ein UNESCO-Weltkulturerbe in 40Km Entfernung besichtigen können. Doch unser Wunsch, uns auszuruhen, war größer als unser Drang zu besichtigen. Wir spazierten einfach gemütlich durch die nähere Umgebung und begnügten uns damit, in Restaurants und Cafés einzukehren und etwas Leckeres zu essen.
Kaum waren wir auf die Straße hinausgetreten, wurden wir unerwartet herzlich begrüßt. Vier Jungen von etwa sechs oder sieben Jahren liefen hinter uns her und riefen nach uns. Sie fragten auf Englisch: „What's your name?“, offenbar wollten sie das Englisch üben, das sie in der Schule gelernt hatten. Ich brachte den Kindern unsere Namen bei und fragte sie der Reihe nach, wie sie hießen. Dann fragten die Kinder: „Where are you from?“, also woher wir kämen. Ich antwortete, dass ich aus Korea komme und diese Person hier ... Doch noch bevor ich meinen Satz beenden konnte, brachen die Kinder in Jubel aus. "Was? Korea? Wirklich Korea? Wow, I love Korea!“ Dabei formten sie immer wieder mit beiden Händen kleine Herzchen. Dann sagten sie noch irgendetwas von einem Handy, aber ich verstand nicht, was sie meinten. Die Kinder redeten noch eine ganze Weile aufgeregt durcheinander, weil sie tatsächlich eine echte Koreanerin gesehen hatten. Als sie schließlich verschwunden waren, fragte mich Arnd: „Warum mögen die Leute Korea eigentlich so sehr?“ Ich antwortete, dass ich das selbst nicht wisse.
Kars scheint seit jeher eine steinreiche Region zu sein. Es gab viele historische Steinbauten und Wohnhäuser, und auch das Hotel, in dem wir übernachteten, war ein massives Steingebäude mit sehr dicken Mauern. Entlang der Straßen fielen uns zahlreiche Gebäude im russischen Stil auf.
Auf dem Hügel hinter unserem Hotel befand sich die Ruine einer großen Festung, zu der wir hinaufstiegen. Abgesehen von der Aussicht auf die Umgebung gab es dort kaum Erklärungen, sodass wir über ihre Geschichte nichts erfahren konnten. Direkt unterhalb der Mauer stand ein kleines, gut erhaltenes Steingebäude. An der Tür hing ein englisches Schild mit der Aufforderung, beim Betreten die Schuhe auszuziehen. Es war die armenische „Kathedrale von Kars“ aus dem Jahr 940. Die Anführungsstriche habe ich wegen der Größe gesetzt. Seitdem wurde sie etliche Male wegen Herrschaftswechsel zwischen Kirche und Moschee umgewidmet und im 20. Jhdt. diente sie zeitweise auch noch als Museum und Erdöldepot. Heute wird sie als Moschee genutzt. An einer Wand befand sich noch eine christliche Kanzel, während der Bogen an der Vorderseite offenbar später für den islamischen Gottesdienst hinzugefügt worden war. Der Boden war mit einem dicken beigefarbenen Teppich mit islamischen Mustern ausgelegt.
Auf dem Weg von der Festungsmauer hinunter entdeckten wir ein modernes Café und gingen hinein. Es war ein gehobenes Café mit eigener Kaffeeröstung und einer Auslage voller hübscher Desserts. Da es schon zu spät für Kaffee war, bestellten wir Tees. Arnd nahm einen Früchtetee, ich einen Pfefferminztee. Serviert wurden handgemachte Teebeutel, die mit einer Zimtstange geschmackvoll dekoriert waren. Die Kombination aus Kräutertee und Zimtstange probierten wir zum ersten Mal, und sie gefiel uns überraschend gut. Deshalb beschlossen wir, das zu Hause ebenfalls einzuführen. Zum Tee aßen wir ein Stück Käsekuchen und ein Tiramisu. Zusammen kostete das ungefähr so viel wie eine komplette Mahlzeit in einem Restaurant.
Die Preise in der Türkei kamen uns recht hoch vor. Weder die Hotels noch die Restaurants waren besonders günstig. Natürlich war alles immer noch billiger als in Deutschland, aber wir fragten uns, wie sich gewöhnliche Menschen in der Türkei solche Preise leisten können. Arnd erzählte, die Inflation liege derzeit bei rund 30 Prozent und dies sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Regierung Erdoğan aus ideologischen beziehungsweise religiösen Gründen lange Zeit höhere Zinssätze abgelehnt habe. Viele Hotels, Restaurants und Käsegeschäfte waren weitgehend leer. Das Restaurant Anne Sofrası, das wir besuchten, schien ein bekanntes Lokal zu sein, das sogar im Fernsehen vorgestellt worden war. An einer Wand lief die entsprechenden Fernsehaufnahme in Endlosschleife. Trotzdem waren außer uns kaum Gäste da, und von der langen Liste der Gerichte auf der Speisekarte waren nur noch ein paar tatsächlich verfügbar.
Nun, da wir uns dem Ende unseres ersten Reisejahres nähern, ist unser Konsumverhalten etwas großzügiger geworden als zu Beginn der Reise. Wir haben erkannt, dass man unterwegs wertvolle Erinnerungen verpassen kann, wenn man zu sehr versucht, Geld und andere Ressourcen zu sparen.Read more








