Unsere erste Höhlenstadt Wardsia
September 19 in Georgia ⋅ ☁️ 18 °C
Wardsia war im 12. und 13. Jahrhundert keine Ansammlung primitiver Höhlen, sondern eine voll ausgebaute, mehrstöckige Festungs- und Klosterstadt im Fels. Zur Blütezeit unter Königin Tamar lebten dort mehrere hundert Mönche dauerhaft – bei feindlichen Überfällen bot die Anlage Schutz für Tausende Menschen aus der Umgebung.
Der Tagesablauf war stark vom georgisch-orthodoxen Klosterleben und von harter praktischer Arbeit geprägt.
Der Tag begann lange vor Sonnenaufgang. Im Zentrum stand die Mariä-Entschlafens-Kirche mit ihren reich bemalten Fresken. Glockenschläge oder Klappergeräusche hallten durch die Felsspalten und riefen zu den Stundengebeten.
Neben der Seelsorge war Wardsia ein geistiges Zentrum. In eigenen Schreibwerkstätten (Skriptorien) kopierten und illustrierten Mönche wertvolle Handschriften und theologische Texte.
Tagsüber arbeiteten viele Bewohner außerhalb der Felswand im Tal der Kura. Sie bewirtschafteten terrassierte Gärten und Weinberge und hielten Vieh.
Was heute offen zur Schlucht liegt, war vor dem verheerenden Erdbeben von 1283 größtenteils im Berginneren verborgen. Nur schmale Fenster und Schießscharten durchbrachen die Felswand. Eine typische Zelle bestand meist aus zwei bis drei in den Tuffstein gehauenen Räumen: einem Vorraum, einer Wohn-/Schlafkammer und einer kleinen Vorratsnische. Betten, Bänke, Regalnischen und Tische wurden direkt aus dem Felsen gemeißelt und mit Fellen, Stroh und gewebten Wollteppichen wohnlich gemacht. Im Inneren war es oft dämmrig. Für Helligkeit sorgten Tonöllampen und Bienenwachskerzen. Rußspuren an den Decken zeugen bis heute von offenen Feuerstellen und Backöfen (Tone), deren Rauch über schmale Schächte nach außen geleitet wurde.
Die Stadt funktionierte autark wie ein hochkomplexer Organismus: Über ein ausgeklügeltes System aus gebrannten Tonröhren floss frisches Quellwasser aus dem Berg direkt in Brunnen und Zisternen auf verschiedenen Etagen. Wein war Nahrungs- und Ritualmittel. In den Felsböden befinden sich tiefe Pressbecken und in den Boden eingelassene Tonkrüge (Qvevri), in denen tonnenweise Wein gekeltert und gelagert wurde. Gegessen wurde schweigend im großen Refektorium (Speisesaal), während geistliche Texte vorgelesen wurden. Das Brot wurde in Gemeinschaftsbackstuben gebacken.
Im Ernstfall wurde das Kloster zur uneinnehmbaren Festung. Über steile, im Fels verborgene Tunnelsysteme und Falltüren konnten sich die Bewohner schnell zwischen den bis zu 13 Stockwerken bewegen. Die Eingänge waren durch schwere Steintüren und geheime Schleichwege gesichert, sodass Feinde von unten kaum ahnen konnten, wie weit das Netzwerk tatsächlich in den Berg hineinreichte.Read more
























