• Colonia Dignidad

    April 7 in Chile ⋅ ☀️ 19 °C

    Im Reiseführer lesen wir, dass man die frühere Sekte Colonia Dignidad besuchen kann und dass heute dort in bayrischem Ambiente Eisbein und Sauerkraut serviert werden und Oktoberfest gefeiert wird. Schon ziemlich schräg erscheint uns das vor dem Hintergrund der Misshandlungen und sexuellem Missbrauch an zahlreichen Opfern. Aber wir sind neugierig und so fahren wir hin. Das Gelände ist immer noch eingezäunt und man muss eine bewachte Schranke durchqueren. Blöderweise ist heute wohl alles geschlossen, aber wir können mit dem Wohnmobil gern übernachten und morgen eine geführte Tour machen und so bleiben wir da. Auf dem Gelände gibt es heute ein Hotel und Restaurant, ein Festzelt und allerlei Bespaßungen. Aber es leben auch noch etwa 120 Mitglieder der Gemeinschaft dort. Einen davon, Friedhelm, treffen wir da und er erzählt uns gleich einiges über die Colonia. Paul Schäfer, ein Prediger brachte in den 60erJahren 200 Menschen aus Deutschland dazu, mit ihm nach Chile zu kommen, um dort eine christliche Gemeinschaft aufzubauen. Keiner der Personen, die ihm folgten, wusste, dass dieser in Deutschland wegen Missbrauchs an kleinen Jungen gesucht wurde. Ebenfalls ahnten sie nicht, dass er, einem Diktator ähnlich, mit völliger Unterwerfung und Gehirnwäsche seine Gefolgsleute zu Fronarbeit zwingen würde, sie überwachen ließ, die Familien trennen Kinder mit Elektroschocks bestrafen und regelmäßig die Jungen sexuell missbrauchen würde.
    Trotz dieser Misshandlungen schufen die Kolonisten in wenigen Jahren auf dem etwa 15000 ha großen Gelände eine unglaubliche Leistung, So wurde ein Krankenhaus aufgebaut, in dem die Patienten aus dem umliegenden Ortschaften kostenlos behandelt wurden, es wurde eine Molkerei, Autowerkstatt, Schuhmacherei und Schneiderei gebaut und das Land wurde fruchtbar gemacht.
    Am nächsten Tag machen wir eine geführte Tour mit Erika. Sie kam als kleines Kind gleich zu Anfang von Deutschland mit. Drei Stunden berichtet sie von ihren Erfahrungen und dem Leben in der Kolonie, u.a. dass Paul Schäfer die Kinder von den Eltern trennte und sie von "Tanten" erzogen wurden, dass jeglicher Kontakt zum anderen Geschlecht untersagt war und bei den kleinsten Verstößen mit Elektroschocks bestraft wurde, aber auch, wie sich alle fügten und dieses Leben als völlig normal betrachteten, weil sie von der Außenwelt völlig isoliert waren. Als Paul Schäfer Ende der 90er Jahre nach Argentinien flieht, weil mittlerweile geflohene Mitglieder aussagten und nach ihm gefahndet wird, sind die Kolonisten plötzlich allein gestellt und es fällt ihnen schwer, nach jahrzehntelanger Gehirnwäsche ein eigenes Leben aufzubauen. Als Erika ihren Mann, ebenfalls ein Mitglied der Gemeinschaft heiratet, wissen die beiden, mittlerweile über 30 Jahre alt, nicht, wie Kinder entstehen und warten darauf, dass ihnen jemand welche schenkt. Erika spricht eine schwangere Frau aus dem Dorf an und sagt ihr, dass sie doch mal etwas dagegen tun soll, weil sie immer dicker wird. Und als die beiden von einem Arzt aufgeklärt werden, müssen sie feststellen, dass sie wegen der jahrelangen Elektroschocks der Genitalien und Medikamenten-Verabreichung keine Kinder bekommen können. Tränen stehen Erika in den Augen, als sie uns davon erzählt. Es ist unfassbar, was die Menschen hier jahrzehntelang über sich ergehen lassen haben. Aber umso verständlicher ist, dass dieses Tortur sie zusammen geschweißt hat und sie dort wohnen bleiben möchten. Erika erzählt uns auch, dass sie trotz dieser dunklen Vergangenheit hier einen Touristenort geschaffen haben, um endlich Freude und Leben an diesen Ort zu bringen. Und das fühlen wir beide auch. Wir bleiben noch eine Nacht, denn es herrscht eine so friedliche Atmosphäre in einer so grünen und angenehmen Umgebung, dass man geneigt ist, sich hier häuslich niederzulassen.
    Read more