• Miron will eine Burg kaufen

    September 1, 2025 in France ⋅ ☁️ 20 °C

    Miron konnte nach unserer ungeplanten Nachtwanderung kein Auge mehr zumachen, erinnert sich aber leider trotzdem daran, dass ich versprochen hatte, dem Burgturm und meinem Verstand eine zweite Chance zu geben. Auch ich bin nicht wirklich ausgeschlafen, so richtig erholsam war die Nacht nicht. Für die Turmbesteigung stellt sich dieser Zustand jedoch als Vorteil heraus. Ich schaffe es dieses Mal, meinen Schrei- und Panikimpuls erfolgreich zu unterdrücken. Oder meinem Körper fehlt schlicht die Energie dazu, vollkommen auszurasten. Ich klammere mich Halt suchend an die kleinen Holzbalken des Dachaufbaus und sitze die Situation zähneklappernd aus. Lian und Miron genießen den spektakulären Ausblick in alle Richtungen - und sicher auch die oberflächliche Ruhe meinerseits. Schwarzwald, Vogesen, Kaiserstuhl und sogar die Alpen sind zu sehen. Miron ist so begeistert, dass er einen folgenschweren Entschluss fast: Er will sich eine Burg kaufen. Die Bernstein wäre nicht schlecht, meint er. Oder die alte Windstein. Oje, ob er vielleicht doch einen Ast auf den Kopf bekommen hat? Oder legt sich das mit auskuriertem Schlafmangel wieder? Mir schwant Schlimmes als wir aufbrechen zur Besichtigungsrunde der angrenzenden Burgen. Vielleicht passt eine andere noch besser? Lian schnitzt ihm kurzerhand aus einer Süßkartoffel (Warum haben wir eine Süßkartoffel dabei???) ein Modell der idealen Wohnburg zur Entscheidungsfindung. Miron schleppt uns zum Chateau d'Ortenbourg - nicht schlecht, gleiches Baumaterial wie die Bernstein, aber der Turm ist nicht begehbar. Ich fände das eigentlich einen absoluten Pluspunkt, aber Miron zieht schon weiter zur Burg Ramstein. "Zu klotzig, kein Turm", es reicht ein einziger prüfender Blick. Also wird es wohl die Bernstein werden, die Windstein ist ihm zu baufällig, kann ich meine Höhenangst angehen, schön. Im Tal suchen wir im Örtchen Chatenois nach dem verantwortlichen Burgbesitzer, aber die Bürgersteige sind schon hochgeklappt. Das Dorf hat sich auf den drohenden Wolkenbruch vorbereitet, wir nicht. Kurzerhand ziehen wir für ein paar Stunden in die Bushaltestelle ein, enttäuschen zwei Busfahrer, die sich über Fahrgäste gefreut hätten und machen Bekanntschaft mit Fred, der Austauschraupe aus Deutschland. Er freut sich sehr, mal wieder in seiner Muttersprache sprechen zu können und will uns am liebsten gar nicht gehen lassen. Schließlich hat er ein Einsehen und versteht, dass wir schon genug zu tragen haben und ihn leider nicht mitnehmen können. Wir trauern seiner netten Gesellschaft ziemlich hinterher, doch nicht sehr lange. Denn an unserer Hütte für die Nacht angekommen - dieses Mal wollen wir uns direkt unter ein festes Dach legen - gesellen sich zwei weitere Austauschraupen zu uns, dieses Mal von der Sorte "Zweibeiner". Clio aus Wiesbaden und ihr Freund Marcel stolpern heran als wir gerade mit unserem Zelt den kompletten Eingang der Hütte ausgefüllt haben. Sie laufen den Hexatrek wochenweise, jedes Jahr eine Woche und sind nach ihrem ersten Wandertag der diesjährigen Etappe vollkommen fix und fertig. Sie schaffen es gerade noch, ihre Schlaflager auf den Tischen der Hütte zu errichten, dann sinken sie in sich zusammen und stopfen verschiedene Tüteninhalte in sich hinein. Die beiden tun uns leid, gegen sie sind wir fit wie Turnschuhe. Wir räumen die Hütte - umziehen mit aufgebautem Zelt haben wir ja gut eingeübt. Zur Belohnung bleibt es diese Nacht windstill, nur der Regen lullt uns in den Schlaf. Kein Käuzchen ruft diese Nacht, Miron träumt von seinem zukünftigen Leben als Burgherr.Read more