Schlaf doch, wenn Du kannst
August 31, 2025 in France ⋅ ☀️ 22 °C
Was knackt da so laut im Unterholz? Es ist eine ungewöhnliche Prozession, sowas hat es noch nie gesehen. Das Käuzchen reibt sich sicherheitshalber nochmal die Augen, während es versucht das Gleichgewicht zu halten. Der Sturm wiegt den Baum, auf dem es sitzt, bedrohlich von einer zur anderen Seite, hier und da brechen Äste ab und fallen scheppernd auf den Waldboden. Da bahnt sich ein leuchtend grünes kuppelförmiges Dingsbums schwankend und krachend seinen Weg durch die Sturmnacht. Vor ihm her läuft ein unförmiges Wesen mit zwei Beinen und einem Fernscheinwerfer, der ein wenig Licht ins Dunkel bringt. Man könnte meinen, da hätte jemand zwei Rucksäcke zusammen gebunden und ihnen Füße verliehen. Das grüne Ungetüm folgt dem Rucksackmonster dicht auf den Fersen, ab und zu bleibt es an einem Baum hängen, dann dreht es sich ein wenig um sich selbst und ruckelt weiter. Das Spektakel währt nicht lange, bald verschwindet die seltsame Prozession hinter den Mauern der alten Bernstein und das Käuzchen kann sich wieder voll auf seine Balance konzentrieren. Es reibt sich nochmal die Augen und zweifelt ein bisschen an seinem Verstand. Was zum Teufel war das?
Am Morgen dieses Tages machen wir uns frohgemut auf durch das friedliche Weinland. Die Reben sind gespickt mit vollen, saftigen Trauben jeglicher Couleur. Natürlich laufen wir artig daran vorbei, erfreuen uns an ihrem saftigen Anblick und kommen keine Sekunde lang auf die Idee, auch nur eine einzige, klitzekleine dieser zahllosen köstlichen Trauben zu kosten, das wäre ja Mundraub und höchst verwerflich. Stattdessen begnügen wir uns damit, die originellen, oft blumigen Dekorationen in den kleinen Dörfchen zu bewundern und die Dörfchen selbst. Für die Nacht haben wir uns eine Schutzhütte auserkoren, die wir zielstrebig anpeilen. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto mehr Verkehr herrscht im Wald. Autos schaffen unermüdlich Tagesausflügler heran und spucken sie kurz vor unserer Ruhestätte aus. Diese entpuppt sich als eine Waldkreuzung, auf die zwar kein Auto vordringen darf, dafür fleißig von den Herbeichauffierten bevölkert wird. Daher beschließen wir einstimmig, doch noch ein wenig weiterzulaufen und herauszufinden, was die Autofahrer dazu bringt, zu späterer Stunde noch massenhaft durch den Wald zu joggen. Der Menschenstrom schiebt uns zur Burg Bernstein, eine wirklich schöne, helle Burgruine, an die Miron auf der Stelle sein Herz verliert. Ich hingegen verliere auf dem Turm des alten Gemäuers meinen Verstand - der Ausblick in die Ferne ist berauschend, der Blick in die Tiefe gewaltig, das Geländer vor dem Abgrund ein Witz: Nachlässig gehäkelter Maschendraht auf Kniehöhe soll uns vorm Absturz bewahren? Mein Verstand sagt "Nö" und jagt die Jungs mit einem Kreisch- und Schreianfall die Steinstufen wieder hinunter. Miron und Lian sind damit nicht einverstanden und ringen mir das Versprechen ab, zum Sonnenaufgang einen zweiten Versuch zu wagen. Also werden wir in der Nähe übernachten müssen und machen uns auf die Suche nach einem Liegeplatz, der 1) eben ist, und 2) etwas versteckt im Wald liegt. Wir finden den idealen Platz, der alle Bedingungen erfüllt und bereiten den Boden vor. Da fällt mein Blick zufällig nach oben und beendet direkt alle weiteren Vorbereitungen - über unseren Köpfen lehnt ein toter Baum nur lose an seinem Nachbarn und zählt die Minuten bis zum Erreichen der völligen Horizontale. Sollte dieses