• “No worries about tomorrow”

    August 30, 2013 in Indonesia

    Ida fährt uns weiter zu einem traditionellen balinesischen Zuhause. Das Hausnummernschild zeigt die Anzahl der Frauen (Pria) und Anzahl Männer (Wanita) an, wie auch die Summe der Bewohner (Jumlah) des Hauses. Mir vergeht die gute Stimmung und zum ersten Mal erkenne ich bewusst mein Glück in Deutschland geboren worden zu sein. Ich komme mir reich vor, aber unbehaglich. Nein, ich komme mir nicht nur so vor, ich bin es auch. Ich hab ja alles. Ich hab mehr und nochmal mehr. Ich weiß es jetzt von Herzen zu schätzen und hoffe, dass ich den Gedanken behalten werde.

    Ein alter Mann im Rollstuhl lächelt mich an. Ein Hund ist angekettet. Die Katze hat offene Wunden am ganzen Körper verteilt.
    Ich stehe in diesem Hof 6 Stunden deutscher Zeit voraus und doch 600 Jahre zurückversetzt. Und es ist nicht das einzige Haus in Bali, nicht auf der Welt.

    Der Hof besteht aus einzelnen Hütten:
    Eine Hütte als Schlafzimmer (6 Betten), eine offene Hütte mit einem wunderschönen großen Bett – für das Leben und den Tot (=Geburt- oder Sterbebett). Die Verstorbenen bleiben hier eine Weile liegen, bis die Familie Geld für die Beerdigung zusammengespart hat. Eine Familie verdient im Schnitt 20.000 Rupien – 2$ - 1,50€.

    Ich gehe weiter. Eine Hütte, die ich nicht als „“Küche“ bezeichnen will und eine Hütte, das jetzt wirklich kein Badezimmer ist. Direkt nebenan die Schweine. Ein Brunnen aus dem das Wasser kommt – zumindest gibt es einen.

    Ida erzählt uns außerdem von ihrem System – dem Kastensystem. Jeder Mensch gehört einer Schicht an, wobei die Frau dem Mann folgt. Heiratet die Frau in eine höhere Schicht ein, hat sie viel Glück und erlangt Ansehen, gehört der Mann allerdings einer unteren Kaste an, muss sie runter gehen. Zurück zu ihrer Familie kann sie danach nicht mehr, von ganz bestimmten und sehr aufwendigen Ausnahmen abgesehen. Der Mann hingegen bleibt in seiner Kaste. Gebärt die Frau ihrem Mann keinen Sohn, hat dieser das Recht darauf sich eine neue Frau zu nehmen. “Natürlich” liegt die “Schuld” an der Frau. 🙅🏼‍♀️

    Ida hat Glück gehabt, ihre 2 Kinder sind Jungs und erleichtert kann sie darüber lachen, dass ihr Mann noch bei ihr ist. Wobei Ida auch einer besseren Kaste angehört.
    Unterstützt werden die Einheimischen vom Staat in keinster Weise, dafür gibt es eine großherzige Nachbarschaft und ein Geben und Nehmen unter der Bevölkerung. Man gibt sein Essen, seine Hilfe denen, ganz selbstlos, die sie brauchen. Ida ergänzt: „No worries about tomorrow. Whether you are dead or alive. Nothing else.“

    Ich betrete eine wunderschöne Außenanlage mit schönen Verzierungen. Der Platz ist fast so groß wie alle Hütten zusammen. Es ist der eigene Tempel. Jedes Haus hat seinen eigenen Tempel. Und jeden Tag bringst man seinem Gott etwas. Was man isst, was man bekommt, alle Reichtümer werden geteilt und abgegeben. „Everday you do your offer“.
    Isst du Fleisch, bringst du deinem Gott Fleisch, erhälst du Geld, bringst du ihm Geld. Der Balinese arbeitet 12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, um Gott Opfer zu bringen. Ein Leben für den Glauben. Ein Leben für Gott. Ein Leben für dein Karma. Ein Leben für dein Leben danach.
    Deshalb auch die Blumen und Schälchen vor jedem Haus, es sind die Opfergaben. Die Dankbarkeit an Gott und Fernhaltung des Bösen.
    Read more