• Khinaliq - das höchstgelegene Dorf Aserbaidschans

    September 4 in Azerbaijan ⋅ ☀️ 17 °C

    Endlich erreichen wir am Ende der asphaltierten Straße Khinaliq. Von hier geht es nur noch zu Fuß oder mit Pferden weiter. Es gilt als das höchstgelegene, dauerhaft bewohnte Dorf Aserbaidschans. Seit 2023 gehören Khinaliq und der historische Wanderweg „Köç Yolu“ zum UNESCO-Welterbe.

    Die Menschen – ein Volk für sich

    Die Menschen, die hier seit Jahrhunderten leben, nennen sich selbst Kettish (Kətiş). Sie bilden eine eigene ethnische Gruppe und sprechen Khinalug, eine Sprache, die mit dem Aserbaidschanischen und den meisten anderen Kaukasussprachen nicht verständlich ist.

    Die Herkunft der Khinalug wird häufig mit den alten Völkern des kaukasischen Albanien in Verbindung gebracht. Das ist allerdings eine historische Hypothese und keine lückenlos nachgewiesene Abstammung. Archäologisch ist die Besiedlung der Gegend dagegen sehr alt: Ausgrabungen belegen eine menschliche Besiedlung bereits in der Frühen Bronzezeit, also im späten 4. Jahrtausend v. Chr.

    Interessant ist, dass die Menschen trotz der extremen Abgeschiedenheit keineswegs völlig isoliert waren. Über Jahrhunderte verbanden sie die Berge mit anderen Regionen durch Saumpfade und saisonale Wanderwege. Das traditionelle Leben der Khinalug ist halbnomadisch. Und genau das macht den Ort so besonders.

    Im Sommer ziehen die Menschen mit ihren Schafen und anderem Vieh auf die hohen Sommerweiden. Im Winter geht es hinunter in wesentlich mildere Regionen auf die Winterweiden.

    Dazwischen liegt der etwa 200 Kilometer lange Köç Yolu – der „Migrationsweg“. Er ist kein historischer Wanderweg im touristischen Sinne, sondern eine bis heute teilweise genutzte Lebensader der Bevölkerung. Die UNESCO bezeichnet diese vertikale Transhumanz als ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie sich eine Gesellschaft über Jahrtausende an eine extreme Berglandschaft angepasst hat.

    Die wichtigste traditionelle und bis heute bedeutende wirtschaftliche Grundlage ist die Viehzucht. Insbesondere die Schafhaltung spielt eine große Rolle. Wir sehen immer wieder große Herden auf den Weiden, mit oder ohne Schäfer.

    Das Vieh liefert:

    • Fleisch
    • Milch und Milchprodukte
    • Wolle
    • Leder und weitere tierische Produkte
    • und sogar Dung als Brennmaterial.

    Letzteres klingt zunächst ungewöhnlich, ist in dieser kargen Hochgebirgsregion aber ausgesprochen wichtig: Getrockneter Tiermist wird traditionell zu Brennmaterial verarbeitet und sitzt sauber aufgestapelt vor jedem Haus.

    Auch die Landwirtschaft dient hauptsächlich der Viehzucht. Auf den wenigen möglichen Terrassen wird vor allem Futter für die Tiere angebaut, von Hand gemäht und dann zu Türmen aufgesetzt. Die Menschen haben dafür über Jahrhunderte Terrassen und einfache Bewässerungssysteme entwickelt.

    Und heute? Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Der Tourismus gewinnt zunehmend an Bedeutung. Seit der Verbesserung der Straße und vor allem seit der UNESCO-Anerkennung kommen deutlich mehr Besucher.

    Einige, wenige Familien bieten Übernachtungen an, bewirten Gäste mit Tee und hausgemachten Produkten oder arbeiten als lokale Führer. Trotzdem ist Khinaliq kein künstlich für Touristen geschaffenes Museumsdorf. Die Menschen leben dort tatsächlich und führen – zumindest teilweise – ihre traditionelle Lebensweise weiter. So freuen wir uns ganz besonders auf den Besuch bei einer Gastfamilie.
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