Ereignis ausgerechnet heute Nacht stattfinden, wären wir mit unserem Zelt ein unfreiwilliger Bestandteil der Einebnung. Also suchen wir weiter. Nur ein paar Schritte weiter Richtung Wanderweg liegt die nächste vielversprechende ebene Stelle und vergnügt machen wir uns an den Aufbau unserer mobilen Unterkunft. Der tote Baum ist weit genug weg, schnell sammeln wir die verstreut liegenden Äste und Stöcke ein und freuen uns auf die Nacht. Mein Hirn tickt langsam, aber es tickt. Ich frage mich, als das Zelt schon längst steht, wo eigentlich das Totholz herkommt, das wir gerade weggeräumt haben und warum der Förster den Baum, der jetzt unser neuer Nachbar ist, mit Farbe angesprüht hat. Mein Blick folgt dem Denkqualm aus meinem Kopf und schaut sich unseren Baumnachbarn in der Höhe genauer an. Verdammt! Die Krone des Baumes ist komplett abgestorben, nur die unteren Äste sind noch dicht belaubt und verstecken gut das unaufhaltsame Ende dieses Baumriesens. Miron und Lian sind verständlicherweise nur mäßig begeistert von meiner Anweisung, das Zelt noch einmal umzuziehen, auch hier drohen potentiell verhängnisvolle Kopfnüsse von oben. Mittlerweile ist es dunkel geworden, der nächstbeste Stellplatz muss herhalten - wir finden ihn einige weitere Schritte näher gen Wanderweg und tragen kurzerhand das schon aufgebaute Zelt die paar Meter weiter. Jetzt aber. Die Bäume über unseren Köpfen sehen robust und gesund aus, kein Totholz auf dem Boden, Jackpot, Einzug, Gute Nacht. Als der letzte Jogger des Tages durch unser Vorzelt gerannt ist und uns eine bonne nuit gewünscht hat, wird klar, dass wir nicht so wirklich weit weg vom Wanderweg stehen, wir stehen quasi mitten drauf. Aber mittlerweile haben sich unsere Kriterien an den perfekten Schlafplatz völlig verändert, wir wollen einfach nur noch schlafen. Miron und Lian schnarchen bald friedlich vor sich hin, ich folge ihnen ins Lummerland. Bis es kracht. Draußen vorm Zelt ist etwas gen Boden gegangen. Weit nach Mitternacht. Es knackt und quietscht der ganze Wald um uns herum. Ein Sturm hat sich heimlich eingeschlichen und rüttelt nun kräftig alle Bäume durch. Die Bäume werfen gehorsam ab, was sie nicht mehr brauchen. Ein festes Dach wäre jetzt ziemlich cool. Ich krieche aus dem Lummerland raus ins Sturmgesause und versuche schlaftrunken, die Situation einzuschätzen. Es fliegt so einiges hin und her in dieser Nacht und die Bäume biegen sich sehr eindrücklich unter der Kraft des Windes. Als ein kleinerer Zweig auf unserem Zelt landet, ist der Entschluss schnell gefasst. Kurze Zeit später hat sich Lian zwei Rucksäcke umgeschnallt, Miron und ich tragen das aufgebaute Zelt mit allem Drum und Dran durch die Sturmnacht. Lian leuchtet uns den Weg. Innerhalb der Mauern der Burgruine hatten wir einen Unterstand gesehen. Dorthin ziehen wir jetzt um, und dann wird nie wieder auch nur irgendein Ästlein unsere Köpfe bedrohen, möge es noch so viel stürmen. Mantraartig murmle ich vor mich hin, dass die Burgmauern schon seit 1800 Jahren den Stürmen und Unwettern getrotzt haben. Dieser Gedanke beruhigt mich ungemein und ich rutsche in einen unruhigen Schlaf. In der Nähe ruft ein Käuzchen durch den Sturm. Erst am nächsten Morgen merke ich, dass ich mich um 1000 Jahre verrechnet habe.Read more





















TravelerIhr erlebt aber auch Sachen, die ihr nie vergessen werdet! 😜
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Der reine Wahnsinn! Gratulation 🙌
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💪🥳