Wasser und Wein
August 29, 2025 in France ⋅ ☁️ 19 °C
Wir warten noch etwas ab, bis der Fön seine Arbeit getan hat. In der Nacht wurden wir reichlich mit Wasser begossen, doch nun pustet ein energischer Wind unser Zelt netterweise wieder trocken. Alles was wir tun müssen, ist abwarten und nochmal im Schlafsack umdrehen. Das können wir gut. Als schließlich alles perfekt gefönt ist, packen wir ein, laufen ein paar Meter weiter und betreten eine neue Welt. Hier herrscht Windstille und die Sonne scheint, auf den Baumwipfeln diskutiert eine winzige Vogelfamilie ihren Tagesplan. Der Wald ist lieblich, aufgeräumt und von einem Labyrinth an Pfaden durchzogen. Eine Steinmauer steht auch etwas verloren in der Gegend rum. Damit sie sich nicht ganz so fehl am Platz fühlt, wächst etwas Moos und Farn darauf. Im Vorgarten der Vogelfamilie steht eine Bank - auf dem Schild dazu steht "Frühstücksbank für Familien", das lassen wir uns nicht entgehen, auch wenn wir etwas enttäuscht sind, dass wir das Frühstück selbst mitbringen müssen. Abgefüllt mit Hafergrütze begeben wir uns weiter in diesen Wunderwald. Die Wege vermehren sich immer stärker je näher wir uns dem Zentrum des Waldes nähern, sie teilen sich, kreuzen sich, laufen nebeneinander her und tänzeln umeinander herum. Alles, was in der regionalen Wegewelt Rang und Namen hat, hat sich hier versammelt - die Großen wie der GR 5, GR 53, sogar der Jakobsweg geben sich die Ehre, doch auch die alltäglichen Wald- und Wiesenwege aller Farben haben sich eingefunden. Alle führen zum gleichen Ziel, einem großen Torbogen auf dem Gipfel des Wunderwaldberges. Ehrfürchtig treten wir ein. Wir sind bei Odilie zuhause gelandet. Sie thront imposant auf einem Sockel hoch über ihrem Schloss. Dass sie zu Lebzeiten schon hoch über allen Sterblichen gethront hat, sehen wir beim Rundgang durch ihre Gemächer. Im Wohnzimmer beten seit bald 100 Jahren Tag und Nacht zwei aus ihrem Gefolge, andere haben die Flure schön hergerichtet mit Bildergeschichten ihres Lebens und ihrer Heldentaten. Schon viel länger jedoch liegt die Angebetete selbst in ihrem Sarg, ein persönliches Treffen können wir uns also abschminken. Aber sie hat eine heilige Quelle für die Nachwelt hinterlassen und das trifft sich gut, denn unsere Wasserflaschen sind bis auf den letzten Tropfen geleert. Wir tragen sie die Stufen zu Odilies Quelle hinab - ein Loch in einem Felsen, auf das sie in ihren besten Zeiten mal so lange mit ihrem Stock draufgekloppt hat, bis der Felsen nachgab und anfing Wasser auszuspucken. Während ich noch vorsichtshalber das heilige Nass Milliliter für Milliliter durch unseren Wasserfilter quetsche - schließlich ist es ja wohl schon etwas älter - hält ein Motorradfahrer und füllt sich eine Flasche ab, dann düst er wieder weiter. Aha, sieh an, denken wir uns noch, die Einheimischen halten hier extra an, um ihr Wasser aufzufüllen, ist vielleicht doch nicht so schlecht. Eine Viertelstunde später, der Motorradfahrer ist längst über alle Berge, hält ein Auto und eine Frau steigt aus - mit einem Wasserkanister. Sieh an, sieh an, denken wir, nun schon deutlich beeindruckter, sogar größere Mengen der Quelle holen sie sich nach Hause. Das Wasser muss regelrecht gut sein. Eine weitere Viertelstunde vergeht bis ein Mann mittleren Alters nun seinerseits mit dem Auto vorfährt. Er schleppt stapelweise große Einweckgläser herbei und vor unseren ungläubigen Augen beginnt er die Abfüllung einer Wassermenge, die leicht das Eigengewicht des Autos erreichen dürfte, das das kostbare Nass transportieren soll. Sieh an, sieh an, das Wasser muss sehr gut sein!!! Ich schmeiße den Wasserfilter weg und wir kippen das Heilwasser haltlos in uns hinein, sicherheitshalber auch in die Augen und alle sonstigen Körperstellen, die ein wenig Optimierung gebrauchen können. Den Rest füllen wir in unsere Rucksäcke und in der Gewissheit, nun für alle Widrigkeiten des Lebens gewappnet zu sein, machen wir uns wieder auf den Weg. Der Weg? Was wir auf dem Hinweg noch recht locker nehmen konnten, als jeder Weg dem Heil zustrebte, wird auf dem Weg aus dem Labyrinth heraus zu einer kniffligen Knobelaufgabe. Doch dank Heilwasser oder dem Segen der Wächterin des Wunderwaldes finden wir am späten Nachmittag glücklich aus dem grünen Wegewirrwarr heraus. Direkt vor den Toren des Weinguts Dachert betreten wir die Zivilisation. Soeben kommt die ganze Familie Dachert mit ihrer Weinernte auf dem Hänger und Traktor auf den Hof gefahren. In ihrem Garten zwischen den Weinreben haben sie noch Platz für unser Zelt, eine Steckdose für unser ausgehungertes Handy und eine himmlische Dusche für unsere nach Wasser lechzenden Körper. Dass unser einziger Zeltnachbar alle Bäume des Gartens in der Nacht zersägt, fällt da nicht weiter ins Gewicht. Wir sind im sicheren Weinland angekommen.Read more





















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