Rufe oder La grande finale
September 2, 2025 in France ⋅ ⛅ 21 °C
Die Nacht hat keine Heilung gebracht, Miron hält an seinem Burgvorhaben fest. Uns hat die Kunde ereilt, dass in nicht allzu weiter Entfernung, wenn wir dem Weg in südlicher Richtung folgen, eine Burg auf dem Berge thronen soll, die fix und fertig bezugsbereit ist und keine Träume unerfüllt lässt. Eigentlich hatten wir den Plan, von hier aus uns gen Osten zu wenden und den Rhein per Fuß zu überqueren, um wieder in heimatlichen Gefilden anzukommen. Doch der Ruf der Haut Königsbourg ist zu stark, wir trotten also südwärts. Schon am Fuße des Burgberges dämmert uns, dass der Ruf in viele Richtungen und weit gestrahlt hat. Obwohl es noch früh am Tage ist, sind zahlreiche Burgherren in spe aus allen Himmelsrichtungen angereist. Ihre eisernen Kutschen bedecken bereits ein Drittel der Gasse, die zum Objekt der Begierde führt. Am Burgtor laufen wir zwei Wächtern in die Arme, die unsere Wanderstöcke als unrechtmäßige Bewaffnung empfinden und uns kurzerhand all unser Gepäck abnehmen. Wir sind gar nicht böse, befreit von unserer Traglast die Besichtigungstour der Immobilie anzutreten. Wahrlich ist die Burg ein Augenschmaus und sehr gut in Schuss. Doch die Massen weiterer Kaufinteressenten, die sich vor und hinter uns durch die Gemäuer schieben, vereiteln jeden Versuch, kurz innezuhalten und das volle Potential der Wohnräume abzuschätzen. Unverrichteter Dinge spült uns die Menge schließlich wieder auf den Burghof - wir haben nicht einmal den Kaufpreis erfahren können. Immerhin bekommen wir unser Gepäck wieder auf den Rücken geschnallt und können unbehelligt von dannen ziehen. Nach dem Bad in der Menschenmenge verdrücken wir uns so schnell wie möglich wieder in die Stille des Waldes und beschließen einhellig, dass die halb verfallenen Burgen deutlich zu bevorzugen sind. Noch zwei weitere Burgmodelle liegen in Reichweite, also steuern wir sie an, durchstreifen weitere Täler und Hügel. Am Horizont können wir nun immer deutlicher den Kaiserstuhl erkennen, dahinter den Schwarzwald und dort - in der Biege - lugt ein Zipfel Freiburgs hervor. Die Ruinen der Haut Ribeaupierre und des Chateau St Ulrich sind schnell besichtigt, den Turmcheck besteht nur St Ulrich, der Blick ins Tal ist von beiden Steinhaufen aus klar und unverstellt. Am Horizont ruft Freiburg. Ein kleiner Pfad windet sich über Stock und Steine an den Burgen vorbei nach Ribeauvillé, die Vegetation mutet beinahe mediterran an. Die Altstadt von Ribeauvillé hat sich jedoch dem Mittelalter verschrieben. Von hier aus wären es zwei Tagesmärsche gen Osten nach Hause. Freiburg ruft schon wieder, dieses Mal laut und deutlich. Es ruft etwas von Katzen und Hasen, Schildkröten und Urlaubsende. Wir verstehen es nur undeutlich und so richtig will ich es auch gar nicht verstehen, denn insgeheim weiß ich nur zu gut, was diese Rufe bedeuten. Wir müssen unsere Reise beenden, hier und heute. Den ganzen Tag schon habe ich diese böse Tatsache verleugnet. Nun sitze ich schweren Herzens auf den Stufen vor der Touristinformation und recherchiere nach Zugverbindungen an den Ort, an den wir nun unablässig gerufen werden. Ein Bus trägt uns nach Selestat, ein Zug in den Süden nach Basel, unkompliziert und direkt geht anders. Ein wenig verloren stehen wir bei Nachteinbruch in Freiburg und kommen genau in dem Moment in Ebnet an als ein Schwerlasttransport sich durch die Gassen quält. Die Zivilisation hat uns wieder, große Dinge gehen hier vor sich. Die Rufe haben ihre Richtung geändert, nun kommen sie aus Westen und laden uns ein, unseren Weg fortzusetzen. Bald. So bald wie möglich. Schließlich müssen wir noch eine Burg kaufen.Read more

























TravelerEine wundervolle Geschichte! Danke, dass ich daran teilhaben durfte.
Traveler
Ihr seht glücklich aus.