• Chorprobe mit Störung

    18. november 2025, Sydsudan ⋅ ☀️ 32 °C

    FB: An die hundert Kinder werden es wohl sein, die auf uns warten, als wir den Kindergarten Ave Maria am Vormittag besuchen. Die meisten tragen rot-weiße Schuluniformen. Denn im Gegensatz zu unseren Kindergärten sind diese hier bereits Teil der schulischen Bildung. Die Altersspanne reicht von drei bis zu gut zehn Jahren. Sr. Lilian managt den Kindergarten, entsprechend respektvoll wird sie von drei Lehrerinnen und einem Lehrer empfangen. Erst stellen sich diese vor, dann sind wir an der Reihe. Die Kinder lernen schnell, als wir unsere Namen sagen und wo wir herkommen, brüllen sie auf Kommando „Franz“, irgendetwas Ähnliches wie „Christian“ und „Germany“. Wieviele Kinder wir haben, wollen sie wissen und wie diese heißen. Ich versuche dann ein wenig zu erklären, was Winter in Bayern bedeutet. Schnee hat natürlich noch niemand von den Kindern gesehen, als ich pantomimisch vormache, was es heißt, barfuß im Schnee zu laufen, ertönt lautes Gelächter. Später zeige ich dann Fotos auf meinem Handy, große Verwunderung und staunendes Ah und Oh.

    Als Lilian fragt, was die Kinder einmal werden wollen, überwiegt der Beruf Ingenieur, für den Arztberuf ist dagegen kaum jemand zu begeistern.

    Dann folgt der schwierigste Teil des Vormittags. Lilian hatte uns gebeten, ein deutsches Kinderlied vorzutragen und mit den Kindern einzuüben. Ich hatte mich für „Alle meine Entchen“ entschieden, nicht weil dieses alberne Lied zu meinen Favoriten gehört, sondern weil die Melodie höchst einfach und der Text pantomimisch gut darzustellen ist. Denn permanente Bewegung ist bei hiesigen Gesängen unverzichtbar. Der Lernerfolg war überwältigend. Schon nach wenigen Übungen hatten die meisten die Melodie aufgenommen und konnten zwar nicht wirklich textsicher, aber laut mitsingen. Als dann auch noch die Bewegungen mit Hilfe dreier freiwilliger „Vortänzerinnen“ eingeübt waren, gingen an die hundert Köpfe bei der entsprechenden Textstelle nach unten und die Arme als Schwänze nach oben.

    Der bedauerliche Vorfall, der den entspannten und heiteren Rahmen sprengte, folgte anschließend, als wir uns gerade zu einem Gruppenfoto aufstellen wollte. Einige Kinder liefen plötzlich weg. Der Grund: Fünf Soldaten bzw. Polizisten mit automatischen Gewehren tauchten plötzlich auf dem Schulhof auf. Lilian versuchte das zu verhindern und unmissverständlich klarzumachen, dass Waffen auf dem Kindergartengelände nichts zu suchen hätten. Schnell stellt sich heraus, dass die bewaffneten Uniformierten angeblich für die Sicherheit eines Trupps mit gelben Warnwesten sorgten. Diese waren nach eigenen Angaben gekommen, um alle Kinder gegen Polio zu impfen. Da niemand von dieser Impfaktion wusste und auch keinerlei Einverständnis der Eltern vorlag, weigerten sich die Verantwortlichen des Kindergartens, die Aktion mitzutragen. Selbst auf die Drohung hin, Sr. Lilian mitzunehmen, blieben sie standhaft. Am nächsten Schultag bekommen die Kinder jetzt eine Information für die Eltern mit,dass diese am übernächsten Tag mit in den Kindergarten kommen sollten. Mit deren Einverständnis ist aber kaum zu rechnen. Das hängt auch mit Gerüchten zusammen, Pharmakonzerne würden die unübersichtliche Situation im Südsudan zu Impfversuchen nutzen. Fr. Avellino erzählt von Lautsprecherdurchsagen in hiesigen Dörfern und Camps, in denen die Menschen mit erpresserischen Drohungen zu Impfungen aufgefordert würden. Sonst würden sie keinerlei medizinische Versorgung mehr bekommen, außerdem dürften die Kinder ohne Impfungen nicht mehr zur Schule gehen. Was an diesen Gerüchten stimmt, können wir hier nicht überprüfen. Einleuchtend wäre es, gibt es doch in einem „failed State“ wie dem Südsudan keinerlei staatliche Kontrolle, die solche Aktionen verhindern könnte. Nach einer längeren Debatte zogen sich Impftrupp und Soldaten/Polizisten zurück und die verbliebenen Kinder stellten sich zu einem Gruppenfoto auf. Nicht verwunderlich ist es, dass bei der anfänglichen Frage nach Berufswünschen Soldat“ oder „Polizist“ nicht ein einziges Mal fielen.
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