• Im Busch - Der Timber Trail

    February 1 in New Zealand ⋅ ☀️ 21 °C

    Ich verbringe die erste Nacht im Busch. Es gibt kein Internet, kein Empfang. Es ist 20:20 Uhr. In den hohen Baumwipfeln ist noch goldenes Sonnenlicht, da oben geht ein leiser Wind. Hier unten ist es fast dunkel und total still. Keine Zirpen, kein Vogel. Sowieso seit acht Stunden kein Autogeräusch, auch kein Flugzeug. Das einzig Unnatürliche hier sind mein Fahrrad und ich.
    Wie sind wir hier her gekommen?
    Nach dem schönen Abend mit der Familie in Cambridge wachte ich mit Sonnenschein auf und machte mich auf den Weg weiter nach Süden. Immer am Waikato River entlang. Das ist der mächtigste Fluss der Nordinsel. Ich fuhr oft an gewaltigen Wasserkraftwerken und riesigen Staudämmen vorbei.
    Neuseeland hat kein Atomkraftwerk.
    Der Fluss bietet vielseitige Freizeitmöglichkeiten. Schon vor einiger Zeit habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass die Maori als Minderheit im Parlament dem Fluss und dem Whanganui River 2017 als weltweit erstem Fluss per Gesetz eine eigene Rechtspersönlichkeit verliehen. Das Gesetz anerkennt ihn als unteilbares, lebendiges Ganzes mit allen Rechten, Pflichten und Verbindlichkeiten einer juristischen Person, basierend auf der Maori-Weltanschauung. Zwei Treuhänder vertreten seine Interessen, was ihn vor Schäden schützt.
    Das heißt, der Fluss wird rechtlich wie ein Mensch oder eine juristische Person behandelt. Der Rechtsstreit der Maori darüber ging 140 Jahre lang, um den Fluss als lebendiges Wesen zu schützen.
    Sehr interessant, wenn man das weiter denkt!
    Ich fuhr durch Arapuni und konnte es nicht lassen, dort über die Hängebrücke zu fahren, obwohl sie nicht auf meinem Weg lag. Hängebrücke hört sich dann mal unspektakulär an. Aber: sie ist sehr hoch und sehr lang und sehr wackelig!
    Es hat mich tatsächlich Überwindung gekostet und mein Puls war doppelt so schnell. Die Brücke hat gewackelt, damit mein Gepäck ebenso, das Rad ist einfach gerollt und ich fixierte nur irgendwie die andere Seite der Brücke. Die Augenwinkel registrieren die Tiefe des Tals unter mir, der Kopf wusste, fahr einfach geradeaus, halte das Rad stabil - nichts anderes!
    Was danach kam, waren 55 km, die mich fast ans Limit brachten. Nach recht schönen kleinen Straßen übers Land folgte ich einem 30 km langen Trail, der nicht für Backpacker gemacht scheint. Über dem oft gestauten Fluss wandt sich der Pfad so steil auf und ab, dass ich das Gepäck nicht selten vor dem Fahrrad hinauf tragen sollte. Spät am Abend kam ich in Mangakino an. Und hatte beschlossen, morgen von dort ein Stück mit dem Bus zu fahren.
    Wieder ein verschlafenes Nest, aber immerhin mit einem kleinen Lädchen. Natürlich kein Campingplatz.
    Eine Bushaltestelle gibt es auch, aber der Bus fährt erst nächste Woche. Okay, erstmal essen, schlafen und morgen sieht die Welt ganz anders aus.
    Und tatsächlich!
    Es ist doch wirklich immer wieder erstaunlich, wie wir mit etwas Schlaf Körper und Seele regenerieren können!
    Ich wachte auf und dachte, na dann fährst du einfach weiter. Die 50 km zum nächsten Trail sollten doch wohl machbar sein. Dafür musste ich genau überlegen: ich brauchte Wasser und Essen für mindestens drei Tage. Mangakino ist die letzte Möglichkeit, einzukaufen.
    Gesagt getan. Ich hatte knapp sechs Liter Wasser, drei Avocado, Bananen, Brot, Porridge, Nüsse.
    So fuhr ich los. Wunderschön am Stausee entlang. Bis mal wieder meine geliebten metallenen Absperrungen kamen. Alles so schön gepackte Gepäck musste runter, über die Straße getragen und wieder aufgebunden werden. Als ich so dabei war, alles wieder aufzubinden, dass nichts bei dem Geholper runterfallen könnte, kamen zwei Geländemotorräder und warteten, dass sie an mir vorbei konnten. Ich fragte aus Spaß, wie man sich solch eine Konstruktion für Fahrräder ausdenken könne, die da nicht durch passen.
    Der ältere lachte und sagte, das alles wäre ja nur wegen Leuten wie ihnen, dass sie dort nicht Motorrad führen!
    Toll! Und sie führen ja doch und ich habe meine Schwierigkeiten.
    Alle fuhren weiter. Nach vier km sah ich die Motorradfahrer stehen: Vor einer weiteren Absperrung. Sie hatten auf mich gewartet und hoben das bepackte Fahrrad über das Metallgestell - wie cool mal wieder!
    Sie stellten sich als Vater und Sohn vor. Daniel und sein Sohn.
    Wo ich eigentlich hin wolle.
    Auf den Zubringer zum Timber Trail.
    Das sei aber kein so schöner Weg mehr, sie könnten mich hoch bringen.
    Wow, was für ein Angebot! Nach den ersten schönen Kilometern am See ging es vierzig Kilometer staubige Schotterstraße gut 500 Höhenmeter hinauf, sodass ich ursprünglich froh sein konnte, bei der Hitze irgendwann am Spätnachmittag oben zu sein
    Viel schöner war es, das Rad zwischen die Motorräder auf den Pickup zu stellen und einfach schnell da hoch zu fahren! Daniel versicherte, nichts für den Tag weiter geplant gehabt zu haben. Und es sind ja nur vierzig km ..!
    So war ich schon mittags am Startpunkt eines in Insider-kreisen sehr bekannten Single-Trails.
    Der Weg ist insofern von historischer Bedeutung, als dass hier damals die besonderen, uralten Kauri-Bäume gerodet wurden. Aufgrund ihrer hohen, sehr gerade gewachsenen Stämme wurden sie für den Bau der Häuser und Möbel, später für den Export nach China verwendet. Es wurde immenser Aufwand betrieben, das wunderbare Holz zu roden.
    Ich fuhr einfach los. Es war klar, dass ich niemals in der Hälfte der 84 km ankommen würde. Erst bei 42 km gäbe es einen Campground. Aber den heißen Nachmittag abzuwarten und erst am nächsten Tag zu starten, dafür war das Glück zu groß, jetzt schon hier zu sein!
    Es war besonders, so lange durch den Busch zu fahren! Bald hatte ich die Orientierung verloren. Die Sonne schien, aber ich wusste nicht, woher.
    Ich folgte einfach dem Pfad.
    Elf km bergauf. Aber es war schön!
    Nicht zu heiß und durch das Sonnenlicht lieblich und eine freundliche Natur.
    Vor allem die mächtigen, uralten Kauri-Bäume, die damals "vergessen" wurden, gaben das Gefühl von Schutz und Geborgenheit und ich schlief dankbar irgendwo im Busch mit dem Gedanken ein,
    heute den exakten Mittelpunkt der Nordinsel überquert zu haben.
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