• Die Silberminen von Potosí 🪨

    29. Dezember 2025 in Bolivien ⋅ ☁️ 8 °C

    Mit dem Nachtbus geht es von La Paz nach Potosí für eine Tour durch die bekannten Silberminen. Potosí liegt auf über 4.000 Höhenmetern, es ist kalt, staubig und irgendwie hat hier fast jeder Laden geschlossen. Hoch über der Stadt thront der Cerro Rico, der „reiche Berg“, der einst der Motor des spanischen Weltreichs sein sollte – und dabei unzählige Leben forderte. 🪨

    Im 16. Jahrhundert wurde hier Silber in unfassbaren Mengen gefördert. Der Reichtum, der aus Potosí nach Europa floss, finanzierte Paläste, Kriege und ganze Imperien. Der Preis dafür war brutal: Indigene Zwangsarbeiter, später afrikanische Sklaven, arbeiteten unter unmenschlichen Bedingungen in den Minen. Man sagt, dass der Berg mehr Menschenleben verschlungen hat, als er Silber hervorgebracht hat. ⛰️
    Heute werden immer noch verschiedene Materialien aus dem Cierro Rico gewonnen - hauptsächlich Silber, Zinn, Kupfer, Blei und Wolfram. Die Abnehmer sind China, Japan, Australien und auch Europa. 🗺

    Wir besuchen die Mine im Rahmen einer Tour. Unser Guide ist Francisco, ein "Survivor" wie er sagt. Er hat selbst 15 Jahre in der Mine gearbeitet und hat aufgrund eines schweren Unfalls aufgehört. Das Kopftuch, das er trägt, verdeckt vermutlich noch Spuren seines Schicksals. Umso eindrucksvoller sind seine Erzählungen...👷

    Bevor es hineingeht, kauft man auf dem Minenmarkt Geschenke für die Arbeiter: Kokablätter, Alkohol, Zigaretten, Dynamit. Alles Dinge, die helfen, den harten Alltag unter Tage zu ertragen. Dann geht es los: Schon der Eingang ist niedrig, dunkel und beklemmend. Mit Schutzkleidung, Helm und Stirnlampe kriechen wir durch enge Gänge, vorbei an bröckelnden Wänden und rostigen Schienen. Immer wieder stellen wir uns eng an die Wand oder in Nischen, um den Minenarbeitenden mit ihren Waggons vor sich Platz zu machen. Und genau das ist, was diesen Ort so schwer verdaulich macht - die Gegenwart im Inneren. Männer und Frauen (teils 16 Jahre alt oder jünger) arbeiten hier täglich unter lebensgefährlichen Bedingungen, oft ohne ausreichenden Schutz und für teils 20 Stunden am Stück. Ihre "Arbeitskleidung" sind Helme, Stirnlampen, Gummistiefel, eine Jeans und ein Real-Madrid-Trikot oder Ähnliches. Aus diesem Grund ist die Lebenserwartung eines Minenarbeitenden erschreckend niedrig. Aber für die Menschen ist es oft die einzige Möglichkeit, ein überdurchschnittliches Einkommen zu erzielen und ihre Familie zu ernähren. Francisco spricht oft davon, dass er es für seine Kinder und deren Zukunft macht. Er ist in 4. Generation Minenarbeiter in Potosí.

    Insgesamt verbringen wir 2 Stunden in den wirren Gängen der Mine. An einigen Stellen erzählt er uns, dass er diese Stützen gebaut oder Schienen gelegt hat. Tief in einem kleinen Gang werden wir in sicherem Abstand sogar Zeugen einer Sprengung. Wir hören den dumpfen Knall und spüren noch die Druckwelle. An Tageslicht ist das schon aufregend, aber unter Tage... 🧨

    Drinnen lernen wir „Tío Jorge“ (Onkel George) kennen – eine dämonenartige Figur, die in fast jeder Mine steht. Die Minenarbeiter verehren ihn, denn unter Tage, so glauben sie, herrscht nicht Gott, sondern der Teufel. El Tío bekommt Opfergaben: Alkohol, Zigaretten, Kokablätter. Diese braucht er für Energie, um auf seinen Schultern den Berg zu stützen, und mit seinem angedeuteten Glied den Berg zu befruchten, also die Ausbeute zu verbessern. 🪨

    Nach den zwei Stunden sind wir sehr froh, dass wir wieder ans Tageslicht kommen. Francisco erzählt, dass er teilweise für 30 Stunden in der Mine war. Wir lernen, dass hier Metalle für die ganzen großen Autohersteller gefördert werden und, dass Potosí mit Abstand die höchste Dichte an Luxusautos in Bolivien hat. Den einfachen Arbeitenden hilft das wenig. Wir sind schockiert darüber, wie wenig Schutzausrüstung es gibt, wie normal der Konsum von Alkohol während der Arbeit ist, wie anstrengend die Arbeit und wie schlimm die Arbeitsbedingungen sind. Potosí ist kein Ort, den man „schön“ nennen kann, aber einer, der im Gedächtnis bleibt. Reichtum und Ausbeutung liegen hier eng beieinander, weil in 2025 Edelmetalle abgebaut werden wie vor 100 Jahren für die Autos der Zukunft. Wieso haben wir es gemacht? Naja, so sieht in der Realität ein Arbeitsplatz in der ersten Station einer Lieferkette aus, an dessen Ende wir dann stehen. "Así es la vida" - So ist das Leben hier in Bolivien und das wollen wir kennenlernen 🇧🇴

    Wir fragen uns, ob das EU Lieferkettengesetz hier etwas geholfen hätte oder, ob es einfach umgangen worden wäre...
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